NIEDERGÖRSDORFER
WEIHNACHT
Das große Krippenspiel
Gut besuchte Niedergörsdorfer Weihnacht am neuen Spielort in Zellendorf
Als
Natur-Theater-Wunder bezeichnen sie die Macher, die Niedergörsdorfer Weihnacht.
Zum achten Mal in Folge wurde das besinnliche Freiluftspektakel aufgeführt. Erstmals
fand die Niedergörsdorf Weihnacht auf dem Gelände des Flugplatzes der Fläming
Air in Zellendorf statt. Das Publikum folgte - die Bänke waren voll besetzt. Dramaturgisch
war der Standortwechsel sicherlich ein guter Griff. Alles wirkte näher als auf
dem früheren Gelände. Akteure und Zuschauer kamen enger zueinander. Beinahe zum
Greifen nah zogen die Hirten mit Fackeln an der Kulisse vorbei. Eisig wehte der
Wind über das freie Feld. An der Krippe von Bethlehems Stall loderte ein Feuer,
dessen Rauch und Asche über den Platz zogen. Maria und Josef zogen mit dem Christkind
auf und ab, begleitet von Weisen aus Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium
und Erzählungen zur Weihnachtsgeschichte aus Lautsprechern. "Friede sei mit euch"
lautete die Botschaft. Es ist die stets alte und doch immer wieder neue Geschichte
der Geburt Jesu. Hunderte von Schafen grasten auf einer Koppel im Hintergrund.
Nach den Hirten zog eine Karawane, bestehend aus Ponys, Lamas und einem Dromedar
zwischen Krippe und Zuschauern vorbei. Und über allen leuchtete der Stern von
Bethlehem. Inszeniert wird die Weihnachtsgeschichte in jedem Jahr vom Theater
'89 aus Berlin, das sonst das Kulturzentrum "Das Haus" in Altes Lager bespielt.
"Es ist immer wieder schön, dieses Natur-Theater-Wunder zu inszenieren", sagte
Hans-Joachim Frank, Regisseur und künstlerischer Leiter des Theaters. Die Mitwirkenden
des Freiluft-Krippenspiels sind Laienschauspieler, Leute aus der Region, die in
jedem Jahr immer wieder gern dabei sind. Für Joana und Ines Bebert aus Welsickendorf
war es eine Premiere. Sie führten angeleint ihre Schafe "Shorn" und "Oscar" im
Tross mit sich. "Die Tiere sind friedlich und neugierig zugleich. Dieser Auftritt
ist etwas völlig neues für sie", berichtete Joana Bebert. Das Lampenfieber hielt
sich bei Mensch und Schaf jedoch in Grenzen.
Märkische Allgemeine Zeitung, H-Dieter Kunze, 13.12.2011
Pressestimmen
zu HASEKS HEIMKEHR
So
ist Krieg eben
Das Bühnenbild ist bedrückend. Ein Drahtzaun spannt sich
über die kleine Schaufläche, auf der zwei graue Kisten stehen. Diese dienen je
nach Situation als Bett, Bank oder Sofa eines Psychiaters. Genauso bedrückend
wie das Bühnenbild ist auch das Stück, das von Hâseks Heimkehr erzählt. Der junge
Amerikaner kehrt aus dem Krieg zurück zu seiner Freundin und seinem Sohn. Doch
der Krieg hat Spuren hinterlassen. Wie so viele Soldaten, leidet Hâsek an einer
posttraumatischen Belastungsstörung. So sehr er sich anstrengt, er findet nicht
in sein altes Leben zurück.
Eric Henry Sanders ließ sich bei seinem Stück
"Hâseks Heimkehr" von Georg Büchners "Woyzeck" inspirieren und schafft es doch,
die Problematik des Krieges in ganz aktuelle Hüllen zu packen. Der Irrsinn des
Krieges ist zentrales Thema in "Woyzeck" und in "Hâseks Heimkehr". "So ist Krieg
eben", lässt die Figur des Sergeants im Stück verlauten. Aber wenn Krieg so ist,
darf es ihn dann überhaupt geben? Auf diese Weise regt das Stück den Zuschauer
nicht nur an, darüber nachzudenken, ob Krieg legitim ist, sondern auch auf welche
Weise mit ihm umgegangen wird.
Eric Henry Sanders Stück macht einen nicht
glücklich. Von der ersten Sekunde an fühlt man sich unwohl. Tritt Hâsek auf, so
spürt man seine Angst - vor unheimlichen Stimmen und davor, nicht für seine Freundin
sorgen zu können. Diese wiederum zeigt dem Zuschauer ihre Hilflosigkeit in jedem
Satz und jeder Bewegung.
"Hâseks Heimkehr" ist ein Stück des theater89, für
das es sich lohnt zwei Stunden Unwohlsein in Kauf zu nehmen. Denn nur so, können
wir ansatzweise begreifen, was Krieg wirklich bedeutet.
Am 16./17. September
2011 jeweils um 20 Uhr gibt es weitere Vorstellungen im theater89 in der Torstraße.
Mehr Infos zu Tickets findet ihr auf der Website www.theater89.de
http://spreewild.de/blog,
12.09.2011, Diana Höhne
So
gut habe ich Woyzeck noch nie verstanden wie im Stück »Hašeks Heimkehr«...
hier klicken und ganze Kritik lesen
Theatersommer
2011
Wo
bin ich hier? Ausflug ins Brandenburgische: »Das Haus« des Theaters 89
Ein Lebenswerk zum Wohl der Menschheit hinterlassen zu können, davon träumen viele.
Hans-Joachim Frank gründete ein halbes Jahr vor dem Mauerfall in Berlin das Theater
89, das er nach wie vor leitet. Untergebracht ist es in einem Plattenbau, der
von einer Polytechnischen Oberschule zu einer Privatschule umgestalt wurde. Was
das Lebenswerk des früheren BE-Schauspielers und Regisseurs Frank angeht, ist
die zweite Produktions- und Spielstätte seines Theaters noch imposanter: »Das
Haus« liegt in der brandenburgischen Einöde südlich von Berlin, Gemeinde Niedergörsdorf.
Vor Jahren als Ruine erworben, wurde es mit Helfern und Spenden, Schweiß und Tränen
zum Kulturzentrum ausgebaut. Am 12. August gab es hier ein Sommerfest zum 15jährigen
Bestehen. Ich stelle mir ein buntes Fachwerkhaus mit Lebensgemeinschaftsflair
vor, als ich, aus Jüterbog kommend, auf den Ort mit dem seltsamen Namen »Altes
Lager« zuradle. Die Gegend wirkt merkwürdig verlassen. Eine beendete Epoche prägt
die Landschaft. Rechts und links der fünf Kilometer langen Strecke zähle ich an
die 50 zusammengebrochene Riesengebäude, versteckt im Schilf, hinter Bäumen, am
Horizont verteilt, Fabrikhallen, überwachsene Mauern, Gewerberuinen – interessant,
aber es gruselt einen doch beim Anblick dieser schwarzen Fensterhöhlen und elend
langen Betonpisten, die hinter zugesperrten Eisenzäunen einen Eindruck vergangener
Aktivitäten vermitteln. Es gibt keine landwirtschaftliche Nutzung, reine Wildpflanzenidylle,
die wegen der Ruinen trügerisch scheint. So an die 45 Minuten begegnet mir keine
Menschenseele. Ich habe auf dem Weg noch kein intaktes Haus gesehen und glaube
mich in einem Film aus der Tschernobyl-Sperrzone, als ein verlassener Flugplatz
auftaucht. Neben den Pisten die überwucherten Hangars. Wo bin ich hier? Am Ende
an einer Kart-Bahn. Da sitzen einige Lederjackenmenschen. Sie kennen »Das Haus«,
schicken mich auf eine ebenso verlassene, nur breitere Straße. Und weiter geht
es an leeren Gebäudekomplexen vorbei, einer großen Halle und einigen kleineren,
in der sich Autowerkstätten angesiedelt haben, sehr anheimelnd. Da plötzlich ein
oranges Gebäude, das etwas völlig unpassend Hochherrschaftliches hat, Autos davor,
Menschen, eine Auffahrt, ich bin da. »Das Haus« bietet auch eine Rückschau auf
die Geschichte der Gegend. Zur Zeit des Soldatenkönigs, dann des ersten Kaisers
mußten französische Kriegsgefangene hier ein riesiges Barackenlager errichten,
daher der Name »Altes Lager«. In Vorbereitung des Ersten Weltkriegs entstand an
seiner Stelle ein militärisches Sperrgebiet. Danach wurde hier munter weiter aufgerüstet.
Vom ausgebauten Monsterflughafen starteten im Faschismus Maschinen nach Spanien.
Nach Kriegsende enstand hinter Mauern ein riesiges Areal der Roten Armee mit Läden,
Schulen, Werkstätten, Wohnblocks. Nach dem Abzug der allermeisten der 15000 Bewohner
wurden Wolgadeutsche angesiedelt, freiwillig kamen mennonitische Pfarrer und Berliner
Kulturschaffende. Einen russischen Lebensmittelladen gibt es noch. Im Theaterstück
»Kalina Krasnaja« wird am frühen Abend auch noch ein russischer Frauenchor mit
bunten Tüchern auftreten. »Das Haus« wurde als Offizierskasino der Wehrmacht errichtet,
und die getragene Sachlichkeit der Naziarchitektur ist mir ein Greuel. Aber für
welche Veranstaltungen auch immer der hohe Saal gebaut wurde, heute ist er ein
Traum für den Gründer des kleinen Berliner Dachtheaters, Hans-Joachim Frank. »Das
Haus« seines Theaters 89 ist offen für Projekte aller Art, viele in Kooperation
mit den Schulen in der Umgebung. Ein Raum, der Menschen in der Einöde Mut gemacht
hat. »Weißt du noch, wie wir hier Silvester bei Kerzenlicht und Frost aufgetreten
sind?« fragt jemand beim Sommerfest, das von zwei jungen Frauen moderiert wird,
die schon mit acht bzw. zehn Jahren an Workshops im »Haus« teilnahmen. Mit Franks
Unterstützung hat sich eine Laienspielgruppe als Volkstheater etabliert. Dafür,
was er in 15 Jahren auf diesem verlassenen Flecken Erde auf die Beine gestellt
hat, wurde er mit Glückwünschen aus ganz Brandenburg überhäuft. Einem anderen
geht es beim Sommerfest ebenso: Volker Pfüller, Plakatkünstler und Bühnenbildner.
Seit der ersten Vorstellung des Theaters 89 prägt er dessen Bild mit seinen Linolschnittplakaten.
Einige zeigt »Das Haus« bis 30. September in einer Sonderausstellung, die beim
Sommerfest mit Moll-Posaunentönen des Hauskomponisten Jörg Huke eröffnet wurde.
»Äußerste Verknappung«: Das Plakat zum Stück »Äußerste Verknappung«: Das Plakat
zum Stück Foto: Volker Pfüller Pfüllers Plakate erinnern – ein wenig wie die des
Grips-Gestalters – an das frühe BE. Sie bestechen durch äußerste Verknappung der
Form, ohne unsinnig zu werden oder an Tiefe zu verlieren. Vor kurzem wurden 50
im Essener Volkwangmuseum gezeigt. wie entwickelt er die Motive? Stück lesen,
enge Bindung an den Regisseur, Sinn und Zweck der Aufführung erfahren, Leitidee
entwickeln, ist seine ruhige, bedächtige Antwort. Manchmal dauere das Wochen,
manchmal nur einen Tag. Sein erstes Plakat war für »Woyzeck«: auf signalrotem
Hintergrund sieht man ihn, abgehetzt, schmal, im Lauf, umrahmt von den grob geschnittenen
Buchstaben seines Namens. Es folgten das Logo des Theaters 89 und Bilder zu »Medea«,
»Mein Taubentraum«, »Jugend ohne Gott«, sehr viele antifaschistische Stücke. Alle
Plakate sind völlig verschieden, und doch ist Pfüllers Stil unverwechselbar. In
einer Pause fahre ich ins »russische Viertel«, sehe wenige Menschen, alle sehr
arm. Unter dem Vorsprung des russischen Ladens hocken, da es regnet, einige einsame
Alkis. Sie kommunizieren heftig, zwei ihrer Kinder flitzen um die leeren Häuserecken,
Hunde drängen sich zwischen Sperrmüllhaufen an ihre Besitzer. Danach wird das
Stück »Kalina Krasnaja« gegeben. Man kennt nur den Film: Ein kleiner Ganove reist
aus dem Knast zu seiner Brieffreundin. Das russische Dorfleben soll ihm helfen,
die Vergangenheit in der Stadt hinter sich zu lassen. Die gutgläubige Brieffreundin
ist mit Sonja Hilberger ausnehmend gut besetzt. Sie scheint naiv, hinterwäldlerisch,
aber ist stark, schlau und gutgläubig – das im Spiel herauszuarbeiten, ist nicht
leicht, aber hier großartig gelungen, Jegor war mir manchmal zu sehr Ganove, die
anderen spielen naturalistisches Theater. Das Stück selbst ist mir etwas zu eindeutig.
Viel Vorhersehbares. Wunderschön singt der Chor der russischen Frauen, lustig
ist der Einfall, echte alte Autos in den Garten zu fahren. Als es regnet, harren
alle Zuschauer tapfer aus. Später am Abend wirde auf dem Rollfeld eines weiter
entfernten Flugplatzes, der noch in Betrieb ist, »Der kleine Prinz« in ganz neuer
Fassung gegeben. Das kann ich leider nicht mehr anschauen. Auf dem Rückweg nach
Jüterborg muß ich das Rad mit einem Platten schieben, vorbei an Mauern und Ruinen,
dazu Regen und anbrechende Dunkelheit. Meine Hochachtung gilt all denen, die sich
bemühen, aus diesen elenden Kriegshinterlassenschaften wieder bewohnbare Gebiete
zu machen.
Am 20./21. 8. zeigt »Das Haus«, Altes Lager, Gemeinde Niedergörsdorf,
das Stück »Die Gerichtsnacht«. »Der Kleine Prinz« ist am 20./21.8. und von 26.–28.8.
jeweils 21 Uhr, auf dem Flugplatz in Zellendorf zu sehen
Junge
Welt , Anja Röhl, 20.08.2011
DER
KLEINE PRINZ
Die
Notlandung ist inszeniert, aber Pilot und Flugzeug sind echt. Das Theater 89 bespielt
mit „Der kleine Prinz“ den Flugplatz in Zellendorf
„Der kleine Prinz“,
1943 von Antoine de Saint-Exupéry geschrieben, gehört heute zu den beliebtesten
Kinderbüchern. Es wurde verfilmt, vertont und unzählige Male auf die Bühne gebracht
– selbst eine Oper „Der kleine Prinz“ gibt es schon. Doch was Regisseur Hans-Joachim
Frank vom Theater 89 nun mit der Geschichte macht, ist etwas Besonderes. Er lässt
sie auf einem Flugplatz spielen – von echten Piloten und Schauspielern.
Die Idee ist bestechend einfach: In der Geschichte geht es schließlich um einen
notgelandeten Flieger, der in der Wüste auf den kleinen Prinzen trifft. Die Inszenierung
auf dem Flugplatz Fläming Air in Zellendorf beginnt mit dem Auftauchen des Flugzeugs
am Horizont. Musik setzt ein und heizt die Spannung an, bis die Cessna mit quietschenden
Reifen die Landebahn berührt.
Dem Flugzeugeigentümer und Betreiber des Flugplatzes
Rudi Hackel ist das Geräusch vertraut. „Wir haben doch schon viel tollere Sachen
gemacht – an unseren Flugtagen und auch fürs Theater 89. Bei der Produktion ,It
Works’ habe ich Flugblätter abgeworfen. Seitdem ist der Kontakt zum Theaterleiter
Hans-Joachim Frank nicht abgerissen.“
Die Aufführung des Stücks „It Works!“
von Oliver Bukowski war vor 10 Jahren auf einem verlassenen Kasernengelände in
Niedergörsdorf ein Theatercoup. Mehr als 100 Darsteller ließen satirisch überhöht
Rituale der alten DDR lebendig werden, inklusive einer Parade zum 1. Mai mit Spruchbändern,
Fahnen und vielen schweren Fahrzeugen. Es kamen so viele Zuschauer, dass das Stück
auch in den folgenden Jahren gespielt werden konnte. Daran würde das Theater 89
nun mit seiner neuen Open-Air-Produktion gern anknüpfen. Die Gruppe bringt nur
relativ selten derart große Spektakel heraus. Dass sie in der Region fest verwurzelt
ist, hat eher mit der Konstanz ihrer Arbeit zu tun. Sie präsentiert in Niedergörsdorf,
ihrem zweiten Standort neben der Berliner Torstraße, jedes Jahr zwei bis drei
neue Produktionen – in vielen Stücken dürfen Laiendarsteller aus der Region mitspielen.
Der Regisseur und Theaterleiter Hans- Joachim Frank arbeitet mit Chören, Schulkindern
und Trachtengruppen. Das bringt ihm viel Sympathie ein. Das Besondere am Theater
89 sei „die Nähe zu den Leuten“, sagt Flugplatzchef Rudi Hackel. Hier in dieser
ländlichen Region werden die Menschen eher wenig mit Kunst und Kultur konfrontiert.
Aber wenn man auf sie zu geht, nehmen sie das Angebot gern an. 40 Akteure sind
diesmal dabei – ein Trachtenverein, zwei Chöre, die Jugendfeuerwehr Zellendorf
und Flugplatzmitarbeiter, die bei einer großen Prozession die Requisiten tragen.
Trotzdem wirkt die Produktion über weite Strecken verhalten. Nach der Notlandung
des Flugzeugs tritt der kleine Prinz im weißen Overall an den Piloten heran und
bittet ihn, ein Schaf zu zeichnen. Der Text, der vorab im Studio aufgezeichnet
wurde, wird über Lautsprecher eingespielt. So ist trotz der teilweise recht großen
Distanz der Zuschauer zum Spielgeschehen alles gut zu verstehen. Fest installierte
Sitze gibt es nicht. Das Publikum folgt den Akteuren von Spielort zu Spielort.
Vom Rollfeld geht es auf eine Wiese, wo der kleine Prinz auf einem acht Meter
hohen Gerüst die Bewohner fremder Planeten trifft. Danach wandert er zu einem
Spielplatz und zu einer bunt beleuchteten Bühne, wo die Chöre und Trachtengruppen
ihren Auftritt haben. Wenn die donnernde Musik verstummt, folgt Stille. Grillen
zirpen, der Mond scheint – laute und leise Momente wechseln sich ab. Auf spektakuläre
Action-Szenen hat Regisseur Frank verzichtet. Er setzt auf die Poesie des Textes
und die Romantik des Flugplatzes in der Abenddämmerung.
Theater 89, Spielort
Flugplatz Fläming Air in Zellendorf. G033741-71304. Termine: 13./14. 19-21. und
26.-28. August, jeweils 21 Uhr.
Berliner
Morgenpost, Oliver Kranz, 13.08.2011
BÜHNE:
Da kann man nur staunen Das Theater 89 bezaubert mit dem kleinen Prinzen sein
Publikum
Es gibt Momente – selten genug –, da weiß man plötzlich, was
Theater sein kann. Da bleibt einem die Luft weg, setzt einen Augenblick lang das
Herz aus. Da kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Es ist ein kindliches Staunen,
eines, das sich schwer beschreiben lässt. Man muss es erleben – wie die Zuschauer
der von Hans-Joachim Frank, dem Gründer und Leiter des Theaters 89, inszenierten
Fassung von Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“. Am späten Freitagabend
geht sie auf dem Flugplatz Zellendorf (Teltow-Fläming) nach zwei Stunden langsam
aber sicher ihrem Ende entgegen. Es ist ein Theaterfest für die ganze Familie,
bei dem man auch als Erwachsener noch einmal Kind sein darf. Hinter der Kasse
hat es vor Beginn für kleines Geld Lampions mit Sonne oder Mond und Sternen gegeben.
So leuchtet sich jeder selbst den Weg von Spielstätte zu Spielstätte. Inzwischen
zeigt die Uhr elf. Doch noch immer brennen die Kerzen. Noch immer läuft das Spiel,
springen die Kinder umher, ziehen die Eltern und Großeltern mit ihren Kleinen
umher. Gerade geht es vom Flugfeldrand zur nahen Waldkante, wo Bernhard Geffke
als sichtlich gutgelaunter Conférencier in einem krachroten Anzug den Auftritt
der Dennewitzer Flämingtrachten ankündigt. Die Frauen, ein Mann ist dabei, tanzen
auf einer flachen Bühne zu „Annemarie“ und stimmen sogleich noch „Draußen vor
dem Dorfe“ an. Bunte Schürzen drehen sich im Takt. Der Zylinder bleibt trotz des
Schwungs auf dem Kopf des einzelnen Herrn. Flämingtrachten, Volksmusik und Saint-Exupéry?
– Niemanden wundert das heute, denn an diesem Abend landet der kleine Prinz im
Märkischen. Seine „Wüste“ liegt elf Kilometer südlich von Jüterbog, gleich hinter
dem flachen Zellendorfer Flugplatzgebäude. Hier erinnert sich am Anfang der Vorstellung
der Erzähler an die seltsame Begegnung mit dem aufgeweckten Jungen. Rudi Hackel
öffnet das Verdeck der Peregrine SL, des Ultraleichtflugzeuges, das seine Firma
Fläming Air in Zellendorf baut. Er klettert in das Cockpit. Hackel, im richtigen
Leben Flugplatzbetreiber und Flieger, spielt jetzt Theater. Seinen Text hören
wir aus Lautsprechern. Ein Schauspieler des Theaters 89 hat ihn auf das Band gesprochen.
Dann steigt ein Flugzeug in die Luft. Martin Eckardt dreht eine Runde, landet
sicher, lässt die Cessna ausrollen, steigt aus und trifft den kleinen Prinzen.
Leonhard Geffke spielt diesen mit hinreißend kindlicher Ehrlichkeit. Marie-Luise
Frost leiht ihm ihre Stimme. Der Junge nimmt den Piloten ins Kreuzverhör, fragt
ihn aus, zeigt in den Himmel, zu seinem Planeten und zu den Sternen hinauf, muss
aber bald schon an den Stuntmen Alister Mazotti übergeben, damit dieser uns auf
einer acht Meter hohen Plattform die Heimat des Prinzen vorstellen kann. Mazotti
gießt die Blume (Nathalie Hünermund), fegt die Vulkane, begegnet König, Säufer
und Geografen. Schließlich fliegt er an einem Drahtseil auf die Erde hinab. Dort
gibt er dem kleinen Leonhard seine große Prinzenrolle zurück, damit dieser den
Fläming entdeckt. Beim Auftritt der Trachtengruppe mischt er sich unter die Zuschauer.
Er hört den Gemeindechor Niedergörsdorf-Dennewitz „Lauf, Jäger, lauf“ singen und
den Frauenchor Raduga aus dem Ortsteil Altes Lager russische Lieder anstimmen.
Zweimal fällt der Strom aus. Doch beide Male ist prompt ein Techniker zur Stelle,
um die Panne zu beheben. Das Publikum klatscht. Die Frauen singen weiter. Als
Rudi Hackel und Bernhard Geffke Reinhard Meys „Über den Wolken“ singen, flitzt
ein kleines Mädchen um die Singenden herum. Da staunt selbst der kleine Prinz.
Schließlich treten zwei überlebensgroße Puppen aus dem dunklen Kiefernwald heraus
– ein riesiger Fuchs und ein Junge. Sie werden an langen Stangen von dunkel gekleideten
Menschen geführt und von Scheinwerfern angestrahlt. In den offenen Flanken des
Tieres kann man die bloßen Rippen sehen. So überraschend, so faszinierend ist
dieser Moment, so schön und friedlich, dass vielen der Zuschauer zur gleichen
Zeit ein einziges „Ah“ entfährt, ein leiser Ausruf des Staunens. Was für ein Theatermoment!
Wie heißt es im Text? „Die Erde hat einen guten Ruf.“ – Hier in Zellendorf ganz
bestimmt.
Nächste Vorstellungen: 19. bis 21. und 26. bis 29. August, jeweils
21 Uhr. Straße am Flugplatz, Zellendorf. Infos unter 033741/71304.
MAZ,
Martin Stefke, 15.08.2011
KULTUR:
Geradezu märchenhaft Das Open-Air-Spektakel „Der kleine Prinz“ vom Theater 89
feiert Premiere
„Diese Aufführung ist ein wunderbares Geschenk“, bedankte
sich Landrat Peer Giesecke (SPD) in seiner Rede zu Beginn des Premierenabends.
Das Theater beschenke sein treues Publikum mit einem einzigartigen Theatererlebnis,
dabei hätte es eigentlich selbst Geschenke an diesem Abend zum Jubiläum erhalten
müssen, sagte er. Das Theater 89 aus Berlin belebt schon seit 15 Jahren die hiesige
Kulturlandschaft. Mit seinen Produktionen im „Haus“ in Altes Lager zählt es zu
den beliebtesten Kultur-Institutionen in der Region. Anlässlich des Jubiläums
inszenierten die Schauspieler unter Regie von Hans-Joachim Frank nun ein Stück
Weltliteratur. Am Sonnabend feierte die Freiluft-Aufführung von „Der kleine Prinz“
des französischen Schriftstellers Antoine de Saint-Exupéry Premiere auf dem Flugplatz
in Zellendorf. In einem Spektakel zwischen Waldrand und Landebahn, in einem Gesamtkunstwerk
aus Schauspiel, Konzert, Flugschau und Kostümtheater überraschte die Truppe ihr
zahlreich erschienenes Publikum. „Ich hatte eigentlich ein normales Theaterstück
auf einer Bühne erwartet, aber dieses Spiel auf der gesamten Fläche mit den vielen
Ortswechseln hat mich schwer beeindruckt“, sagte Claus Verstrepen aus Potsdam.
Die Romanvorlage musste man nicht unbedingt vorab kennen, um die Aufführung und
die liebevolle Geschichte verstehen und genießen zu können. Die Ausstattung, die
Kostüme, die Requisiten – all das war geradezu märchenhaft und zog von Beginn
an das Publikum in den Bann. Insbesondere der kolossale Riesen-Fuchs am Waldrand
oder auch der Planet des kleinen Prinzen auf einem hohen Podest hatten es den
Zuschauern angetan. Das Stück, das von einem Piloten, seinem Flugzeug, und von
einem kleinen Prinzen, der aus dem Weltall auf die Erde kommt, erzählt, konnte
keine bessere Kulisse finden. Der Flugplatz in Zellendorf ermöglichte dem Publikum
ohne große Mühen das Eintauchen in die anrührende Geschichte. Es gab ein echtes
Flugzeug, einen echten Piloten, einen fast wolkenfreien Sternenhimmel und viel
Platz, um die Geschichte zu erzählen. Eine große Bühne mit Vorhängen vermisste
das Publikum nicht. „Es war so unglaublich beeindruckend und mal etwas völlig
anderes“, schwärmten zum Beispiel Stephan Emmrich aus Langenlipsdorf und Claudia
Hasenpusch aus Jüterbog, auch ihnen machte es Spaß, zwischen den verschiedenen
Schauplätzen während der Szenen umherlaufen zu können. „Es war, als ob der Mond
extra für das Stück kurz den Vorhang aus Regenwolken beiseite geschoben hätte“,
sagte die Zuschauerin Ilse Illesch aus Bardenitz. Der Darsteller des „kleinen
Prinzen“, Leonhard Geffke, ist erst neun Jahre alt, spielte jedoch bezaubernd
und verdiente sich großen Applaus. Auch ein kurzzeitiger Stromausfall konnte der
Magie des Stücks nichts anhaben. Die Schauspieler überzeugten mit Talent und Improvisationsvermögen.
Auftritte des Raduga-Chors, des Gemeindechors Niedergörsdorf und der Trachten-Tanzgruppe
aus Dennewitz gaben dem Theaterstück eine besondere Note.
Weitere Aufführungen
am 19., 20., 21., 26., 27. und 28. August, jeweils um 21 Uhr auf dem Flugplatz
Fläming-Air Zellendorf
MAZ,
Kathrin Burghardt, 15.08.2011
Ein
Glücksfall erster Güte
Volker Pfüller hat alle Inszenierungen des Theaters
89 bebildert / Seine Plakate sind längst Kunst
Vor ihm gab’s nur ein Plakat. Und das war ein Fotodruck zur Eröffnung. Volker
Pfüller hat allen Inszenierungen des Theaters 89 in den vergangenen 15 Jahren
ein graphisches Gesicht verliehen. Mal verspielt und in pastelligen Tönen wie
für die „Beauty Queen von Leenane“ von Martin McDonagh, mal gradlinig und grellrot
wie für Georg Büchners Woyzeck. Trotzdem tragen die Bilder des 72-Jährigen immer
seine Handschrift, davon konnten sich die Besucher einer Ausstellung im Haus in
Altes Lager gestern überzeugen. Zum Auftakt der Jubiläumsfeierlichkeiten wurden
dort Pfüllers 20 liebste Plakate gezeigt. „Griffig und lebensnah“ will er sein,
sagt er. „Intellektuelle Pointen“ interessieren ihn weniger. Er will den Leuten
etwas sagen. Und das gelingt offenbar. „Manche kommen nur, um ein Plakat von ihm
mitzunehmen“, sagte Dramaturg Jörg Mihan. Um Werbung gehe es bei den Werken Pfüllers
höchstens in zweiter Linie. „Die Plakate haben einen eigenen Kunstwert. Sie repräsentieren
das Theater.“ Uneinigkeit über ein Plakat gab es in den 15 Jahren kaum einmal.
Die Zusammenarbeit mit Pfüller sei „ein Glücksfall erster Güte“. Das Plakat zu
Antoine de St. Exupérys „Der kleine Prinz“, der am Abend auf dem Flugplatz Zellendorf
Premiere feierte, ging dem Grafiker besonders leicht von der Hand. Die Erben haben
bestimmt, dass immer das Motiv von St. Exupéry benutzt werden muss. (Von Angelika
Pentsi)
MAZ,
Angelika Pentsi, 11.08.2011
BÜHNE:
Nicht vom Himmel gefallen
Das
Berliner Theater 89 feiert 15 Jahre Theaterarbeit in Brandenburg NIEDERGÖRSDORF-ZELLENDORF
- Sie sind vom Himmel gefallen, aber nicht auf den Kopf. Der Flieger nicht und
auch nicht der kleine Prinz. Nein, die Figuren aus dem Buch des französischen
Schriftstellers und Piloten Antoine de Saint-Exupery kann man schon schlagfertig
nennen. "Zeichne mir ein Schaf", fordert der kleine Prinz den Piloten auf. Und
dieser tut es, obwohl er meint, er könne das gar nicht. Mit dem Ergebnis ist sein
Gegenüber auch nicht zufrieden. Er will keine Schlange sehen, die einen Elefanten
verschluckt hat. Und so versucht es der Pilot weitere Male, bis er eine Kiste
auf das Papier setzt. "Hier", erklärt er. "Das Schaf ist da drin." Der Prinz ist
zufrieden.
Der Westwind trägt die Stimmen über den Flugplatz Zellendorf
(Teltow-Fläming). Sie kommen vom Band, das Schauspieler des Theaters 89 besprochen
haben. An der Waldkante arbeiten Techniker an einem Podest. Auf der Wiese neben
der Gaststätte "Stolpervogel" errichten Gerüstbauer eine kreisrunde, acht Meter
hohe Bühne. Auf dem Flugfeld proben Laien. Sagen wir besser: Experten. Denn der
Pilot in der Produktion "Der kleine Prinz", mit der das Theater 89 ab Freitagabend
15 Jahre Theaterarbeit in der Region feiern wird, ist ein echter Flugzeugführer:
Martin Eckardt, neben Firmengründer Rudi Hackel der zweite Mann in der Geschäftsleitung
der Firma Fläming Air. Ein Mann vom Fach also, einer, der für ein ungewöhnliches
Theaterereignis schon mal eine Notlandung simulieren kann. Jetzt aber steht seine
Maschine sicher auf dem Boden und Leonhard Geffke, der Experte in Sachen Prinz,
darf zu ihm. Der Sohn von Schauspieler Bernhard und Inspizientin Martina Geffke,
neun Jahre alt, scheint angespannt. Nicht nur, weil er auf das Flugfeld kann,
hin zur Cessna 172, einem Viersitzer mit Propeller und leuchtend weißen Tragflächen.
Leonhard muss sich merken, was Hans-Joachim Frank, der Regisseur und künstlerische
Leiter des Theaters 89, ihm sagt, wann er wo stehen oder den Arm heben soll. "Wenn
ich da nur alles richtig mache", seufzt er. Doch als Eckardt ihn auf die Maschine
hebt, sind die Bedenken vergessen.
Hans-Joachim Frank gibt präzise Anweisungen.
Er kennt das Stück genau. In Carlos Medinas Inszenierung am Berliner Ensemble
hat er einst selbst den Fuchs gespielt. Das ist lange her. 1989 kündigte der Schauspieler,
um ein eigenes Theater zu gründen. "Mich hat gestört, dass da alles eine einzige
Soße war", erinnert er sich an das Brecht-Theater. "Nur Künstler unter sich."
Ein Grund, weshalb Frank und seine Truppe heute nicht nur in der Torstraße in
Berlin, sondern auch im Land Brandenburg zwischen Treuenbrietzen und Jüterbog
zu Hause sind. "Es reicht nicht, schöne Inszenierungen zu machen", sagt er, "und
zu warten, dass Leute kommen. Das Theater muss sich selbst bewegen."
1994
entdeckt Hans-Joachim Frank im Niedergörsdorfer Ortsteil Altes Lager ein verlassenes
Offizierskasino. Schnell ist die Vision geboren, daraus eine Spielstätte zu machen.
1996 ziehen die Theatermacher in die Ruine ein und beginnen zu spielen. Hauptamtsleiterin
Andrea Schütze kann sich gut erinnern. Im Sommer war sie zwar in der Elternzeit.
"Als ich aber im Oktober wiederkam, sagte der Bürgermeister: ‚Ich habe ein Theater'".
Dem Staunen folgt Begeisterung. Als Hans-Joachim Frank 1999 die Laienspielgruppe
"Mühlengeister" gründet, kommt sie zu den Proben. Auch ihre Töchter spielen bald
im Kulturzentrum "Das Haus". Vor 15 Jahren sei kaum zu ermessen gewesen, "was
sich da alles Wunderbares entwickeln würde". Viele Menschen hätten damals sowohl
die Verwaltung als auch die Theatermacher für verrückt erklärt. "Ein Haus mit
3700 Quadratmetern Nettonutzfläche - das schafft ihr nie."
Sie schafften
es. Alles schien zu gelingen. Die Gemeinde beantragte Fördermittel, brachte einen
stattlichen Eigenanteil. Die Bilanz ist jedoch nicht nur positiv. Das Finanzielle
wurde immer schwieriger. Die Berliner Projektförderung halbierte sich, das Land
Brandenburg gibt bisher 105 000 Euro pro Jahr in den Etat. Dennoch glaubt Frank
an den Erfolg. Für ihn muss Theater in einem Flächenland "doch in die Fläche gehen".
Man dürfe da nicht nur die alten Strukturen der Stadttheater fördern. Jetzt wird
aber gefeiert. Mit "Der kleine Prinz" auf dem Flugplatz Zellendorf und natürlich
im Kulturzentrum "Das Haus".
"Der kleine Prinz": Premiere am 12. August,
21 Uhr.
Weitere Vorstellungen 13., 14., 19. bis 21. und 26. bis 29. August.
Zellendorf (11 km südlich von Jüterbog).
Weitere Infos: 033741/ 71304 oder
www.theater89.de.
MAZ,
Martin Stefke, 11.08.2011
Pressestimmen
zu
Projekt AFRIKA - Fremde
Lupenrein
- Afrikaprojekt
Die Geschichte eines älteren deutschen Arztehepaars,
das nach Sierra Leone geht, um in einem Lazarett zu arbeiten. Unversehens werden
sie Teil der gewaltsamen Interessenkonflikte des Bürgerkriegs.
Mit drei Stücken
nähert sich das Theater 89 dem Thema Afrika. Neben dem Flüchtlingsdrama „Letztes
Territorium“ und einer Spielfassung von Antoine De Saint-Exuperys „Die Wüste“
gibt es die Uraufführung „Lupenrein“ von Rafael Kohn. Das Stück folgt einem gutbürgerlichen
deutschen Arztehepaar auf eine Hilfsmission nach Sierra Leone. Ihr guter Wille
ist echt, doch die gewohnten moralischen Wahrnehmungsmuster werden in der Bürgerkriegsrealität
schnell irritiert – wer sind die Guten, wenn sich Afrikaner untereinander bekriegen?
Ist eine arbeitgebende Diamantenmine wichtiger als ein kurzlebiges Schulprojekt?
Und freuen sich nicht alle Schwarzen über die Hilfe von guten Weißen? Der Zuschauer
weiß selten mehr als die Protagonisten, das Bühnenbild (Klaus Noack) verstärkt
das Gefühl, die Umgebung nicht fassen zu können: Gitterzäune ringsum, die Schutz
nur suggerieren und durch die man nie genau sehen kann, was dahinter passiert;
umso verstörender die Splitter, die man wahrnimmt. Viel didaktischer der zweite
Abend: „Letztes Territorium“ von Anne Habermehl versammelt Informationen über
Flüchtlinge und deutsche Wohlstandsbürger, lebendige Figuren entstehen nicht daraus.
zitty, Susanne
Stern, 08/2011
Afrika-Projekt
im Theater: Der überforderte weiße Mann
Und dann drehen sie durch, die Europäer, die eigentlich den Afrikanern helfen
wollten. Der Arzt Thomas Hübner setzt im Feldlazarett die Säge an, um einem Kindersoldaten
den Arm abzunehmen, obwohl der nur eine leichte Schusswunde hat. Aus Rache: Der
minderjährige Revolutionskämpfer hat Thomas’ Freund Klaus umgebracht. Moritz sticht
im Stuttgarter Park einen afrikanischen Dealer ab, der ihm Ecstasy – „White Shit
for White Shit“ – verkaufen wollte. Aus Wut und Enttäuschung, weil sein Freund
Mehdi abgeschoben wurde. Die zwei zeitgenössischen Stücke beim Afrika-Projekt
des 8theater 89 – „Lupenrein“ von Rafael Kohn und „Letztes Territorium“ von Anne
Habermehl – zeigen überforderte Gutmenschen, deren schwarz-weißes Weltbild an
den Widersprüchen einer komplexen Wirklichkeit zerschellt. In „Lupenrein“ reist
das vom Hilfswillen beseelte Ehepaar Hübner nach Sierra Leone, in den Bürgerkrieg.
Der Arzt Thomas (Bernhard Geffke), anfangs ein sanfter Nickelbrillen-Intellektueller
und Idealist, zerbirst unter dem Druck. Marianne 8(Angelika Perdelwitz) hingegen
bleibt in Westafrika, um ihr Schulprojekt für die Kinder im Flüchtlingscamp fortzusetzen.
Der zynische Pragmatiker Klaus (Alexander Höchst) trinkt, um sein lupenreines
Gewissen zu bewahren, obwohl er seine Diamantmine von brutalen Söldnern verteidigen
lässt. Erzählt ist „Lupenrein“ konsequent aus Sicht der Europäer. Überdeutlich
ist das Stück des 1980 in Luxemburg geborenen Autor und Politikwissenschaftler
Rafal Kohn. Die typisierten Figuren bleiben auch in der Uraufführungs-Regie des
theater 89-Intendanten Hans-Joachim Frank leblos und schematisch. Schießereien,
eine Vergewal8tigung, blutige Hände – die Kriegsgräuel finden plakativ auf der
Bühne statt. Als Lehr- und Dokumentarstück angekündigt, wird „Lupenrein“ durch
landeskundliche Tonbandinfos zum Belehrtheater. Alexander Höchst scheint vor aggressiver
Männlichkeit schier zu platzen. Angelika Perdelwitz hüpft mädchenhaft über die
mit rotem Teppich ausgelegte Bühne – und lächelt auch an unpassenden Stellen.
Ramsès Bawibadi Alfa – Autor, Theaterleiter und Schauspieler aus Togo, der eigens
für das Afrika-Projekt eingeflogen wurde – zeigt sein Können erst in der Rolle
des Mehdi. Anne Habermehls „Letztes Territorium“ ist ein genau gearbeitetes Kammerspiel,
differenzierter und trotz mancher Klischees glaubwürdiger als „Lupenrein“. Habermehl
greift die postkoloni8alen Konflikte an den Grenzen Europas auf und holt das Fremde
nach Stuttgart: Mehdi steht plötzlich vor Moritz’ Tür. Moritz (Pit Bukowski) und
seine Mutter Nathalie (Katrin Schwingel) haben Mehdi im Fuerteventura-Urlaub halb
verdurstet am Strand gefunden. Ein algerischer Migrant, mit Schwimmflügeln und
dem klaren Ziel, sich in Deutschland als Ingenieur zu etablieren. Moritz lässt
sich von seinem Gast ausnutzen: Mehdi braucht Geld, „dieser Aldi-Fraß macht mich
krank / Ich muss mir Fahrscheine kaufen / Und Klamotten ich sehe aus wie ein Penner“.
Aufstiegsbewusst ist der Arbeitsmigrant, genauso auf seinen Vorteil bedacht wie
Moritz’ Vater Gerard (André Zimmermann), der Mehdis Geschichte für die journalistische
Karriere nutzt. Fast zwangsläufig scheitert auch diese Annäherung von Afrika und
Europa: Als Moritz beim Klauen für Mehdi erwischt wird, zeigt Nathalie den Illegalen
an. Und ihr Sohn sticht zu. Exemplarisch zeigen die beiden Stücke das Dilemma
von den guten Absichten und dem schlechten Handeln. Zur Theater-Trilogie ergänzt
hat sie das theater 89 mit zwei Texten des adeligen Abenteurers Antoine de Saint-Exupéry,
„Der kleine Prinz“ und „Die Wüste“.
Berliner
Morgenpost , Elena Philipp, 30. März 2011
Afrika und Afrikaner - drei Abende am Berliner "theater
89"
"Ich bin ein Spießer"
Das
Off-"theater 89", das sich schon vor dem Mauerfall in Ostberlin gründete,
bewährt sich wieder als Bühne, die politisch aktuelle Probleme aufgreift
und dazu die Arbeiten junger Dramatiker zur Aufführung bringt. Jede Spielzeit
geht das Team unter Leitung von Hans Joachim Frank dabei ein Bündnis ein
mit jugendlichen Laien und wichtigen Gästen. Einige Gäste dieser Spielzeit
sind von afrikanischer, auch arabischer Herkunft: Dass der Immigrant als Schauspieler
seine Probleme selber darstellt, wirkt im "theater 89" glaubhaft. Textteile
in den fremden Sprachen dienen diesem Ziel.Das neue Projekt "Afrika - Fremde"
hatte jetzt an drei Abenden hintereinander Premiere. "Lupenrein" von
Rafael Kohn zeigt in einem fast agitatorischen Lehrstück die hoffnungslose
Situation eines deutschen Ärzte-Ehepaares, das dem Vorbild des früheren
Freundes folgend, nach Sierra Leone reist, in ein Camp nahe der Diamantenminen.
Die "Firma" hält ihre Arbeiter hinter Stacheldraht und missbraucht
die Mediziner, um nach verschluckten Diamanten zu suchen.
Die Schrecken des
Bürgerkrieges verkehren die guten Absichten in ihr Gegenteil. Hungernde müssen
aus dem überfüllten Camp ausgewiesen werden. Die Gewinne eroberter Minen
werden von marodierenden und verstümmelnden "Freiheitskämpfern"
nur zu neuen Waffenkäufen genutzt. Die Realiät führt die Gutmenschen
und ihr "lupenreines" Gewissen ad absurdum. Das gegenseitige Vertrauen
wird zerstört, der Mann (Bernhard Geffke) resigniert, die Frau (Angelika
Perdelwitz) will weitermachen. Die tödlichen Gegensätze werden mit kurzen,
fast filmischen Szenen beleuchtet. Eine Fülle von Informationen überdeckt
die Gestaltung der inneren Konflikte. Das wird deutlich, wenn der wortreiche Sarkasmus
des bereits gebrochenen Freundes (Alexander Höchst) schwächer wirkt
als die wenigen, nüchternen Wahrheiten, die der Söldner Lody de Jaeger
spricht. (sehr gut Johannes Achtelik in dieser Rolle).
Am zweiten Abend kam
"Letztes Territorium" von Anne Habermehl zur Aufführung. Ramsès
Bawibadi Alfa als Flüchtling fesselt vom ersten Augenblick an. Eine verlassene
Ehefrau (Katrin Schwingel) reist mit ihrem Sohn Moritz (Pit Bukowski / Jonas Hussel)
nach Buenaventura. In beider Leben tritt der Afrikaner Mehdi. Er ist kein politisch
Verfolgter, er ist gläubiger Moslem und nicht kriminell. Er sagt von sich
ironisch: "Ich bin ein Spießer". Er will in Deutschland leben
und Geld verdienen, er will Glück haben. Ein Menschenrecht? Es wird ihm nicht
gewährt. Es beginnt eine Tragödie... In der dramatischen Konsequenz
ist das stimmig. Diese Tragödie hat dabei ihre feinen poetischen und komischen
Momente. Jede Szene, die die Handlung treibt, hat eine Sprache, die enthüllt
oder raffiniert verhüllt. Anhaltender Beifall.
Mit "Die Wüste"
und "Der kleine Prinz", ausgewählten Texten von Saint Exupèry,
schafft der dritte Abend endgültig einen ganz in die poetische Übersetzung
gehobenen Umgang mit dem Thema "Afrika - Fremde". Der Sprachklang des
französischen Urtextes (Marie-Luise Frost) oder des arabischen (Guillermo
Manuel Heyser, Rachid Zaoujal) feiert förmlich die Schönheit dieser
Fremde. Die Begeisterung des Dichters verbindet sich mit seinem Verständnis
für die Hassliebe der Bewohner der Wüste gegenüber den Kolonisatoren.
In
den Szenen aus "Der kleine Prinz" (Pit Bukowski / Moritz Meyer) führen
die Darsteller ihr ganzes artistisches Vermögen vor. Zu jeder Szene, wie
der mit dem Geologen (Horst Westphal) oder jener mit dem Fuchs (Bernhard Geffke)
klang ein leises, genussvolles Lachen im Publikum auf. Klaus Werner Noack schuf
für die drei Inszenierungen knappe, feine Szenenbilder und Kostüme.
Neues
Deutschland, Ricarda Bethke, 23.03.2011
Algerien
im deutschen Wohnzimmer
„Letztes Territorium“
von Anne Habermehl läuft am Theater 89
„Bretter, die die Welt bedeuten“
– Anne Habermehl nimmt das wörtlich. In ihrem Stück „Letztes Territorium“, das
nun im Berliner Theater 89 unter der Regie von Hans-Joachim Frank Premiere hatte,
ist die Bühne Flüchtlingsboot, Allinclusive- Hotel, Auffanglager, Gefängniszelle,
Stuttgarter Mittelstandswohnung, Frankfurter Hotelzimmer, Baumhaus, Flughafen.
Die Orte wechseln rasant wie die Szenen – schließlich geht es um Fluchten. Mehdi,
Ingenieur aus Algerien, flieht vor den krisenhaften Zuständen in seinem Land,
um für seine Familie den Weg ins vermeintliche Paradies Deutschland zu ebnen.
Angespült an den Strand von Fuerteventura, finden ihn Nathalie und ihr pubertierender
Sohn Moritz. Die beiden sind auf der Flucht vor dem Stuttgarter Alltag, sie vor
Scheidungs-, er vor Abnabelungsproblemen. Vater Gerard, seinerseits auf der Flucht
vor dem Lokaljournalistenalltag mitten hinein in die Karrieremühle eines prestigeträchtigen,
überregionalen Blattes, sitzt in seinem Frankfurter Hotelzimmer und lauert auf
die Story seines Lebens. Im fernen Fuerteventura gibt Moritz, der sich nach der
ungleichen Begegnung am Strand verantwortlich fühlt, Mehdi die Stuttgarter Familienadresse.
Eine gut gemeinte Geste, die den Fortgang des Stückes bestimmt, in dem keiner
den Erwartungen des anderen entsprechen wird. Mehdi ist nicht das verfolgte Opfer,
das Gerard (André Zimmermann) für seine Story braucht, sondern nennt sich selbst
einen unpolitischen Spießer. Statt dankbar zu sein, stellt er Forderungen. Ramses
Bawibadi Alfa, Schauspieler aus Togo, verleiht der Rolle Glaubwürdigkeit und Authentizität.
Nathalie ist keine selbstlose Mutter Theresa, sondern eine frisch geschiedene
Frau, die ihr Leben neu ordnet und ihren Sohn vor Mehdis Einfluss schützen will.
Katrin Schwingel gelingt es trotz schwindelerregender Szenenwechsel meisterhaft,
ihrer Nathalie psychologische Tiefe zu geben. Der gegen die Umstände und seine
Eltern rebellierende Moritz – in der Premiere ein wunderbar widerspenstiger Pit
Bukowski – wird am Ende zum Mörder an einem dunkelhäutigen Drogendealer im Stadtpark
und kehrt mit „Ich war das nicht, das war der Fremde in mir!“ die Verhältnisse
von Opfer und Täter selbstgerecht um. Autorin Anne Habermehl entlässt Akteure
wie Publikum in nachdenklicher Ratlosigkeit. Aber Nachdenken über Klischees, Ängste,
Grenzüberschreitungen, Veränderung, Bescheidenheit ist schon mal ein Anfang –
egal, ob der Kopf, der nachdenkt, schwarz ist oder weiß.
Märkische
Oderzeitung , 17. März 2011, Heike Mildner
Da
drüben in Afrika
Was haben wir mit Togo zu tun? Viel - vier Stücke
in drei Premieren beim Berliner "theater 89"
Im Berliner "Theater
89" läuft derzeit ein besonderes Projekt. Ramsès Bawibadi Alfa
aus Togo, Regisseur, Theaterleiten, Autor und Schauspieler, füllt drei Premeiren
mit insgesamt vier Stücken, die in unterschiedlicher Weise mit Afrika zu
tun haben. Gefragt, was ihn dazu treibt, sagt er: "Für uns ist es wichtig,
daß Leute hier wissen, was bei uns passiert."An
drei Abenden hintereinander liefen vier Stücke, die mit der Begegnung zwischen
Norden und Süden, wie es immer so euphemistisch heißt, also etwas klarer
formuliert, zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten zu tun hatten. Diese drei Abende
wurden sämtlich von der Persönlichkeit, der Wandlungsfähigkeit
und der Ausdrucksfähigkeit des Ramsès Bawibadi Alfa beherrscht. Sein
Spiel war alles überragend und kam tatsählich als eine Botschaft aus
Togo daher. Denn was haben wir mit Togo zu tun? Viel! Deren Rohstoffe saugen wir
aus, das nennt sich Wirtschaftshilfe, unseren Müll transportieren wir dorthin,
das nennt sich Aufbauarbeit, das Volk halten wir still, das nennt sich Hilfe zur
Demokratie, wofür sich Bawibadi Alfa beeilt zu bedanken, als sei die despotische
Herrscherstruktur eine Erfindung der ureigensten afrikanischen Historie und nicht
vielmehr Ausdruck wirtschaftlichen Elends im Nachklang des alten und neuen Kolonialismus.
Die
Stücke leben durch ihn. Das erste, "Lupenrein" von Rafael Kohn,
eine Koproduktion mit dem Theatere National Du Luxemburg, handelt von den Verstrickungen
in einem Land, in dem Kinder zu Soldaten gepreßt werden (...)
Eine uns
fremde Welt, die fremd geworden ist durch die Ausbeutung und Ausblutung, die Voraussetzung
für das Konsumniveau ist, das dafür sorgt, daß hier keiner aufsteht
und die Leute unsere Staatsform für eine Demokratie halten. Das kann nur
durch Kriege geschehen, und der Waffenhandel steigert das Bruttosozialprodukt.
In
"Letztes Territorium", ebenfalls von Anne Habermehl, geht es um die
Begegnung einer Mittelstandsfamilie mit einem Flüchtling. Der 16-jährige
Sprößling einer eben verlassenen Ehefrau freundet sich mit einem an,
der im Kanaren-Urlaub an Land geschwemmt wurde, als der dann tatsächlich
eines Tages vor der Tür in heimatlichen Gefilden steht, wird´s ungemütlich.
Die Szenen des Ramsès sind eindrucksvoll, auch der 16-jährige ist
gut gegeben, aber die Familientragödien des Kleinbürgertums werden etwas
zu lang ausgebreitet.
In der dritten Vorstellung wird Antoine des Saint-Exupery
in einer Doppelpremiere gegeben: "Die Wüste" und "Der kleine
Prinz". In beiden Stücken geht es um einen Flieger in der Wüste,
der Erlebnisse und Visionen hat. Groß auch hier die Szenen des Sklaven,
der auf der Feier seiner Freilassung alle Bindung an die Welt verliert, dabei
doch über sich selbst hinaus wächst und alle armen Kinder beschenkt.
Beim "kleinen Prinzen" wird das Philosophisch Haluzinatorische betont,
der Flieger sitzt und träumt, und dies sind seine Durstfieberträume,
nicht kitschig gespielt.
junge Welt,
19./20. März, Anja Röhl
„Lupenrein“ im theater 89
Die westafrikanische
Republik Sierra Leone befindet sich während der 90er Jahre im Bürgerkrieg, der
sich durch den Handel mit Diamanten finanziert. Liberianische Rebellenübergriffe
als Reaktion auf diverse instabile Regierungen haben Gewalt in Form von Misshandlungen,
Amputationen und dem Einsatz von Kindersoldaten zur Folge. In der Koproduktion
„LUPENREIN“ (Autor: Rafael Kohn) des theaters 89 und dem Théâtre National du Luxembourg
geht es um den Schritt eines Ehepaares, nach Sierra Leone zu gehen, um dort medizinische
und soziale Aufbauarbeit zu leisten. Ihr Sohn Klaus ist bereits seit einiger Zeit
dort und lässt keinen Zweifel daran, was er über diese Entscheidung denkt. Der
Krieg geht nicht um dich! Ganz klar liegt der Schwerpunkt der Inszenierung von
Hans-Joachim Frank auf der Thematik der Zustände in einem Land, das im Human Development
Index 2010 den 158. von 169 Plätzen einnimmt, und dem Einfluss auf die Helfer,
die von außen mit höchsten Erwartungen an sich selbst und ihre Wirksamkeit in
Krisenregionen kommen und feststellen müssen, dass fremder Idealismus nicht ausreicht,
sondern vielmehr eine umgekehrte Veränderung mit sich bringt. Diese Fokussierung
ist hier deshalb die richtige Herangehensweise, weil reale Probleme auch in der
Kunst mit Respekt für die tatsächliche Drastik umgesetzt werden sollten. Ein Nebenprodukt
davon besteht allerdings in der monotonen Handlung und Entwicklung der zwischenmenschlichen
Konflikte. Die Bilder, die auf der tief nach hinten verlaufenden Bühne gezeichnet
werden, sind mir zu starr und gleichförmig, selbst falls dies beabsichtigt und
als Metapher für fehlenden Fortschritt steht. Dagegen halten jedoch der inhaltliche
starke Tobak, gutes Spiel und kleine Momente, in denen mir menschliche Eitelkeiten,
mit Nächstenliebe getarnt, vor Augen geführt werden. Lupenrein kann daher kaum
eines der Gewissen sein. Der togolesische Theatermacher Ramsès Bawibadi Alfa betont,
wie wichtig es sei, dass in Europa durch Projekte wie dieses auf derlei Geschehnisse
aufmerksam gemacht wird und durch solche Verbindungen eine Sensibilisierung stattfindet.
Auch der kongolesische Para Kiala sagt, es gäbe in der europäischen Vorstellung
immer noch ein verschwommenes Bild von Afrika als Einheitsbrei. Die in dem vom
Bürgerkrieg gebeutelten Sudan geborene Schauspielerin Rose Louis-Rudek fügt an,
wie unabdingbar Unterstützung im Hinblick auf Bildung, Nahrung, Kleidung etc.
aus dem Ausland ist. In Sierra Leone hat sich ab 2000 mit dem Beenden des Krieges
einiges getan. So formulierte UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon im letzten Jahr in
der Hauptstadt Freetown: Sierra Leone represents one of the world's most successful
cases of post-conflict recovery, peacekeeping and peacebuilding. Spätestens mit
Christoph Schlingensiefs Operndorf in Burkina Faso ist in der Theaterszene ein
großes Interesse an der Zusammenarbeit mit afrikanischen Künstlern und Themen
deutlich spürbar. Mit seinem Anspruch, von Afrika zu lernen, ist ein Fenster für
besseres Verständnis und Begegnung auf Augenhöhe geöffnet worden und so wird auch
diese Inszenierung weiter dazu beitragen, Wissen und Zusammenarbeit zu fördern.
www.artiberlin.de, 17.03.2011 , Ulrike
Bauer
Projekt
Afrika
"Letztes Territorium", ein Stück von Anne Habermehl
aus einem dreiteiligen "Porjekt Afrika", erstmals 2008 in der Langen
Nacht der Autoren im Hamburger Thalia-Theater und im gleichen Jahr noch auf dem
Berliner Theatertreffen vorgestellt, kam am 12. März im Theater 89 in der
Berliner Torstraße zur Aufführung - beeindruckend, weil es gut geschrieben
und dazu höchst aktuell ist. Ein junger Afrikaner sieht sich gezwungen, vorgeben
zu müssen, von Schleppern nach Deutschland eingeschleust worden zu sein,
obwohl ihm in Wirklichkeit eine von ihrem Mann getrennte junge Deutsche und deren
sechzehnjähriger Sohn geholfen haben, nach Stuttgart zu gelangen. Die beiden
hatten ihn gerettet, als er mehr tot als lebendig an der Küste einer kanarischen
Ferieninsel gestrandet war. Fortan bestimmen Mitleid und Anteilnahme die Handlungen
des Sechzehnjährigen: Gegen den Willen der Mutter beherbergt er den Geretteten
in ihrer Stadtwohnung, versteckt ihn später in einem Baumhaus und stiehlt
für ihn, um ihn am Leben zu erhalten. Und ist wie vor den Kopf geschlagen,
als dann die Mutter den Schwarzen aus schierer Verzweiflung über das Ausmaß
ihrer Verstrickungen an die Behörden ausliefert und so seine Festnahme und
Abschiebung einleitet. Es kommt zu einer Konfliktsituation für alle: für
Mehdi, den Afrikaner, für Moritz, den Jungen, und dessen Mutter und am Ende
auch für Moritz´Vater.
In der Regie von Hans-Joachim Frank überzeugen
alle vier Darsteller: Katrin Schwingel als hin und her gerissene Nathalie, Pit
Bukowski als hilfsbereiter, ungestümer Sohn Moritz, André Zimmermann
als der um Schadensbegrenzung bemühte Vater Gerard und Ramsès Bawibadi
Alfa als der getriebene und schließlich aufbegehrende Mehdi. Als dann auch
Moritz gewalttätig und sogar zum Mörder wird, spitzt sich das Geschehen
aufs tragischte zu. Muß das sein? Anne Habermehl hat es so erdacht und gewollt
- was ihr gutes Recht ist. Das Stück hält es aus und ist sehenswert.
Ossietzky,
Walter Kaufmann, März 2011
Pressestimmen
zu
HAFTHAUS
Eine
Geschichte, die frieren macht
Am Ort des Geschehens: Das Berliner
"theater 89" zeigt Krolkiewiczs Erinnerungsbuch "Hafthaus" in der Lindenstraße
Es wird immer dunkler, immer kälter. Und das liegt nicht nur an dem
kühlen Herbstwetter, gegen das sich die zahlreich erschienenen Zuschauer im Innenhof
des ehemaligen Untersuchungsgefängnisses der DDR-Staatssicherheit in der Lindenstraße
54/55 mit den ausgeteilten Decken wappnen. Der karge Innenhof, flankiert von vergitterten
Fenstern, ist an diesem Donnerstagabend erstmals zur Bühne geworden, für ein Gastspiel
des "theaters 89" aus Berlin. "Hafthaus" nimmt die Zuschauer mit auf einen düsteren
Trip in die DDR-Wirklichkeit. Es ist diese Reise, die frösteln lässt. Erzählt
wird die Geschichte des jungen Schauspielers und Theaterregisseurs Alex Jünemann,
der nach der Lesung einiger frech-kritischer Gedichte in die Fänge der Stasi gerät
und ein Jahr lang durch die Hölle von Haft-Schikanen, endlosen Befragungen, haltlosen
Unterstellungen, Drohungen, sinnlosem Warten, Unsicherheit und Isolation geht.
Alltag in einem Unrechtsstaat. Es ist ein Schauspiel, das sich vor gut einem Vierteljahrhundert
tatsächlich an diesem Ort abgespielt hat. Denn mit "Hafthaus" hat Regisseur Hans-Joachim
Frank das Erinnerungsbuch des Potsdamer Regisseurs und früheren Intendanten des
Hans Otto Theaters, Ralf-Günter Krolkiewicz, auf die Bühne gebracht. "Hafthaus
- Ein Bericht unter Verwendung authentischer Briefe" hat Krolkiewicz sein Buch
aus dem Jahr 2003 genannt. Jünemann ist darin sein Alter Ego. Neben den Erinnerungen
an die Haftzeit vom 9. Juli 1984 bis zum 10. Juli 1985 in der Potsdamer Lindenstraße
und danach in Cottbus dokumentiert Krolkiewicz darin den Briefwechsel mit seiner
Freundin. Es ist ein distanzierter, analytischer und nüchterner Text, aus dem
trotzdem all der Hass und die Liebe, die nachträglichen Zweifel und die Verzweiflung,
die Krolkiewicz bis zu seinem verfrühten Tod im Jahr 2008 begleitet haben, sprechen.
Mit rückblickender Distanz erzählt auch Hauptdarsteller Matthias Zahlbaum auf
der Bühne die Ereignisse, ein gebeugter, gebrochener Riese. Wer Krolkiewicz noch
erlebt hat, fühlt sich in Zahlbaums Mimik und Gestik an ihn erinnert. Seine Geschichte,
so scheint es, hat er unzählige Male im Kopf gewälzt und von allen Seiten nach
einem Sinn befragt. Vor dem Publikum als Zeugen berichtet er sie nun noch einmal,
pedantisch genau, hochkonzentriert. Dabei redet er sich immer wieder in Rage,
vorwärts stürmend, Schlag auf Schlag. Zeit zum Aufatmen bleibt da kaum. Katrin
Schwingel als zerbrechlich-verspielte Nina - bei der Inhaftierung ihres Freundes
ist sie keine 20 Jahre alt - versucht ihre Verzweiflung über die erzwungene Trennung
im Tanz abzuschütteln. Johannes Achtelik und Bernhard Geffke als tumb-ungerührte
Vertreter des Unrechtsstaates und Stasi-Marionetten illustrieren das Drama erschreckend
realistisch. Das Bühnenbild von Anne-Kathrin Hendel beschränkt sich auf das Nötigste:
ein schwarzes Podest als Pritsche, dazu ein quadratischer Tisch, Schemel, Stuhl,
Papierkorb skizzieren die Szenerie, die vor dem Hintergrund der vergitterten Glasstein-Fenster
in der Lindenstraße nur zu präsent ist. Besonders bewegend ist der Auftritt von
Horst Westphal, bekannt aus dem Andreas-Dresen-Film "Wolke 9". In "Hafthaus" spielt
er einen verwirrt-cholerischen Zellgenossen, dessen Inneres genauso abgewrackt
ist wie seine äußere Erscheinung. Trotzdem wird der pensionierte NVA-Oberstleutnant
und überzeugte Zyniker für Jünemann zu einer Art Freund in der Hafthaus-Hölle.
Urplötzlich können die Tobsuchtsanfälle des gestrauchelten Militärs in ein konspiratives
Grinsen umschlagen. "Kennen Sie den?", fragt er dann und gibt einen Honecker-Witz
zum Besten, der noch dem heutigen Publikum ein befreiendes Lachen entlockt. Dass
der Theaterabend mitnimmt und nachklingt, ist im Innenhof des "Lindenhotels" in
vielen Gesichtern zu lesen. Der Applaus in der hereingebrochenen Herbstnacht ist
herzlich und anhaltend. Nächste Vorstellung am Donnerstag, 9. September, um 19
Uhr, Lindenstraße 54/55
Potsdamer Neueste
Nachrichten, 04.09.2010, Jana Haase
Der
Ort des Verbrechens
Eindrückliche Demonstration des repressiven
Umgangs des DDR-Regimes mit seinen Kritikern
POTSDAM / INNENSTADT - Für
diese Aufführung brauchte es kein Bühnenbild, denn die Originalkulisse der Tragödie
des Ralf-Günter Krolkiewicz ist noch vorhanden: Die vergitterten Fenster mit den
Glasbausteinen dahinter, die Scheinwerfer, Kameras und schweren Tore, auch die
Freigangzellen- "das Geviert maschendrahtbewehrten Himmels" - mahnen noch immer
im Hof der Lindenstraße 54/55, dem einstigen Stasi-Untersuchungsgefängnis inmitten
der Potsdamer Innenstadt. Im einstigen Gefängnishof wurde am Donnerstagabend "Hafthaus"
vom Berliner "theater89" aufgeführt, die Bühnenfassung des gleichnamigen autobiografischen
Romans von Ralf-Günter Krolkiewicz. Der 2008 verstorbene Autor erlangte Bekanntheit
als Schauspieler und Intendant des Hans-Otto-Theaters, doch die 365 Tage in Haft,
die im Potsdamer "Lindenhotel" begannen und im Zuchthaus Cottbus endeten, waren
die prägendste Etappe seines Lebens. Diesen Eindruck vermittelt jedenfalls sein
Roman "Hafthaus" (2000), der die Erlebnisse von der Verhaftung im Juli 1984 bis
zum Freikauf durch die Bundesrepublik ein Jahr später anhand der Briefe zwischen
ihm und seiner geliebten Nina schildert. Die Aufführung am Tatort wurde zur eindrücklichen
Demonstration des repressiven Umgangs des DDR-Regimes mit seinen Kritikern. Matthias
Zahlbaum, der als Alex Jünemann (das Pseudonym Krolkiewiczs im Roman) dem fünfköpfigen
Ensemble vorsteht, hielt die Zuschauer zwei Stunden mit einem inneren Monolog
gebannt, der immer wieder durch Szenen unterbrochen wurde. Verhöre, Häftlingsgespräche
und vor allem der Dialog mit Freundin Nina anhand von Briefen, diesen "Hilfeschreien
unter Aufsicht der Zensur". Der junge, frisch verliebte Schriftsteller Jünemann
wird wegen Lesungen mit kritischen Gedichten "zur Klärung eines Sachverhalts"
mitgenommen und inhaftiert. Anfangs begehrt er auf, doch das perverse Verhörspiel
kann er nicht gewinnen. Für die Stasi war er ein Lügner, bis er "deren Wahrheit"
log und glaubwürdig auf die immer gleichen Fragen nach Zielstellung und Absicht
seiner Texte antwortete. Die Psychotricks, die den Schriftsteller brechen, aber
zugleich auch vom Selbstmord abhalten sollten, das schwierige Verhältnis zu Nina,
die unbehelligt bleibt und draußen das Leben in Sanssouci oder Budapest genießt,
aber zugleich verzweifelt und auf ihn wartet - in tausend Andeutungen (und einigem
Galgenhumor!) wird die Übermacht und Methodik der Staatsmacht deutlich. Ständig
verschwinden die ungerührten und zynischen Wärter im Zellenblock, während Jünemann
allein am Tisch zurückbleibt. Mit dem Sonnenlicht schwindet die Hoffnung. Als
das Urteil (18 Monate in der "Roten Hölle" von Cottbus) fällt, ist es längst finster.
Die Aufführung am Ort des Verbrechens gibt "Hafthaus" eine authentische Kulisse,
die den Blick auf das Haus in der Lindenstraße im Kontext der Debatten um Aufarbeitung
und Ostalgie in einer heftigen Bewegung wieder gerade rückt und sich daher ebenso
für Jugendliche wie für Zeitgenossen der DDR eignet. Das exzellente Ensemble spielt
das Stück ebenso in Berlin und womöglich in der JVA Cottbus. Wegen des großen
Zuspruchs gibt es eine Zusatzvorstellung am 9. September, um 19 Uhr, Lindenstraße
54
Märkische Allgemeine, 04.09.2010,
Peter Degener
Neue
Diktatur - dieselbe Szenerie
Das Stück "Hafthaus" beleuchtet
einen Fall von Dissidenten-Verfolgung in der DDR
"Lächerlich", hatte Theaterregisseur
Hans-Joachim Frank noch vor drei Tagen gesagt. Nichts weiter als lächerlich seien
viele der Anlässe, die in einer Diktatur zu Repressalien und Gewalt gegen Menschen
führen. Zwei Theaterabende lang widmete sich das Ensemble des Theater '89 im "Haus"
in Altes Lager ausführlich und ausschließlich dem Thema Diktaturen. Anders als
zum Auftaktabend mit Ödön von Horváths "Jugend ohne Gott" (die MAZ berichtete),
ging es am Dienstag um die DDR-Diktatur. "Hafthaus" nannte Autor und Theatermann
Ralf-Günter Krolkiewicz seinen Bericht über die eigene Verhaftung und die spätere
Abschiebung gegen Lösegeld in den Westen. Ein paar Verse waren Anlass, diese unmenschliche
Maschinerie in Gang zu setzen. 15 Jahre später - zehn Jahre nach der Wende - schrieb
Krolkiewicz, damals Intendant des Potsdamer Hans-Otto-Theaters, seine Hafterlebnisse
nieder. Seinen Bericht nahm Frank als Vorlage für das Theaterstück. Aber weder
die Uraufführung kürzlich in Berlin noch die Brandenburg-Premiere in Altes Lager
erlebte der Autor. 2008 starb Krolkiewicz - wahrscheinlich, so Frank, an den Spätfolgen
seiner Haft. Wie wenig der Regisseur Diktaturen in "schlechtere" oder "bessere"
unterscheiden mag, zeigt schon die Abfolge beider Stücke. Das Szenenbild blieb
passenderweise fast dasselbe. Dort, wo erst Hakenkreuzfahnen wehten, prangten
nun Hammer, Zirkel und Ährenkranz. Akteur Matthias Zahlbaum als inhaftierter Dissident
ließ den Zuschauer teilhaben an würgender Verzweiflung. Verhör und Prozess sind
an Zynismus kaum zu überbieten. Jedem Sänger des "Es-war-nicht-alles-schlecht"-Liedes
sei dieses Stück empfohlen.
MAZ, 22. April
2010, Uwe Klemens
"HAFTHAUS" ist ein Drama das unter die
Haut geht"
Ein paar satirische Verse
vor knapp zwei Dutzend Zuschauern genügen, um Alexander in die Hölle
zu katapultieren. Kurz nach der Lesung steht die Stasi vor der Tür. Die Männer
in Beige mit dunklen Schirmmützen durchsuchen seine Wohnung, in der sie sich
bestens auszukennen scheinen, und führen ihn ab, während Alexanders
Freundin Nina ihre Wut und ihren Schmerz darüber herausschreit. Nur der Auftakt
zu einem ungeheuren Martyrium, denn was folgt ist die U-Haft mit Isolation, Schlafentzug,
Endlosverhören, also Folter mit nur einem Zweck: den Willen des Inhaftierten
zu brechen.
Selten stockte einem der Atem im Theater so sehr wie bei der Uraufführung
von Ralf-G. Krolkiewiczs traumatischer Geschichte "Hafthaus" im Theater
89. Krolkiewicz war 1984 selbst wegen satirischer Texte von der Stasi verhaftet
worden. Regisseur Hans-Joachim Frank und Dramaturg Jörg Mihan hanben aus
dem auobiographischen Bericht eine Spielfassung entwickelt, die unter die Haut
geht.
Man spürt die klaustophobisch einge Zelle, in der Alexander Seelenqualen
erleidet. Matthias Zahlbaum spielt den Inhaftierten mit emotionaler Wucht. Im
Hintergrund sieht man immer wieder seine Liebste Nina (Katrin Schwingel), die
um eine gemeinsame Zukunft kämpft. Doch im Gefängnis ist nicht daran
zu denken.
Berliner
Morgenpost, 10. April 2010, Ulrike
Borowsky
Neue Diktatur - dieselbe
Szenerie
Das Stück „Hafthaus“ beleuchtet
einen Fall von Dissidenten-Verfolgung in der DDR
„Lächerlich“, hatte
Theaterregisseur Hans-Joachim Frank noch vor drei Tagen gesagt. Nichts weiter
als lächerlich seien viele der Anlässe, die in einer Diktatur zu Repressalien
und Gewalt gegen Menschen führen. Zwei Theaterabende lang widmete sich das Ensemble
des Theater ’89 im „Haus“ in Altes Lager ausführlich und ausschließlich dem Thema
Diktaturen. Anders als zum Auftaktabend mit Ödön von Horváths „Jugend ohne Gott“
(die MAZ berichtete), ging es am Dienstag um die DDR-Diktatur. „Hafthaus“ nannte
Autor und Theatermann Ralf-Günter Krolkiewicz seinen Bericht über die eigene Verhaftung
und die spätere Abschiebung gegen Lösegeld in den Westen. Ein paar Verse waren
Anlass, diese unmenschliche Maschinerie in Gang zu setzen. 15 Jahre später – zehn
Jahre nach der Wende – schrieb Krolkiewicz, damals Intendant des Potsdamer Hans-Otto-Theaters,
seine Hafterlebnisse nieder. Seinen Bericht nahm Frank als Vorlage für das Theaterstück.
Aber weder die Uraufführung kürzlich in Berlin noch die Brandenburg-Premiere in
Altes Lager erlebte der Autor. 2008 starb Krolkiewicz – wahrscheinlich, so Frank,
an den Spätfolgen seiner Haft. Wie wenig der Regisseur Diktaturen in „schlechtere“
oder „bessere“ unterscheiden mag, zeigt schon die Abfolge beider Stücke. Das Szenenbild
blieb passenderweise fast dasselbe. Dort, wo erst Hakenkreuzfahnen wehten, prangten
nun Hammer, Zirkel und Ährenkranz. Akteur Matthias Zahlbaum als inhaftierter Dissident
ließ den Zuschauer teilhaben an würgender Verzweiflung. Verhör und Prozess sind
an Zynismus kaum zu überbieten. Jedem Sänger des „Es-war-nicht-alles-schlecht“-Liedes
sei dieses Stück empfohlen.
Uwe
Klemens, MAZ, 22. April 2010
Theatersommer
Altes Lager 2010
Zänkische Weiber - herrische Kerle
Mit aktuellen
Inszenierungen und einer Uraufführung begann am Wochenende der Theatersommer Altes
Lager
Vier
Vorstellungen standen am ersten Theatersommer Wochenende auf dem Spielplan. Das
Theater 89 zeigte am Freitag im "Haus" seine aktuellen Inszenierungen von "Jugend
ohne Gott" und "Hafthaus". Beide Stücke waren im Frühjahr erstmals in Brandenburg
im "Haus" gezeigt worden. Und auch diesmal waren Jugendliche im Publikum. Schüler
der elften Klassen des Jüterboger Gymnasiums zum Beispiel, die von Theaterregisseur
Hans-Joachim Frank am Sonnabend begrüßt wurden. Es sei wichtig, dass junge Leute
solche Texte zu hören bekämen, damit das "sentimentale geschönte Bild von der
DDR" gerade gerückt wird. Während Ältere im Publikum bei 30 Grad Gänsehaut bekamen,
war es für die Jugendlichen nicht leicht, sich in diese Szenerie hineinzuversetzen.
Wie Stephanie Clemens kennen auch ihre Mitschüler von zu Hause solche Geschichten
nicht. Hauptdarsteller Matthias Zahlbaum war als von der Stasi eingesperrter Schauspieler
überzeugend in dem fast zweistündigen Monolog, der nur selten von Spielszenen
unterbrochen wurde. Johannes Voß und seine Mitschüler waren beeindruckt von dem
Darsteller.
Wie Matthias Zahlbaum hatten auch Bernhard Geffke und Johannes
Achtelik am Sonnabend nur eine kurze Verschnaufpause bis zur "Gerichtsnacht".
Die hatte schon am Freitagabend Premiere. "So sieht man aus, wenn man in der Gemeinde
Niedergörsdorf Theater spielt", sagte Regisseur Hans-Joachim Frank und stand dabei
in kurzer Lederhose und orangefarbener Schutzweste vor dem Publikum. Die Zuschauer
waren gewarnt: So skurril das Outfit der Darsteller zeigte Ulrich Bräkers Theaterstück
"Die Gerichtsnacht oder Was Ihr Wollt".
"Keine Angst, so lange machen wir
nicht" beschwichtigte Frank das Publikum vorab und erzählte, dass der Stoff des
Stückes auch für acht Stunden Theater gereicht hätte. Sitzfleisch wurde dennoch
benötigt. zweieinhalb Stunden lang entspann sich auf der Terrasse des Kulturzentrums,
voll derbem Witz und deftiger Sprache die Geschichte. Gut 20 Jahre ist es her,
dass der Bauernsohn und Knecht Bräker seine Gedanken zu den Alltäglichkeiten des
Lebens niederschrieb. Weil Bräker selbst ein armer Mann war, gelten seine Aufzeichnungen
als besonders authentisch. Auf die von Hans Joachim Frank prophezeiten Bezüge
zu unserem heutigen Leben brauchte man nicht lange zu warten. Die Uneinigkeit
von Frau und Mann, weibische Zänkerei und männliche Herrschsucht werden augenzwinkernd
an den Pranger gestellt. In einer selbstinszenierten Gerichtsnacht macht sich
der Volkszorn mit viel Gespött und fliegenden Fäusten Luft. Der Weg ist das Ziel,
könnte man die Arbeitsweise nennen, in der "Die Gerichtsnacht" entstand. Die Trennung
von den Leuten auf und vor der Bühne aufzuheben, ist das erklärte Zeil von Frank
und Theater 89, denen die Laiendarsteller der Niedergörsdorfer "Mühlengeister",
des Theaterklubs und die Frauen des Raduga Chores erneut hilfreich zur Seite stehen.
Auch nach dem Verrauschen des Premieren-Applauses mochten weder Zuschauer noch
Mitwirkende nach Hause gehen. Hans Joachim Frank strahlte: "Miteinander sprechen,
das ist es doch eigentlich, worauf es ankommt, was leider viel zu oft, auch im
Theater, vergessen wird." Bis nach Mitternacht wurde am Premierenabend davon Gebraucht
gemacht.
MAZ, 5. Juli 2010, Martina Burghardt
+ Uwe Klemens
Doppelprojekt
JUGEND OHNE GOTT / HAFTHAUS
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und den MAZ-Artikel vom 18.4.2010 lesen
jetzt
lesen
In den Zwängen der Zeit
Sie
rieben sich an ihrer Zeit, der eine wie der andere - Ödön von Horvàth, dem als
"entarteten Künstler" die Bühnen Nazideutschlands versperrt blieben, wandte sich
danach der Prosa zu und schrieb in wenigen Wochen den Roman "Jugend ohne Gott",
in dem ein junger Lehrer zwischen die Mühlsteine gerät, nachdem er einen Schüleraufsatz
kritisiert hat, in dem alle Neger als hinterlistig, feig und faul dargestellt
werden. Und Ralf-Günter Krolkiewicz, Schauspieler am Hans Otto Theater Potsdam,
vom Juli 1984 bis Juli 1985 wegen "staatsfeindlicher Äußerungen" in Stasi-Haft,
hat neben einer beachtlichen Reihe von Theatertexten im Jahr 2008 unter Verwendung
authentischer Briefe den Bericht "Haushaft" geschrieben. Aus Horvàths Roman wie
aus Krolkiewicz' Bericht wurden Theaterstücke, die am Berliner Theater 89 ihre
Uraufführung hatten. Die Umsetzungen beider Prosaarbeiten überzeugten, Hans Joachim
Franks Regie überzeugte und auch die Leistung der Schauspieler - wobei Alexander
Höchst als junger Lehrer und Matthias Zahlbaum als Stasi-Häftling besonders hervorzuheben
sind. Beide hatten Textpassagen von enormer Länge zu bewältigen, mussten über
nahezu zwei Stunden die Spannung halten - was sie auch schafften. Man bangte mit
ihnen in ihrer Bedrängnis. Die übrigen Rollen fielen keineswegs ab: Horst Westphal
als Pfarrer und Marie-Luise Frost als Eva boten in "Jugend ohne Gott" beste Schauspielkunst,
was auch für Horst Westphals Darstellung eines NVA-Offiziers und Bernhard Geffkes
Offizier der Staatssicherheit zu sagen wäre. Und Karin Schwingel als Nina zeigte
sich als gefühlvoll und von großer Intensität. In beiden Spielfassungen sorgte
die Ensembleleistung für Geschlossenheit, Dichte und Kraft. Mochte auch die Zeit
von "Jugend ohne Gott" nahezu siebzig Jahre zurückliegen, es war, als träfe sie
sich mit der von "Hafthaus", die uns noch in wacher Erinnerung ist. So gesehen
präsentierte das Theater 89 zwei überaus sehenswerte Gegenwartsstücke über das
Verhalten von Menschen in den Zwängen der Zeit. Nächste Vorstellung von "Jugend
ohne Gott" im Theater 89 am 2. und 9. April. Nächste Vorstellung von "Hafthaus"
am 3. und 10. April.
Neues Deutschland, 31.03.2010,
Walter Kaufmann
Stiller
Horror
Der Dissident und die Stasi: Das Theater 89 zeigt das Stück
"Hafthaus" von Ralf-Günter Krolkiewicz - seine eigene Geschichte
Es beginnt
ohne Aufhebens, wie nebenbei, freundlich fast. Aber gerade deshalb ist der zur
"Klärung eines Sachverhalts" von der DDR-Staatssicherheit aus der Wohnung geholte
Schauspieler von einem Moment zum anderen nicht mehr er selbst. Er wird aus seinem
Leben herausfallen. Fortan gehört er den "Vernehmern", und die richten ihn so
lange zu, bis er sich fügt und streng nach Vorschrift verurteilt werden kann.
Aber der Mann, angeklagt wegen öffentlich vorgetragener subversiver Texte, hat
eine Freundin, die ihm beisteht - ein Briefwechsel baut die Brücke nach "draußen".
Und er kommt hinter Gitter zu einer Zeit, da die devisenhungrige DDR ihre "Feinde"
gern in die Freiheit verkaufte. Das rettet ihn. Ralf-Günter Krolkiewicz (1955
- 2008) hat diese Geschichte, es ist seine eigene, in "Hafthaus" aufgeschrieben.
Ein ruhiger Bericht, der das Monströse der widerwärtigen Verfolgung selbstständig
Denkender unaufgeregt zur Kenntnis bringt, als böse banale Alltäglichkeit. Um
Menschen zu brechen, genügt der Staatsmacht lauernde Biederkeit, die stets im
Verborgenen bleibt, unangreifbar. Schacher mit Menschen, Brechen von Individualitäten
- ein geschäftsmäßiger Vorgang. Für das Theater 89 in der Torstraße hat Hans-Jochim
Frank eine Spielfassung erarbeitet, die einen aufrührend normalen Ton beibehält,
Effekte scheut, Leidenschaften nur selten hervorbrechen lässt. Das zwingt zu einer
intimen Auseinandersetzung mit dem Ungeheuerlichen. Matthias Zahlbaum spielt den
unter Anklage stehenden Schauspieler, grüblerisch, zumeist mit verschränkten Armen
am Tisch sitzend. Das ist einer, der sich mit seinen Gedanken martert, nicht begreifen
kann, was geschieht. Konzentriert, zurückhaltend wie dieser Nicht-Held fügen sich
die anderen Darsteller in die Geschichte, behutsam und verstörend zugleich. Einem
"Leben des Elends und der Widersprüche" geht das großen Fragen der Zeit verpflichtete
kleine Theater auch in einer zweiten neuen Produktion auf den Grund, einer Bearbeitung
des Romans "Jugend ohne Gott", wieder unter Regie von Hans-Joachim Frank.
Wieder
am 3., 10., 17. und 24. April
Tagesspiegel,
29.03.2010, Christoph Funke
JUGEND
OHNE GOTT - Anatomie einer seelischen Verwahrlosung
Zu gern würde
der Lehrer die abfälligen Bemerkungen über "die faulen Neger" bemängelnd anstreichen,
die der Schüler in seiner Arbeit gemacht hat. Aber er ist Opportunist und seine
Pension ist ihm heilig. Also beugt er sich der vorherrschenden Meinung und rügt
nur mündlich. Doch auch damit bringt er die Klasse und viele Eltern gegen sich
auf. Indoktriniert von der NS-Propaganda begrüßen die auch das vormilitärische
Ferienlager für die 14-Jährigen. Der Lehrer muss mit und begegnet dort seinem
Glauben wieder. Die alte christlich-humanistische Moral unterliegt der neuen nationalsozialistischen
Ordnung. Ödön von Horváth hat diesen geistigen Verfall 1937 bitterböse in seinem
Roman "Jugend ohne Gott" seziert. Vom Theater 89 für die Bühne adaptiert, hat
Regisseur Hans-Joachim Frank die bemerkenswerte Anatomie seelischer Verwahrlosung
eindringlich, lakonisch und spannend inszeniert. Die Inszenierung ist Teil eines
Doppelprojektes. Wie auch "Hafthaus" zeigt "Jugend ohne Gott" den Umgang mit Diktaturen.
Dabei wird der Nazi-Terror selbst kaum mit einem Wort erwähnt. Die bedrohliche
schwarz-rot-weiße NS-Optik genügt als Symbol allgegenwärtigen Schreckens. Eingeschüchtert
verfängt sich der Lehrer immer mehr in seiner eigenen Zerrissenheit und Paranoia.
Grandios, wie Alexander Höchst als Ich-Erzähler dabei das Innerste nach außen
stülpt. Berliner Morgenpost,
31. März 2010, Ulrike Borowsky
Gastspiel
INDUSTRIELANDSCHAFT MIT EINZELHÄNDLERN
Don
Quixote in der Drogerie
Das Theater 89 Berlin zeigt „Industrielandschaft mit
Einzelhändler“ im Bahnhof Fischbach
Am Ende wirkt der Drogist (Bernhard
Geffke) noch verlorener als Willy Loman, Arthur Millers Protagonist aus „Tod eines
Handlungsreisenden“. Denn Loman nimmt sich schließlich zwar das Leben, er hilft
damit aber zugleich seiner Familie aus dem Ruin, weil er den Suizid wie einen
Unfall aussehen lässt und daher seine Lebensversicherung zahlt. Loman hat den
amerikanischen Traum vom sozialen Aufstieg geträumt, hat dabei versagt, im Tod
letzten Endes aber seine Würde bewahrt. Den Drogisten dagegen würde auch dieser
letzte Schritt nicht retten – seine Ideale vom freien Unternehmertum liegen in
Scherben, die Drogerie ist pleite, Supermärkte und Ladenketten haben ihr den Rang
abgelaufen. Mit 47 Jahren ist der Drogist am Ende. Apathisch setzt er sich neben
seine Frau, den doch nicht gebrauchten Strick in der Hand, im Wissen, dass der
Rest seines Lebens eine Qual werden wird. Ebenso wie Millers Handlungsreisender
wirkt der Drogist aus Egon Monks Erzählung „Industrielandschaft mit Einzelhändler“
wie eine moderne Mythenfigur. Die kapitalistischen Wirtschaftssysteme haben beide
hervorgebracht, und die Vernetzung der Ökonomie zum Weltkapitalismus sorgt dafür,
dass sie nur noch aktueller geworden sind. Zuletzt konnte man Willy Loman aus
der Schublade holen, als die Blase des Neuen Markts geplatzt ist. Jetzt, wo die
Finanzkrise Existenzen bedroht, kann man neuerdings außerdem zum Drogisten greifen.
Zu verdanken ist das dem Theater 89 Berlin und seinem Regisseur Hans-Joachim Frank.
Er hat die nie veröffentlichte, gut 40 Jahre alte Erzählung des vor drei Jahren
verstorbenen Regisseurs Egon Monk in dessen privatem Archiv gesichtet und zum
Stück aufbereitet.
Glücklicherweise wird der Text dabei nicht vergewaltigt:
Die Schauspieler bewahren die überhöhte Sachlichkeit von Monks Sprache; es ist
eine altmodische Sprache, eine Kathedersprache – sie ist belehrend, sie doziert,
und wer in ihr spricht, beugt sich zugleich unter sie, wie unter das Evangelium,
dessen Wahrheit mit jedem Ereignis nur noch bestätigt wird. Das Evangelium des
Drogisten ist das von Angebot und Nachfrage, seine Götter sind die Wirtschaftsmogule,
und wie der Gott des Christentums verharren sie in erhabener Ungreifbarkeit. Bernhard
Geffke spielt den Drogisten als Schlauberger der Selbstüberlistung, als ideologiegesteuerten
Musterschüler der Marktwirtschaft, der sich in Einklang mit dem großen Strom des
Systems glaubt – und am Ende doch unter die Räder kommt. „Maschinen“ nennt der
Drogist die großen Supermärkte und Discounter verachtungsvoll, mit deren Sortiment
er nicht mithalten kann, und doch war er lange stolz darauf, selbst ebenfalls
eine Maschine zu sein – mit der Stoppuhr lief er durch Gänge, jede Bewegung rationalisierend,
die notwendig ist, einen Kunden zu bedienen. Für den Unternehmer, der zur Umsatzoptimierungsmaschine
werden muss, ist der Kunde zugleich ein Gegner, den es in seinen Wünschen auszuspionieren,
mit Freundlichkeit in die Knie zu zwingen gilt. Die Zuvorkommenheit des Verkäufers
ist getarnte Aggression, und immer wieder stimmt Posaunist Jörg Huke Marschmusik
an. Der Chor, der zugleich den Erzähler ersetzt, singt dazu Zackiges. Strömt die
Kundschaft dennoch nicht, wird der verhüllte Kriegszustand offensichtlich: „Brüllend
werde ich mich auch euch stürzen, packen, würgen, an den Haaren zur Ware schleifen“,
phantasiert der verzweifelte Drogist, doch es ist aussichtslos: Als Don Quixote
des Industriezeitalters kämpft er gegen Windmühlen, sinnbildlich als moderne Windkraftanlagen
aufs unterkühlte Bühnenbild gepinselt. Milde ist ansonsten das gelbstichige Bühnenlicht,
das auf den Drogisten fällt, und diese Milde ist eine weitere Grausamkeit, denn
so weich vergilbt wird nur das bereits zu Lebzeiten Überkommene illuminiert. Einziges
Manko der Inszenierung: die oft schlechte Verständlichkeit der gesungenen Texte,
wie überhaupt der starke Einbezug von Musik, die auf Dauer zu monoton wirkt; da
hat der sperrige Text die karge Melodie diktiert. Da Egon Monk mit Brecht am Berliner
Ensemble arbeitete, ist das wohl eine Reminiszenz an Brechts Musiktheater, allerdings
keine mit zwingender Wirkung.
mein taubentraum
Das
Schweigen meines Mannes "mein taubentraum":
Das Theater 89 hält Ralf-Günter Krolkiewicz die Treue
Das Theater 89 hält
dem letztes Jahr in Thailand verstorbenen Dichter und Theatermacher Ralf-Günter
Krolkiewicz die Treue. Nach den vorangegangenen Inszenierungen von "sonst is alles
wie immer" und "Herbertshof" hat es nun das "drama für die stimme meiner mutter",
"mein taubentraum" zur Uraufführung gebracht. Es basiert auf Krolkiewicz' Aufzeichnungen,
die er 1984/85 in Stasi-Haft machte, ehe er in die BRD abgeschoben wurde. Eine
alte Frau, Lene mit Namen, benützt die Anwesenheit eines anonym bleibenden Arztes,
um sich in einem Endlosmonolog mit ihrem Mann Karl auseinanderzusetzen, der sich
seit zehn Jahren weigert zu sprechen, absolut verstummt ist und vor sich hinschweigt.
Aus ihren Klagen, Vorwürfen, Liebesbekundungen, Erinnerungen geht hervor, dass
der Mann in der Tradition eines bewussten Antifaschismus aufwuchs, Musterabsolvent
des "Roten Klosters", der Kaderschmiede der SED, war, eine steile Parteikarriere
machte, aber ebenso wieder fiel, als sich sein Sohn Robert in Spottversen über
die sozialistische Staatsmacht äußerte. Auch seine Lossagung vom Sohn konnte die
Degradierung nicht aufhalten. Lene hat es mit allen Mitteln versucht, ihn aus
diesem Schweigen zu befreien. Erst ihre Drohung, zu ihrer Tochter zu ziehen, veranlasst
ihn, erst schriftlich, dann schließlich durch Wiederreden kundzutun, dass er aus
Scham über sich selbst und Liebe zu ihr geschwiegen habe. Wie Christine Gloger
(unter der Regie von Hans-Joachim Frank) diesen Riesenmonolog meistert, ist bewundernswert.
Sie sitzt grau in grau in dem in rötliches Licht getauchten Langgehäuse, das wie
eine wattierte Gummizelle wirkt (Bühnenbild Klaus Nock), in deren Hintergrund
Karl hockt, und lässt mit ihren Erinnerungen, Begründungen, Vorhaltungen, mit
vielfältigen Nuancen in Stimme und Gestik, die traurige Lebensgeschichte, die
mit deutscher (Teil-) Geschichte zusammenfällt, lebendig werden. Bernhard Geffke
bringt als Karl so viel nuancierte Verstörtheit zu Gestalt und Ausdruck, dass
sie überzeugend wirkt. Lebensbrüche finden zu einer peinigenden Anschaulichkeit,
zu Lebenswahrheit. Johannes Achtelik übernimmt als Arzt hinter einer Gesichtsmaske
auch die Rolle des Sohnes in Haft und Abschiebung. Jörg Huke bringt mit Posaune
assoziative Zäsuren ins Spiel. Der Abend fügt sich erstaunlich konform in die
medial betriebene Totalverwerfung des vor zwei Jahrzehnten untergegangenen deutschen
Zweitstaates.
Berliner Zeitung, 19.10.2009,
Ernst Schumacher
Reden lassen: „Mein Taubentraum“ im Theater 89
Karl ist mal ein Kerl
gewesen. Einer mit Macht und agitatorischem Furor, ein Besser- und Alleswisser.
Jetzt, da es seinen Staat nicht mehr gibt, schweigt er. Seit zehn Jahren schon.
Nur Lene redet noch, seine Frau. Ralf-Günter Krolkiewicz entwirft in „Mein Taubentraum“
das Charakterbild eines Menschen, der von eingebildeten Höhen abgestürzt ist,
ins Gewöhnliche, Kleinliche, Feige. Oder war er schon immer so? Lene spürt in
einem Monolog diesem Menschen nach, mit dem sie seit 50 Jahren zusammenlebt. „Drama
für die Stimme meiner Mutter“ nennt der 2008 verstorbene Schauspieler, Regisseur
und Autor Krolkiewicz seinen Text im Untertitel und verweist damit auf die autobiografischen
Bezüge einer Lebensbilanz. Das ungeduldige Forschen und Drängen der Lene ist im
Alltäglichen verwurzelt wie in einem träumerischen Bereich. Und Karl, der aus
jeder Bedeutung gefallene SED-Funktionär, gesteht nach dem Tod Lenes, endlich:
„Schuld wird nur leicht, wenn wir sie leben.“ Im theater 89 hat Hans-Joachim Frank
den poetisch durchglühten Text hochkonzentriert auf die Bühne gebracht und ihn
zugleich ins irritierend Geheimnisvolle gesteigert. Die Bühne von Klaus Noack
gleicht einer rotausgeschlagenen, sich nach hinten verjüngenden, ins Dunkle mündenden
Camera obscura. Neben der Lene der Christine Gloger agieren in diesem flüchtigen
Raum Bernhard Geffke (Karl) und Johannes Achtelik (Arzt) als reale und nur vorgestellte
Figuren. In den Stücktext sind Fragmente aus dem Bericht „Hafthaus“ von Krolkiewicz
eingefügt. Christine Glogers Vortrag, äußerlich ruhig, offenbart die Leiden einer
zurückgesetzten Frau in bedrängender Weise, jedes Wort lebt, in jedem Satz stecken
Entbehrung – und Größe. Jörg Huke begleitet den großen Versuch des Fragens mit
der Posaune, nachdenklich.
Der Tagesspiegel,
12.10.2009, Christoph Funke
Anatomie
eines Verstummens
Mein Taubentraum von Ralf-G.Krolkiewicz im Theater 89
Einmal mehr hat das kleine Theater an der Berliner Torstraße einen Text als
Uraufführung zum Leben erweckt, der zunächst mehr reflektierende Prosa ist als
bühnenwirksam dramatische Szenenfolge. Regisseur Hans-Joachim Frank und Dramaturg
Jörg Mihan haben gleichwohl die verfügbaren Elemente mit Geschick kombiniert,
und das Bühnenbild von Klaus Noack tut ein übriges, eine durchaus faszinierende
Atmosphäre herzustellen. Zwei Texte des 2008 verstorbenen Autors werden miteinander
verwoben und zueinander in Beziehung gesetzt. Der Zuschauer blickt in einen zum
Bühnenhintergrund perspektivisch zulaufenden Trichterschlund, dessen Wände im
Vordergrund lebensnah blutrot gefärbt sind und nach hinten in eintönigem Grau
enden: eine Metapher für den Lebenslauf, von dem hier die Rede ist. Karl hat seit
zehn Jahren kein Wort mehr mit seiner Frau Lene gesprochen, die nun vom Arzt als
stummem Zuhörer die Untersuchung und Aufklärung dieses sonderbaren Verhaltens
einfordert. Lene ist Christine Gloger, und dieser fesselnden Schauspielerin gehört
der Abend. Wie sie in bewunderungswürdiger Verknüpfung von Gedächtnisleistung
und Bühnenpräsenz diese anderthalbstündige Aufarbeitung der Hintergründe des Schweigens
von Karl vornimmt, ist eine fabelhafte Leistung. Denn das Verstummen wurzelt nicht
nur im Verhältnis der beiden Partner, sondern auch im Entwicklungsgang ihrer Heimat
DDR, der hier ungemein plastisch, aber durchaus plausibel und ohne falsche Töne
nachgezeichnet wird. Von den vielen Versuchen, den Niedergang des Staates samt
den Rückwirkungen auf seine Menschen vorzuführen, ist dieser hier wirklich gelungen.
Der Arzt Johannes Achtelik mit kalkweißem Maskenschädel liefert als inneren Monolog
auch noch Textpassagen aus "Hafthaus" vom selben Autor - Momentaufnahmen eines
Dissidentenschicksals. Der schweigsame Karl (Bernhard Geffke) darf am Ende doch
noch zu Worte kommen, und Jörg Huke liefert mit sensibler Posaune die musikalischen
Interpunktionen. Insgesamt eine überzeugende Analyse einer seelischen Auszehrung,
die ins Verstummen mündet.
www.nachtkrititk.de,
10.10.2009, Horst Rödiger
Familiendrama über die Willkür der Stasi Dienstag, 20. Oktober 2009 07:19
Seit zehn Jahren wartet Lene darauf, dass ihr Mann Karl wieder redet. Ihre letzte
Hoffnung ist ein Arzt. Lene erzählt ihm von ihrem Leben, von der quälenden Frage
nach dem Warum und von der Wut, die immer wieder in ihr hochkocht. Langsam schält
sich dabei eine Familientragödie heraus, die in den Tagen der DDR begann und ihren
Höhepunkt fand, als die Stasi Sohn Robert wegen satirischer Spottgedichte verhaftete.
Der 2008 verstorbene Ex-Intendant des Hans Otto Theaters, Ralf-Günter Krolkiewicz,
war 1984 selbst wegen satirischer Texte von der Stasi verhaftet worden und hat
darüber in seinem autobiographischen Bericht "Hafthaus" geschrieben. Sein Stück
"Mein Taubentraum", das nun im Theater 89 uraufgeführt wurde, greift das Thema
aus Sicht der Familie auf.
Berliner Morgenpost,
20.Oktober 2009, Ulrike Borowczyk
3-Fach
Projekt / 20 Jahre theater 89
20 Jahre theater 89 ...das sind 20 Jahre Konzeptionstheater,
Entdeckung neuer Dramatiker und auch 20 Jahre politisches Theater; jetzt: Dirk
Lauckes "alter ford escort dunkelblau" und "wir sind immer oben",
Theaterstücke, die die gesellschaftlichen Schmerzstellen angehen. Weiter
so und Glückwunsch!
Zitty 4/2009, Axel
Schalk
Endstation Frohe Zukunft - Den Finger in
der Wendewunde:
Das Theater 89 wird zwanzig Jahre alt!
Drei Premieren
hintereinander an drei Abenden zeigte das Theater 89 in dem Plattenbau in der
Torstraße in Mitte, Hofeingang, zwei Treppen. Die Spielstätte, eine Art Zwischendeck
aus schwarz gestrichenem Beton, hat sich in den zwanzig Jahren, seit eine junge
Truppe um den Schauspieler Hans-Joachim Frank aus dem stagnierenden Staatstheater
Berliner Ensemble der Vorwendezeit auszog, weil sie unabhängiges, lebendigeres
Theater machen wollte, kaum verändert. 75 Produktionen, davon 29 Uraufführungen
und 16 Stückentwicklungen kamen seit Gründung heraus. Es gab in Berlin, in der
zweiten Spielstätte Altes Lager bei Jüterbog, auf Gastspielen in Brandenburg und
anderen Bundesländern 2 000 Vorstellungen vor mehr als 100 000 Zuschauern. Auch
die Truppe, die im Kern immer noch zusammen ist, spielt, indem sie mit lebendigen,
politisch engagierten Inszenierungen die wirtschaftliche Misere überspielt, da
die paar Kröten Subventionen hinten und vorn für anständige Gagen und reiche Bühnenbilder
nicht reichen. Die Bühne ist mit hohem Anspruch und mit Selbstausbeutung erfolgreich,
und dieses erste und letzte freie Theater der DDR gibt arbeitslosen Jugendlichen,
Versagern und Möchtegerns aus Plattenbauvierteln, die es in der Nachwendegesellschaft
zu nichts bringen, für die in der Medienwelt das nur die Besitzenden tröstende,
verschleiernde Wort Prekariat aufkam, eine Stimme. Gescheiterte Existenzen, die
in verfallenden Plattensilos am Stadtrand ihre soziale Misere mit Alkohol, Drogen
und krummen Geschäften betäuben, standen im Mittelpunkt von zwei der drei Jubiläumsinszenierungen.
Das Theater 89 führte am Wochenende zwei Stücke des 27-jährigen Dramatikers
Dirk Laucke auf. Er schreibt in seinen kurzen Stücken lakonische und spröde Sätze,
und wir setzten große Hoffnungen auf ihn, dass er ein großes Stück schreiben wird,
das mehr als genaue Beobachtung ist. In "alter ford escort dunkelblau" geht es
um drei junge Kerle, die Bierkisten stapeln im Getränkelager im Mansfelder Land.
Sie sind Leiharbeiter. Fester Job weg, Ehe weg, Zukunft weg. Eines Morgens kacheln
die Drei im alten Ford einfach los, der Freiheit zu, mit Vollgas. Im Ford dröhnt
AC/CD "Highway to hell". Das Aufwachen aus dem Sufftraum von Freiheit wird furchtbar
sein. Wo sollen sie hin, diese schnapsseligen, rührseligen, heimatseligen Typen,
die alles nur immer schlimmer machen und sich selber nicht helfen können? Auch
in "Wir sind immer oben" erzählt Dirk Laucke von kleinen Leuten aus der DDR, die
in wenig aussichtsreicher Lage um ein bisschen Glück kämpfen. Selbstständig ist
nur ein anderes Wort für arbeitslos: Sven will einen CD-Laden eröffnen, aber er
hat einen Stein auf einen Skinhead geworfen, der daran stirbt. Und als seine Mutter
in verzweifelter Wut den Laden zerstört, steht Sven vor der Wahl: Weggehen oder
bleiben in der Hoffnungslosigkeit? Sven kommt nicht weg. Im Westen ist er für
die Leute nur Luft, sagt er. Svens Vater will den Kopf auf die Straßenbahnschienen
legen. Die Endstation der Linie 1 heißt Frohe Zukunft. Das dritte Stück ist eine
Ausgrabung, die am epischen Theater Brechts geschulte Szenenfolge "Industrielandschaft
mit Einzelhändlern", die der Brecht-Schüler Egon Monk 1970 schrieb und danach
einen Fernsehfilm drehte. Vielleicht so etwas wie "Furcht und Elend des vierten
Halbreiches". Hauptfigur ist ein Kriegsheimkehrer, der der 1949 "eingeführten
Demokratie vorurteilslos entgegentrat", eine Drogerie eröffnete und sie zwanzig
Jahre im "fairen Wettbewerb" mit Warenhäusern und Drogerieketten führte. Er unterliegt
im Konkurrenzkampf. Seine Erkenntnis: Es herrscht Chancengleichheit auf dem Markt,
nur sind die Konzerne leider groß und sein Laden ist leider klein. Dass die Denkschablone
etwas in die Jahre gekommen ist, war leider der Aufführung anzumerken. Regie führte
in alle drei Inszenierungen Hans-Joachim Frank. Neben den Schauspielern des Ensembles
spielten Studenten der privaten Berliner Schule für Schauspiel.
Berliner
Zeitung, 03.02.2009, Detlef Friedrich
Verlierer
auf dem Weg nach Legoland Dienstag, Der Motor röchelt, der Auspuff klappert, doch
der krachende AC/DC-Sound wummert immer noch so laut aus den Boxen, als sollte
damit eine riesige Rock'n'Roll-Arena beschallt werden. Die Metaller aus Down Under
sind der einzige Halt, der Schorse geblieben ist. In seiner Jugend als Freizeit-Gitarrist
von Teenies angehimmelt, ist er heute schlecht bezahlter Zeitarbeiter in einem
Getränkelager, dauerpleite und von seiner Frau Karin vor die Tür gesetzt. Seine
Zukunft sieht düster aus. Hier im Mansfelder Land am Rande von Sachsen-Anhalt
ist der wirtschaftliche Aufschwung nie angekommen. Statt blühender Landschaften
herrscht triste Einöde. Obwohl mit Anfang Zwanzig gerade mal halb so alt wie Schorse
(Alexander Höchst), haben auch seine Kollegen Paul (Matthias Hinz) und Boxer (Jörg
Gahr) längst jede Hoffnung auf ein besseres Leben begraben. Tagein, tagaus fährt
das traurige Verlierertrüppchen gemeinsam zur Arbeit. Ein Silberstreif am Horizont
funkelt ausgerechnet in dem Augenblick auf, als Schorse sich gegen den Willen
seiner Ex seinen Sohn Philipp schnappt und die Fahrgemeinschaft aus gewohnten
Bahnen ausbricht. Schorse will Klein-Philipp endlich mal was bieten: Legoland.
Zu den unvermeidlich dröhnenden Klängen von "Highway to hell" brettern die vier
gen Norden. Die Figuren sind gefangen zwischen Sehnsucht und Hoffnungslosigkeit.
Wie sich die drei Loser aufreiben, wie sie an ihrer Misere kranken und sich in
rotzigem Ton anschreien, bis ihnen die Luft ausgeht, weil sie nichts anderes als
Wut und Hass kennen, das zeigt Hans-Joachim Frank im Theater 89. Er hat Dirk Lauckes
mit dem Kleist-Förderpreis ausgezeichnetes Bühnen-Roadmovie "alter ford escort
dunkelblau" in rasanten Szenenfolgen mit einer eindringlichen Bildsprache inszeniert.
Das ist der Auftakt von drei Premieren zum 20-jährigen Jubiläum in Koproduktion
mit der Berliner Schule für Schauspiel: Zwei Berliner Erstaufführungen sowie die
Uraufführung von Egon Monks "Industrielandschaft mit Einzelhändlern" an drei aufeinanderfolgenden
Tagen stellen eindrucksvoll unter Beweis, warum das kleine 99-Plätze-Haus ganz
oben mitspielt. Im Mai 1989 von Hans-Joachim Frank gegründet, um in der DDR frei
von den Zwängen des Staatstheaters arbeiten zu können, ist die Bühne längst eine
der ersten Adressen des Autoren-Theaters. Vielfach preisgekrönt, darunter 1999
der Dramatikerpreis der renommierten Mühlheimer Theatertage und 2000 der Friedrich-Luft-Preis
der Berliner Morgenpost, haben der künstlerische Leiter Frank und Dramaturg Jörg
Mihan nicht nur fast vergessene Stücke und Dramatiker, sondern auch immer wieder
junge Autoren entdeckt, die sich mit der DDR-Geschichte und der deutschen Vergangenheit
auseinander setzen. Wie der 26-jährige Shootingstar Dirk Laucke, ein ehemaliger
Schüler von Hans-Joachim Frank, der einmal im Jahr an der Universität der Künste
Szenisches Schreiben unterrichtet. Auch die zweite, von Frank inszenierte Premiere
stammt aus Lauckes Feder: "Wir sind immer oben". Wild, sozialrealistisch, laut
und mit lakonisch-tragikomischen Dialogen steht die Freundschaft zwischen Sven
(Christoph Drobig) und Stamm (Johannes Keusch) im Mittelpunkt, die in einer Gartenlaube
einen Plattenladen eröffnen wollen. Doch Sven hat bei einer Schlägerei einen "Fascho"
tödlich verletzt und diese Vergangenheit holt ihn ein. Wieder einmal endet die
Zukunft bei Laucke, bevor sie angefangen hat.
Berliner
Morgenpost, 03.02.2009, Ulrike Borowczyk
Geschichten über Gescheiterte- Stücke eines KleistPreisträgers
Seit 20 Jahren entdeckt das Theater 89 in Berlin-Mitte mit jungen Schauspielern
besondere Stücke für die Bühne. Zum Auftakt des Jubiläumsjahres hatten am Wochenende
zwei Arbeiten des 26- jährigen Dramatikers Dirk Laucke Premiere: Am Freitag "alter
ford escort dunkelblau", für das Laucke 2006 mit dem Kleist-Förderpreis für junge
Dramatiker ausgezeichnet wurde, am Sonnabend "Wir sind immer oben". In "alter
ford escort dunkelblau" verdienen drei Verlierer-Typen ihren kümmerlichen Unterhalt
als Zeitarbeiter in einem Getränkehandel und vertrinken an Wochenenden gleich
wieder alles. Unablässig träumen die drei davon, aus ihrem tristen Alltag im Plattenbau
auszubrechen. Einer von ihnen, Schorse (Alexander Höchst), will unbedingt seinem
Sohn Phillip (Leonhard Geffke) Legoland in Dänemark zeigen. Da ihm das Sorgerecht
entzogen wurde, entführt er den Jungen kurzerhand mit seinen beiden Kumpels Paul
(Matthias Hinz) und dem ruppigen Skinhead Boxer (Jörg Gahr). Die Gruppe kommt
nicht weit auf dem Weg ins Legoland. Von Alkohol und AC/DC-Gitarrenriffs umnebelt,
überfordert mit dem Kind, scheitern die drei vor allem an sich selbst. Um Gescheiterte
geht es auch in "Wir sind immer oben". Die beiden Punks Sven (Christoph Drobig)
und Stamm (Johannes Keusch) wollen einen Plattenladen in der Gartenlaube von Svens
Mutter Tine (Angelika Perdelwitz) eröffnen. Sven verliebt sich in die aufstrebende
Zeitungs-Volontärin Corinna (Melissa Anna Schmidt), die mit ihrer Karriere doch
nicht glücklich wird und kündigt. "Kapitalismus ist wie freie Liebe in den Zeiten
von HIV" kommentiert sie das allgegenwärtige Misstrauen. Alles scheint einen guten
Lauf zu nehmen, da entdeckt Tine, dass ihr Ex und Svens Vater Tilo (Johannes Achtelik)
Unterschlupf in der Laube gefunden haben. Einer Furie gleich zertrümmert sie den
Laden. Dann erfährt Sven, dass er versehentlich auf einer Demonstration einen
Neonazi per Steinwurf getötet hat. Am Ende sitzt die Gruppe auf der das Bühnenbild
bestimmenden alten Hollywood-Schaukel und arrangiert sich mit dem gemeinsamen
Elend, allein Corinna sucht das Weite. Regie führt in beiden Stücken der künstlerische
Leiter des Theaters 89, Hans-Joachim Frank. Das Ensemble besteht zum Großteil
aus Studenten der privaten Berliner Schule für Schauspiel. In "Wir sind immer
oben" kommentieren wechselnde Erzähler, die für kurze Momente aus ihrer Rolle
herausfallen, das Geschehen für den Zuschauer. Durch videoclipartiges Spiel der
Akteure werden komplexe Abläufe kurz angedeutet. In "alter ford escort dunkelblau"
erhalten einzelne Charaktere im Wechsel die Gelegenheit, ihre Gedanken zu äußern,
während der Rest der Szenerie gefriert. Effektive Kunstgriffe sind das, mit denen
die mühsame Arbeit der Figurenzeichnung bewältigt wird. Laucke benötigt diese
Hilfsmittel, wo die Dialogführung an ihre Grenzen stößt. Dennoch entstanden treffende
Milieustudien. In beiden Stücken artikulieren die Antihelden schnoddrig ihre Wut.
Ihre traurigen Gestalten erscheinen nie überhöht, sondern sehr realistisch.
Märkische Oderzeitung, 02.02.2009, Boris
Kruse
INDUSTRIELANDSCHAFT
MIT EINZELHÄNDLERN
– Hans-Joachim Frank bringt Egon
Monk zur Uraufführung
Kleiner Mann, das nun!!
Dieser Einzelhändler ist
keiner, der den herrschenden Ansichten widerspricht, sondern ein Einverstandener.
Doch obwohl er, "nachdem er aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt, inzwischen
eingeführter Demokratie vorurteilslos gegenübergetreten" war und, "da sie sich
wenig später auch geschäftlich bewährt hatte, zu ihren Befürwortern" zählte, verliert
er nach 21 Jahren sein Drogeriegeschäft. Der tüchtige Drogist aus Egon Monks auch
verfilmter Erzählung "Industrielandschaft mit Einzelhändlern" aus dem Jahr 1970
scheitert gerade deshalb, weil er sich ganz an die Regeln eines Wirtschaftssystems
hält, das ihm Wohlstand durch Selbständigkeit verspricht. Die Erzählung des vor
zwei Jahren verstorbenen Egon Monk, erster Schüler und Mitarbeiter Brechts am
Berliner Ensemble bis 1953, später in Westdeutschland ein Begründer des politischen
Fernsehspiels, besitzt als analytische Beschreibung vom Aufstieg und Fall eines
Einzelhändlers in den Wirtschaftswunderjahren nach dem Kriege eine erstaunliche
Aktualität. Monks Drogist wird zum Opfer von Konzentration und Globalisierung.
Er vermag gegen ein von Handelsketten und Großmärkten bestimmtes und befriedigtes
Konsumverhalten nicht mehr zu bestehen und muss, nachdem ihm die Bank keinen Kredit
mehr gibt, als Selbstständiger aufgeben. Dabei erkennt er: Wenn Amerika einen
Schnupfen hat, bekommt Europa Lungenentzündung. Spielerisch brechtianisch Das
Ganze: Ein toller Text, aber ein schwieriger Text für das Theater, geschrieben
als erlebte Rede des Drogisten. Dass das theater 89 ihn in Monks Nachlass ausgegraben
und am Ende eines dreitägigen Premierenreigens (beginnend mit zwei Stücken von
Dirk Laucke) zur Feier des eigenen 20. Geburtstags vorgestellt hat, beweist einmal
mehr den Rang dieses freien Theaters als politisch waches Autorentheater Berlins.
Der kühne Versuch, diesen vor allem Denkprozesse statt szenischer Ereignisse beschreibenden
Text auf die Bühne zu bringen, wird von erstaunlichem Erfolg gekrönt. Weil Regisseur
Hans-Joachim Frank ihn in Bewegung zu bringen versteht, ohne ihn szenisch allzu
sehr zu befrachten, und weil er mit Bernhard Geffke einen Hauptdarsteller besitzt,
der die Selbstreflexion und den marktwirtschaftlichen Diskurs des Drogisten sozusagen
spielerisch brechtianisch vorführt. Sein Drogist erscheint nicht als das kleine
Opfer der Verhältnisse, wie wir es von Fallada kennen, sondern wird als ein selbst
im Niedergang energischer, bis zum voraussehbaren Scheitern selbstbewusster kleiner
Mann gezeigt. Optimierung von urkomischer Traurigkeit Wunderbar, wie Geffke den
Versuch des Drogisten spielt, seine Situation im wissenschaftlichen Selbstversuch
zu verstehen und zu meistern. Gegen die Stoppuhr in der Hand seiner Frau versucht
er, jede Arbeitsbewegung, jede lächelnde Hinwendung zum Kunden tayloristisch zu
optimieren. Dabei macht er sich zum Arbeitsautomaten, der er eigentlich längst
ist. Und wie er ein Schema des Handelns für sich entwirft, mit Selbstkritik, mit
Aktivierung des Betriebs, mit Studium des Weltmarkts und mit faktenorientierter
Planung über Einkauf, Angebot und Nachfrage, das strahlt urkomische Traurigkeit
aus. Eingebettet in den summenden Einverständnisgesang eines gesellschaftlichen
Chores mit sich selbst tritt dieser Drogist als Einzelkämpfer auf und schließlich
auch ab. Zwei Kommentatorinnen in schwarzem, aufreizenden Show-Outfit geleiten
uns mit moritathafen Kommentaren und gesungenen Erklärungen durch den Abend. Bianca
Baalhorn und Sara Victoria Sukarie vermögen dabei ihre oft komplizierten Texte
so überraschend lebendig und unterhaltsam darzubieten, dass die Aufführung trotz
wenig szenischer Aktion auf der erdbedeckten niedrigen Bühne – mit einem Erdhügel
an der Seite und einem Landschaftspanorama im Hintergrund auch Spielort der Stücke
Lauckes – spannungsreichen Schwung erhält. Es ist eine Inszenierung, die Denkprozesse
und gesellschaftliche Entwicklungsgesetze auf intelligent unterhaltsame Weise
versinnlicht und ein beeindruckend homogenes Ensemble präsentiert, in das sich
Schüler der berliner schule für schauspiel sicher einfügen.
Nachtkritik, 01.02.2009, Hartmut Krug
...drei Premieren an drei Tagen läuten dieser Tage das Jubiläumsjahr
ein: die Stücke alter ford escort dunkelblau und wir sind immer
oben von Dirk Laucke und Industrielandschaft mit Einzelhändlern
von Egon Monk, ein Uraufführung.
Denn zum Konzept des theater 89 - das
verbunden ist mit Schauspielernamen wie Johannes Achtelik, Bernhard Geffke und
Ekkhard Schall und dessen Markenzeichen die Plakate von Volker Pfüller sind
- gehört auch das Ausgraben und Wiederentdecken vergessener Autoren.
So ist man im Hamburger Archiv auf den Text des Brechtschülers Egon Monk
gestossen, der 1953 die DDR und das BE verlassen hat. Industrielandschaft mit
Einzelhändlern ist heute von erstaunlicher Aktualität. Ein Drogist,
der seine Existenz durch die Konkurrenz großer Kaufhäuser verliert,
wird nicht als unschuldiges Opfer dargestellt; vielmehr kommt er zu der schmerzlichen
Einsicht, sich den ökonumischen Prozessen nicht genug angepasst haben: "Wie,
wenn der große Unbekannte, welcher hindert, dass die Rechnung aufgeht, ich
selber bin? Wenn ich, peile ich Umwelt und Verhältnisse auf der Suche nach
dem Störfaktor an, ihn nie werde finden können, weil natürlich
ich der Störfaktor bin?" Selber schuld ist in unserem kapitalistischen
Bewusstsein noch jeder. ...
FREITAG, 23.01.2009,
Ricarda Bethge
alter
ford escort dunkelblau
Ruppige Reise-
Berlins Theater 89 zeigt „alter ford escort dunkelblau“
Das Klappern lässt
sich nicht überhören, und der Auspuff erlebt seine letzte aktive Zeit. Schorse
und seinen Freunden Boxer und Paul macht das nichts aus. Die Zeitarbeiter rasen
in der alten Karre im Hochsommer durchs Mansfelder Land, auf der Jagd nach Träumen,
nach Liebe, nach irgendetwas. Kommen sie an, finden sie etwas, das Halt geben
könnte? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Die seltsam ruppige Reise durch eine
aufgegebene Gegend skizziert Dirck Laucke in seinem Theatertext mit dem Märchentitel
„alter ford escort dunkelblau“. In der Tat wird ein Märchen erzählt, das Märchen
von den Verlierern, den Abgeschobenen, Wurzellosen, von Leuten, die kein Abenteuer
scheuen, immer wieder gedemütigt werden und dennoch nicht aufgeben. Der Autor,
mit dem Förderpreis zum Lessingpreis des Freistaates Sachsen ausgezeichnet, beschönigt
das vielfache Versagen der Freunde nicht – macht aber vor allem auf ihren gesetzlosen
Widerstand gegen einen Alltag aufmerksam, der sie auszulöschen droht. Die drei
verbindet eine Solidarität – auch gewalttätiger Art –, gemeinsam entgehen sie
um Haaresbreite der endgültigen Katastrophe, es scheint, als wache ein Engel über
sie. Märchen eben, aber aus häss licher Wirklichkeit. Hans-Joachim Frank hat das
Stück im Theater 89 als Koproduktion mit der Berliner Schule für Schauspiel inszeniert,
in einem atemnehmenden Tempo, ungezügelt, laut. Geschrei bestimmt die „Verständigung“
unter den Freunden – und mit Karin, Schorses Frau, der Liebe abgezwungen werden
soll. Es herrscht eine Aggressivität, die Enttäuschung verbirgt, Suche nach Nähe,
nach Verständnis. Nur wenige Momente der Erschöpfung räumt der Regisseur seinen
Darstellern ein. Mit der Musik, vom Schlager bis zum harten Beat, schafft er eine
Art neue, eigentliche Wirklichkeit für die Helden. Alexander Höchst (Schorse)
und den Studenten Doreen Wermelskirchen, Mattias Hinz, Jörg Gahr gelingt es, emotionale
Entladungen in gesteigertem Tempo durchzuhalten. Ihr Gefährt (Bühne und Kostüme
Annette Braun), ein aus Holz gezimmertes Ungetüm wie vom Sperrmüll, kontert dabei
den Überschwang mit milder Ironie. Der Einsatz des Theaters 89 für Dirk Laucke
kommt nicht von ungefähr. Denn besonders für die jungen Autoren fühlt sich die
vielfach ausgezeichnete Gruppe um den künstlerischen Leiter Hans-Joachim Franck
seit schon 20 Jahren zuständig. 1989 war die Gründung des Theaters, außerhalb
der gewohnten Strukturen der DDR, und deshalb misstrauisch beobachtet, noch ein
Wagnis. Unterstützung für diese freie Bühne gab es zunächst nicht, heute hilft
die Senatskanzlei für kulturelle Angelegenheiten. Die Künstler um Hans-Joachim
Franck haben durchgehalten und sind im Jubiläumsjahr zu Recht stolz auf ihre erfolgreiche
„Suche nach Stoffen, Themen und Autoren, die aus einem Blick von unten die Welt
betrachten und beschreiben“. 75 Produktionen sind auf die Bühne gekommen, davon
29 Uraufführungen und 16 Stückentwicklungen. Wenn es ein Theater der jungen Autoren
in Berlin gibt, dann ist es dieses.
DER TAGESSPIEGEL,
01.02.2009, Christoph Funke
STEINKES
RETTUNG
Steinke ist fällig. Weil er allzu tüchtig ist.
Der Chef schickt ihn, vor geplanter Entlassung, samt Familie in Urlaub in die
Bayrischen Berge. Dort wird Steinke zu Tode kommen. Oliver Bukowski hat diese
hinterlistig heitere Managergeschichte unter dem in die Irre führenden Titel Steinkes
Rettung aufgeschrieben - als Kriminalhörspiel und Psychothriller. Es ist ein auf
Andeutungen bauender Text, offen für viele Deutungen, weil alles der Fantasie
des Hörers überlassen bleibt und nur von Geräuschen gestützt ist. Anders im Theater,
da nehmen Schauspieler dem Vieldeutigen seinen Reiz. Hans-Joachim Frank versucht
im theater 89 den Widerstand des Textes gegen Versinnlichung zu brechen, mit einigem
Erfolg. Im fast schwarzen, in mehrere Spielebenen unterteilten Bühnenraum (Anne-Kathrin
Hendel) entstehen im Scheinwerferlicht auf magische Weise Orte und Situationen,
die emotionale Umbrüche und Abstürze spiegeln. Bukowski legt wie im Minutentakt
Verhaltensweisen in der heutigen Wirtschaftswelt auf eine Familie um. Diesem schnellen
Rhythmus folgt die Inszenierung. Erfolg, Versagen, Liebe, Hass, Vertrauen, Betrug
werden durcheinandergewirbelt, bis zum blutigen Finale. Konkret vorzeigbar ist
das oft nicht, denn Bukowski setzt auf hemmungslose Absurdität. Macht man die
Thriller-Versatzstücke auf der Bühne "wirklich", droht das Abgleiten ins Banale.
Dennoch, was die Darsteller (unter ihnen Bernhard Geffke, Angelika Perdelwitz,
Sonja Hilberger) im punktgenauen Erfassen und "Ausleuchten" der rasch aufeinander
folgenden Episoden leisten, macht den Abend anregend und auf gescheite Weise unterhaltsam.
DER TAGESSPIEGEL, 11.04.08, Christoph Funke
So wenig Tiefenschärfe und sprachliche Dichte die aktuelle
Dramatik auch hat, Oliver Bukowskis Politstück um einen Manager ist eine
Ausnahme. Der Autor ist ein Meister spotartiger Kurzszenen und verknappter Dialoge.
Das Stück - Pendant zu seinem Erfolgsstück von "Nach dem Kuss"
(2006) - stellt nicht mehr die Underdogs in den Fokus, sondern die Top Dogs. Steinke,
brillant von Bernhard Geffke gegeben, wird von seinem Chef in die bayerischen
Berge gleichsam verbannt - zur Erholung, also ohne Handy, Fax oder Laptop. Und
hier zwischen Rindvieh und Familie findet seine im Stücktitel genannte "Rettung"
statt, tatsächlich aber eine tragikomische Katastrophe. Der Workaholic, der
vermeintliche Siegertyp - er sitzt wie ein Cäsar mit Lorbeerkranz auf der
Bühne - bleibt seinen Mustern treu: Trällert er auch mal besoffen friedlich
den Schlager "Menodcino", so ist er stets der Unterdrücker seiner
Familie und erschießt beim Beischlaf seine Frau. "Gerettet" echot
es ironisch aus den Bergen. Die Szene, einmal grell, dann wieder im Zwielicht,
spielt in einem leeren Schwimmbecken; eine Arena, die eine absurde Managerwelt
abbildet - und dies einfach stark.
Zitty 10/2008, Axel
Schalk
Es war die Premiere für Brandenburg. Das
Theater '89 präsentierte am Freitagabend sein neuestes Werk: den Psychothriller
"Steinkes Rettung" von Oliver Bukowski. Der Saal war gut besetzt, das Publikum
gespannt, die Stimmung locker. Die Geschichte fängt ganz harmlos an. Werner Steinke
(Bernhard Geffke), gestresster Manager und Workaholic hält sich in seiner Firma
für unersetzbar. Er muss wohl einfach mal aus dem Verkehr gezogen werden. Dafür
sorgen Ehefrau Gerit (Angelika Perdelwitz) und Konzernchef Dr. Walter (Eckhard
Becker). Steinke wird zur Erholung auf eine bayrische Almhütte geschickt - ohne
Telefon, Internet oder Computer. Frau und Tochter Miriam sowie Carlo (Stefan Kowalski),
Schwiegersohn in spe, begleiten ihn. Auf der Alm, nur umgeben von Rindviechern,
Familie und dem penetrant besorgten Alpenanimateur Matti (Johannes Achtelik),
ist es nur eine Frage der Zeit, bis Steinke völlig durchknallt. Er erdrosselt
Matti am See mit einer Angelsehne. Frau und Schwiegersohn-Anwärter lässt er duschen,
bis sie vor Kälte blau werden. Immer mit der Bemerkung: "Endlich kann ich meine
Familie mal ganz für mich genießen." Nicht weniger makaber kommt das Stück zum
Ende. "Komm, mach mir noch ein Kind. Gleich hier auf der Alm", fleht ihn Gerit
zum Schein an. Beim Akt erschießt sie ihn mit seinem Jagdgewehr. "Komm, lass uns
wie immer noch ein bisschen kuscheln. Du musst ja gleich aufstehen", sind ihre
letzten Worte für ihn. Der Applaus im "Haus" war der gerechte Lohn der Schauspieler
für ihre gelungene und überzeugende Darstellung. Auch Hans-Joachim Frank, Regisseur
vom Theater '89, war zufrieden mit der Resonanz auf das neueste Werk seiner Truppe.
Der 1961 in Cottbus geborene Stückeschreiber Oliver Bukowski ist seit 15 Jahren
Hausautor vom Theater '89. Aus seiner Feder stammen bisher neun Inszenierungen.
"Steinkes Rettung" wurde 2005 in Halle uraufgeführt. Die Berlin-Premiere war am
3. April dieses Jahres. Im "Haus" in Altes Lager gibt es dieses Jahr noch zwei
Vorstellungen.
MAZ, 08.07.2008, H.-Dieter
Kunze
Wer in ein so
kleines Theater geht, darf unter die Utopisten gezählt werden. Er glaubt an eine
Strahlkraft, die von wenigen Scheinwerfern ausgeht. Er glaubt an Schauspieler,
die ohne Scham und Gram, jenseits blubbernder Medienbevorzugung in anstrengender
Unverdorbenheit ihr Komödiantentum leben. Er hat ein Herz für Ursprünge, die nicht
verapparatet sind. Wer in ein so kleines Theater geht, hat auch ein Herz für sich
selber, er freut sich am Schnittpunkt, wo die Mühe der Leichtigkeit begegnet,
beide stehen sich gegenüber, und die Leichtigkeit blüht auf, weil die Mühe - trotz
ihrer harten Arbeit gegen mögliche Resignationen - doch ganz in ihr, der Leichtigkeit,
aufgeht. Das theater 89 in der Berliner Torstraße ist so ein Theater des nicht
sehr hoch bezahlten Spiels, das unter Leitung des Regisseurs Hans-Joachim Frank
seit nunmehr fast zwanzig Jahren eine gute Adresse für kluges, suchendes, uneitles,
redlich stolzes Spiel blieb. Jetzt hatte "Steinkes Rettung" von Oliver Bukowski
Premiere; der Dramatiker aus Cottbus, Jahrgang 1961, gilt als Hausautor der Frank-Truppe,
und deren sorgsame Pflege eines unsentimentalen, deftigen, vertrackt bis böse
witzigen Gegenwartstheaters baut wesentlich auf die Stücke Bukowskis. Manager
Steinke wird zum Urlaub geschickt. Und Urlaub, befiehlt die Konzernleitung, soll
wirklich Urlaub sein. Strafe für den Worcaholic. "Psychothriller" nennt Bukowski
sein Stück. Steinke wird morden, um wieder frei, also handy-abhängig sein zu können.
Er wird zum Amokläufer gegen die eigene Familie, als ihm schwant: Der Urlaub ist
gleichsam Abschiebung. Erstes Stadium der Aussortierung. So hat er doch selber
aussortiert. Angst wird Wahn; das einzige, was Steinke noch in der Hand hat, ist
ein Gewehr ... Eine gewisse Schwierigkeit des Abends liegt in dem Widerspruch
zwischen der oft geradezu körperlichen Nähe, die man als Zuschauer zu den Gestalten
auf der Bühne hat, und jener gleichzeitigen Distanz zu ihnen. Die sich schlichtweg
daraus ergibt, dass wenig Sympathie für diese Familie aufkommt. Es ist erstaunlich
konsequent, dass Frank nichts tut, diese Spannung abzubauen. Sie wird sogar noch
dadurch erhöht, dass der Punktscheinwerfer (Licht: Alexandre V. Myznikov) meist
nur die Köpfe der Figuren ins Sichtbare holt. Das Sprechen erscheint so, als verhörten
diese Leute sich selber. Isolation. Einsamkeit. Verlorensein. Schwärze rund um
den blau schimmernden Swimming Pool (Bühne: Anne-Kathrin Hendel). Frank treibt
diese Familie ohne Übergänge ins gesteigert Aggressive hinein - was die Zuneigung
zu ihr nicht größer macht. Aber am Ende steht doch ein Erschrecken, das die Betrachtung
von Typen zum Mit-Gefühl für Seelen wandelte. Bernhard Geffke, fast immer im Anzug
mit Krawatte, ist ein mundverhärterer Kleintyrann, im Besoffensein ohne Humor,
im Liebesbegehren ohne Sinnlichkeit, ein armer Hund der Geschäftigkeit und der
totalen Geschäftlichkeit. Da ist eine verborgen lederne Härte, die mehr und mehr
diese hagere Gestalt ergreift. Im Männchen tobt der Mörder, im Mörder jammert
panisch das Männchen. Am Ende wird ihm seine Frau in die Nase beißen, und der
rote Punkt im Gesicht macht den Killer zum Clown. Sonja Hilberger als Steinkes
Tochter ist eine grelle Spaßgesellschafterin, die "Gras" raucht, als wolle sie
den kleinen Zuschauerraum am Rausch beteiligen. Stefan Kowalski ist ihre aufgedrehte
Reisebekanntschaft, Johannes Achtelik spielt mit stoischer Unberührtheit den Hütten-Bauern,
der den Firmen-Auftrag hat, Steinke unbarmherzig zum Entspannen zu bringen. Den
menschlichsten Akzent setzt Angelika Perdelwitz als Steinkes Frau: starke Ausstrahlung
zwischen Handfestigkeit und Diva, geduckter Geduld und befreiendem Erwachen. Bitter,
direkt, grell, sehenswert.
Neues Deutschland,
Hans-Dieter Schütt
Wenn
sich so jemand wie Werner Steinke aus den Südseeferien bei der Firma zurückmeldet,
bringt er über eine Million Reingewinn mit. Acht Sattelschlepper hat er dem armen
Urlaubsland, dessen Namen ihm inzwischen längst wieder entfallen ist, vertickt.
Wenn da der Chef im Büro vorbeikommt, darf, ja soll, so jemand wie Steinke die
Füße wohlverdient auf dem Schreibtisch liegen lassen. Gekommen ist der Chef, um
Steinke erneut in den Urlaub zu schicken, diesmal aber richtig - eine Maßnahme,
die so jemand wie Steinke selbstverständlich sofort durchschaut. "Steinkes Rettung"
von Oliver Bukowski beginnt wie ein Entfremdungsspaß auf Kosten eines Workaholics,
der sich plötzlich der Natur und der eigenen Familie ausgesetzt sieht. Steinke
(Bernhard Geffke) wird mit Frau (Angelika Perdelwitz), Tochter (Sonja Hilberger)
und designiertem Schwiegersohn (Stefan Kowalski) in einer luxuriösen bayrischen
Almhütte untergebracht und von dem verwurzelten Senner Matti (Johannes Achtelik)
betreut - und bewacht. Die aus der ungewohnten Situation resultierenden Verhaltensauffälligkeiten
verlassen bald die Bereiche des Ignorier- und Tolerierbaren. Steinke knallt sich
die Rübe zu, entdeckt seine dem Termindruck gewichene Sexualität wieder, wäscht
sich nicht, ballert beim Jagdausflug kreuzgefährlich herum und macht beim Angeln
Vorschläge zur Effizienz: eine Phase Baustrom in den See legen, Fische einsammeln,
nach Hause gehen und "entspannt ist". Aber als Steinke Matti mit der Angelsehne
den Hals zuschnürt, ist man von Hans-Joachim Franks Inszenierung dann doch ziemlich
überrumpelt. In diesem Moment kippt die Komödie zum grotesken Psychothriller nach
Art von "Shining", dem Stanley-Kubrick-Film mit Jack Nicholson als Papi mit dem
Beile. Steinke, vorsorgend für den Fall, dass er die Arbeit verliert, nimmt seine
Lieben in Geiselhaft und als Ersatz für den verloren geglaubten Lebenssinn. Er
zwingt sie mit Waffe zum trauten Würfelspiel. Weil sie ihren Mann nicht feuern
kann, sieht sich die Gattin schließlich gezwungen, ihn zu befördern. Und zwar
ins Jenseits. Während Steinke, euphorisiert von den sich eröffnenden Perspektiven,
auf seiner schon lange nicht mehr fruchtbaren Frau herumhampelt, um ihr ein Kind
zu machen, erlegt sie ihn mit einem fachgerechten Schuss aus dem aufgesetzten
Jagdgewehr. Bukowskis auf einem eigenen Hörspiel basierendes Stück reißt die Szenen
schnell auf für ein paar saubere Pointen. Steinkes psychischer Verfall findet
irgendwo in den zwischengeschalteten Blacks statt. Wenn das Licht wieder angeht,
ist Steinke jedes Mal ein Stück irrer. Der Inszenierung fehlt es an Humor und
ästhetischer Entschlusskraft, um den von Bukowski angelegten Absturz von der Komödie
zur Groteske nachzuvollziehen. Es gibt im trockenen Swimmingpool, dem vielseitig-praktikablen
Bühnenbild von Anne-Kathrin Hendel, wohldosierte Kabarettdialoge, es gibt stummfilmartige
Zeigeszenen, Kindertheateranleihen und schnöden "Tatort"-Realismus mit hohem Platzpatronen-
und Kräuterzigarettenverbrauch - alles wird handwerklich sehr solide, mit schauspielerischem
Einsatz dargeboten. Eine routinierte kapitalismuskritische Pflichtübung - zielgruppenorientiert,
wie der wackere Applaus des DDR-Veteranen-Publikums verriet.
Berliner
Zeitung, Ulrich
Seidler
GEHEN
- BLEIBEN
"Ich warte auf das Wunder, eines Tages ohne
den Führer aufzuwachen" Das "theater 89" aus Berlin bot die Tagebücher von Victor
Klemperer im Amtshaus Themar. Bemerkenswerter Abend zu einem Schicksalsdatum.
Von Wolfgang Swietek Themar - Der 9. November, der Tag, als die Mauer fiel. Doch
auch der Tag, als in Deutschland die Synagogen brannten. Auch wenn dies 51 Jahre
eher war. Löste der 9. November 1989 überschwängliche Freude aus, so macht das
Gedenken an den 9. November 1938 eher betroffen. Wohl kaum ein literarisches Dokument
erinnert daran so eindrucksvoll wie die Tagebücher von Victor Klemperer, die jetzt
von Katrin Kazubko für die Bühne bearbeitet worden sind und vom "theater 89" Berlin
erstmals zur Aufführung gebracht wurden. Am Montagabend war das Ein-Personen-Stück
nun auch im Amtshaus Themar zu erleben. Bereits am 9. November des vorigen Jahres
hatte die Stadt Themar mit einer bemerkenswerten Ausstellung an ihre ehemaligen
jüdischen Mitbürger erinnert. "Sie waren Themarer", so der Titel jener Dokumentation,
die auch am Montagabend - zur Einstimmung auf die Theateraufführung - noch einmal
zu sehen war. "Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für
die Zukunft", dieses Wort von Carl Friedrich von Weizsäcker ist der Ausstellung
vorangestellt, und gilt wohl gleichermaßen für die Tagebücher von Victor Klemperer.
"Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten", nennt er seine Aufzeichnungen aus
den Jahren 1933 bis 1945. Als achtes Kind eines Rabbiners geboren, später zum
Protestantismus konvertiert, hatte Victor Klemperer Philosophie, Romanistik und
Germanistik studiert und bis 1935 als Professor in München und Dresden gearbeitet,
ehe er wegen seiner jüdischen Herkunft entlassen worden ist. Was dann in seinem
Leben passierte, von der Leere und dem Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden,
bis zum ständigen Drangsalieren durch die Nazis - immer mehr Dinge des täglichen
Lebens wurden den Juden verboten - den Haussuchungen, die ständige Angst, beim
nächsten Transport in eines der Konzentrationslager dabei zu sein, all das muss
die Hölle gewesen sein. Die ganz persönliche Sicht, das Schildern eines Einzelschicksals
lässt die Zeit noch eindringlicher vor dem geistigen Auge des Betrachters entstehen
als so manche Dokumentation, die das Grauen in seiner Gesamtheit erfassen will.
Immer wieder stellt sich Klemperer die Frage: "Bleiben? Gehen?" Viele jüdische
Mitbürger waren Anfang der 30er Jahre bereits emigriert, auch viele der Klemperers
lebten bereits in den USA. Doch Victor Klemperer hatte sich - trotz seiner Todesängste
- fürs Bleiben entschieden. "Ich warte immer noch auf das Wunder, eines Tages
ohne den Führer aufzuwachen", beschreibt er in seinen Tagebüchern seine Gefühle.
Das Schreiben hilft ihm, die Zeit zu überstehen. Selbst als er schon im Gefängnis
saß, bittet er sehnlichst um ein paar Blatt Papier, und bekennt: "An meinem Bleistift
klettere ich aus der Hölle." Schreibend hält er sich am Leben: "Ich schreibe weiter,
ich will Zeugnis ablegen - das ist mein Beruf." Er hat so eine Bestandsaufnahme
jener Zeit hinterlassen, die authentischer nicht sein könnte. Auch die Bühnenfassung
setzt ganz auf die Kraft der Worte von Victor Klemperer. Nur sparsame darstellerische
Mittel setzt dabei der Schauspieler Bernhard Geffke ein, spielt nicht "großes
Theater", lässt aus dem fast zweistündigen Monolog einen eindringlichen Dialog
mit dem Publikum werden, dem er seine Geschichte erzählt. Betroffenheit macht
sich breit im Zuschauerrund. Die Parallelen dieses 9. November 1938 und des gleichen
Tages im Jahr 1989 müssen nicht weit hergeholt werden. Sie wurden am Montagabend
zwar nicht ausgesprochen, lagen aber für den Zuhörer auf der Hand. Wenn auch nicht
so existenziell wie 1938, stand auch 1989 für viele die Frage "Gehen? Bleiben?"
Klemperer hatte sich fürs Bleiben entschieden, trotz seiner Todesangst. " . .
. trotz allem: Ich denke deutsch, ich empfinde deutsch, ich kann es mir nicht
ausreißen." Wer 1989 oder danach gegangen ist, musste diese Überlegung nicht anstellen,
denn jenseits dieser ehemals unüberwindlichen Grenze konnte er weiterhin deutsch
denken und empfinden.
Zeitung
Freies Wort/Ressort Hildburghausen Lokal/ Erschienen am 11.11.2009
Victor Klemperer gehörte
auf Grund seiner jüdischen Herkunft zu Opfern der NS-Barberei. In der Zeit
des Leidens hat er minutiös Tagebuch geführt. Nur ein Stuhl, ein Tisch,
ein Cello-Spieler und ein großartiger Schauspieler reichen, um Klemperers
schreckliche Erfahrungen eindrucksvoll in Szene zu setzen: "Keine Post, beruflich
matt gesetzt", Hausdurchsuchungen, Todesangst, endlich die Rettung. Es folg
ein neues Leben in der DDR, auch dies betrachtet Klemperer kritisch. Bernhard
Geffke spielt den Monolog mit äußerster Konzentration und minimalen
darstellerischen Mitteln. Einamls, als er verhaftet wird, löst er nur seinen
Schlips und zieht den Gürtel aus der Hose. Er spricht sachlich ohne jede
Bitterkeit, hebt dann die Stimme, wenn er die abscheuliche Nazipropaganda vorträgt.
Das Schreiben ist der Rest an menschlicher Würde, der geblieben ist. Ein
großer Theaterabend.
Zitty
23/2007-Oktober 2007
Jahrzehntelang galt das
Buch "LTI" des Dresdener Sprachforschers Victor Klemperer in der DDR
als Geheimtipp. Mit einer sogenannten Arierin verheiratet, hatte der evangelische
Jude Klemperer zwar das Dritte Reich überlebt, war dennoch vom Gram über
den Verlust seiner Ämter, seines gesellschaftlichen Ansehens und seines materiellen
Wohlstandes beinahe zerfressen worden.
Heimlich schrieb Klemperer, der damals mehr als einmal über Selbstmord nachdachte,
Tagebuch. Die "Sprache des Dritten Reiches" nannte er dieses Zeitdokument,
das er sicherheitshalber ins Lateinische übersetzte und dafür das Kürzel
"LTI" verwendete. Akribisch hat Klemperer darin all das notiert, was
er in den Medien und Gesprächen jener Tage an Lügen, Halbwahrheiten
und überzogener Propaganda entdeckte. Das Klemperer schon bald nach dem Krieg
sein früheres Ansehen zurückerlangte, durfte "LTI" in der
DDR erscheinen. Hätten die Partei-Genossen damals geahnt, wie überaus
kritisch Klemperer auch ihr Triebn bewertete, hätten sie womöglich anders
entschieden. Klemperer selbst hat dies mit Sicherheit geähnt. 30 Jahre nach
seinem Tod sollten vergehen, bis seine Tagebuchaufzeichnungen aus den Endvierzigern
und Fünfzigern des 20.Jahrhunderts an die Öffentlichkeit gelangen durften.
Das zweistündige Theaterstück "Gehen-Bleiben", das am Sonnabend
im "Haus" Brandenburg-Premiere feierte, setzt sich mit dem Leben Klemperers
auseinander.
"Auf
welches Pferd hätte ich nach dem Krieg setzen sollen?" , fragt Klemperer sich
selbst, als er erkennt, dass das versprochene sozialistische Paradies wohl doch
nicht kommt. Der Tos seiner Eva ist fast genauso schnell vergessen wie die eigenen
Ideale.Mit
schizophrenem Eifer beteiligt sich Klemperer als Mitglied der obersten Volksvertretung
an den wahnwitzigen Entscheidungen.
Bernhard Geffke in der Rolle Klemperers
ist ein Erlebnis. Die Zerrissenheit des Sprachforschers, der als kleiner verbitterter
Mann 1960 starb, verkörpert Geffke überaus authentisch. Peter Koch am Cello ergänzt
mit wenigen, aber wichtigen Akzenten. Ein erhellender Theaterabend, trotz aller
Düsternis.
MAZ
25.09.2007, Uwe Klemens
HERBERTSHOF
Das theater 89 hat für die Jahre 2007/2008
"Starken Stoff" angekündigt. Das Projekt soll von "Menschenjagd
und Ausgrenzung" handeln. Nach den Anfängen mit "Eine LIebe in
Deutschland" von Rolf Hochhuth, "Sonst is alles wie immer" von
Ralf-Günter Krolkiewicz und "Nach dem Kuss" von Oliver Bukowski
setzt das Theater das Programm mit "Herbertshof" von Krolkiewicz fort,
das 2005 in Potsdam uraufgeführt wurde. Das Stück in "zwanzig szenen"
mit "einem alten lied" - gemeint ist das von Schumann vertonte Julius-Mosen
Gedicht: "Der Nussbaum" - ist der Realität in Deutschlands Osten
bedrängend nah.
In einem Dorf will sich André nach den näheren
Umständen erkundigen, wie sein jüdischer Großvater in einem Nazipogrom
am Nussbaum seines Hofes aufgehängt wurde und sein Vater nach seiner Entlassung
aus dem Nazi-KZ bei der sowjetischen Besatzungsmacht denunziert wurde und sein
Leben verlor. "Der Fremde" stört damit das Schweigen des Dorfes
über diese Vergangenheit und soll deshalb schnell wieder verschwinden. Als
Saubermacher empfiehlt sich der Rechtsradikale Ronald, darin sind sich alle einig:
Herbert, der als Kind Zeuge der Erhängung war und den Vater denunzierte,
um den arisierten Hof zu behalten, seine Frau Martha, sowie Ronalds verbissene
Mutter Inge und halbherzig auch der Wirt Werner. "Fleisch des Anstoßes"
ist Helga, die als debil bezeichnete Ziehtochter Werners, die sich von dem Fremden
angezogen fühlt. In einer Nacht mit Vergewaltigungsversuch, Totschlag und
Selbstmord wird der Fall "bereinigt".
Krolkiewicz entreißt
die Geschichte dem Naturalismus durch eine Poetisierung, die besonders in der
Mordnacht etwas Unwirklich-Barlachhaftes hat, aber bei der filmisch verkürzten
Charakterisierung der Figuren mehr als einmal gekünstelt wirkt. Der Regisseur
Hans-Joachim Frank belässt das Spiel in der kärglichen Ausstattung von
Anne-Kathrin Hendel und Justyna Jasczcuk, das durch eine vom sanften Monde- zum
roten Mordlicht mutierende Scheibe im Hintergrund bestimmt wird. Die Charaktere
haben sich in der Unmittelbarkeit der Zusammenstöße zu entblößen.
Bernhard Geffke als Herbert und Angelika Perdelwitz als Martha vermögen sich
eine Glaubhaftigkeit ihrer Einsicht in Mitschuld und Sühnung zu erpielen,
während sich Simone Frost als Inge und Matthias Zahlbaum als ihr Sohn Ronald
aus geradliniger Verbohrtheit kaum lösen und Johannes Achtelik als halbherziger
Wirt und verdorbener Ziehvater sich durchwienert. Stefan Kowalski funktioniert
als Ärgernisbringer und Aufklärer André. Die schwierigste Rolle,
die der Helga, die sich aus der dörflichen Inzucht des Schweigens befreit,
macht Sonja Hilberger eher rational als irrational begreiflich.
Trotz der
Zwiespältigkeit kommt das theater 89 auch mit dieser Inszenierung den Problemen
von Deutschlands Osten am nächsten.
Berliner Zeitung, 10.4. 2007, Ernst
Schumacher
Ein starkes Stück. Ein
junger Mann, André Rosengold, kommt, irgendwann nach der "Wende" aus Bayern in
"ein dorf, irgendwo in deutschlands osten". Er wird nicht gerade freundlich aufgenommen.
Nicht im Wirtshaus, wo er ein Zimmer mietet und wo der Neonazi Ronald und seine
Kumpane ein- und ausgehen. Und auch nicht auf dem "Herbertshof". Der gehörte nämlich,
vor einem halben Jahrhundert, den alten Rosengolds. Der Bauer Herbert hat noch
selbst gesehen, wie die Nazis Andrés jüdischen Großvater im Nussbaum aufgehängt
haben. Und als Rosengolds Vater aus dem Konzentrationslager zurückkehrte, hat
ihn Herbert bei den Sowjets denunziert. Click here to find out more! Im Dorf will
man nichts von Schuld und Vergangenheit wissen. Der junge Jude wird als Störenfried
empfunden. Man will ihn lossein, notfalls mit Gewalt. Nur Helga, die als beschränkt
geltende und allenthalben sexuell belästigte Ziehtochter des Kneipenwirts, erweist
sich als hellsichtig und empfindsam. Ralf-Günter Krolkiewicz, von 1997 bis 2004
Intendant des Potsdamer Hans Otto Theaters, erhielt für "Herbertshof" den baden-württembergischen
Landespreis für Volkstheaterstücke. Dabei wird die Geschichte dieses namenlosen
Dorfes keineswegs naturalistisch erzählt, schon eher in absichtsvoller Künstlichkeit
und beinahe kolportagehaft. Inzest, Argwohn und antisemitischer Hass. Brutalität
zwischen Gräbern. Zum Schluss schwimmt eine Leiche im Dorfteich. André und Helga
suchen, jeder für sich, das Weite. Hans-Joachim Frank, der jetzt die dichte makabre
Szenenfolge am Theater 89 inszeniert, hat den sprachlichen, fast dialektartigen
Kunstton des Texts zurückgenommen. In der Tiefe des Theaterlofts gibt es nur ein
paar tote Äste und eine blendende Mondscheibe. Kein bäuerlicher Naturalismus.
Der bitter poetische Klang des Dramas ist gedämpft. Eher schon zeigen einige Figuren
einen Zug ins Groteske und Karikaturenhafte. Bei den männlichen Dorfbewohnern
herrscht ein übertriebener Hang zur gleichmacherischen Kahlköpfigkeit. Die Mutter
des Neonazis rollt, Gummi kauend, grimmig die schwarz umränderten Augen. Und die
vernachlässigte Frau des Bauern Herbert gibt ziemlich ungebremst Lebenssentenzen
von sich. Krolkiewiczs Text vertrüge durchaus ein paar vernünftige Straffungen.
Dennoch. Diese Geschichte von Verdrängung und latenter Gewalt hat hier einen eigenen
und klagenden Ton, den die Regie mit der Rezitation des Kaddisch und dem Singen
des Lieds vom "Nussbaum" verstärkt. Das Theater 89 beweist eindrucksvoll sein
Bemühen, mit anspruchsvoller Dramatik Themen der ineinander verwobenen Gegenwart
und Vergangenheit darstellerisch anschaulich zu machen.
Berliner Morgenpost, 26. 3. 2007, Peter-Hans
Göpfert
"Meinen
Großeltern hat dieser Hof gehört", sagt André Rosengold,
als er in einem Dorf, irgendwo in Deutschlands Osten, bei Martha und Herbert auftaucht.
Jahrzehntelang eingeübtes Vergessen hat mit dem Besuch des jungen Juden,
der nach Spuren seiner Familie sucht, ein Ende. Das Dorf steht unter Schock. Schuld,
von der jeder weiß, muss endlich gesühnt werden. Ralf-Günter Krolkiewicz
nimmt in seinem Stück "Herbertshof" das nüchterne Protokoll
vertanen Lebens auf. Jeder Versuch, wenigstens eine bescheidene Existenz dem Lande
abzugewinnen, ist gescheitert. Nur eine kleine Hoffnung bleibt, der Aufbruch eines
gedemütigten jungen Mädchens.
Krolkiewicz notiert das in einer kargen
Sprache, die verbirgt, was eigentlich gesagt werden soll. Im Berliner theater
89 inszenierte Hans-Joachim Frank die atemlose Geschichte von Schuld und Sühne,
Feigheit und Rassismus in einem Raum, dessen Schwärze bedrückend auf
den Figuren lastet. Hin und wieder huscht ein Lichtstrahl über die Bühne,
auf der nur kahles Gesäst erkennbar ist (Bühne und Kostüme Anne-Kathrin
Hendel und Justyna Jasczcuk). Frank macht das Verformte der Charaktere sichtbar.
Im sorgsam aufeinander abgestimmten Ensemble prägen sich die Inge der Simone
Frost durch ihre spitze Bosheit, der Ronald des Matthias Zahlbaum durch eine bohrende
Brutalität und der Herbert des Bernhard Geffke in verdruckster Nichtigkeit
besonders ein. Das jüdische Lied vom Nussbaum (Julius Mosen/Robert Schumann)
überhöht das Geschehen, ist doch der Nussbaum der zentrale Schicksalsort.
Berliner Tagesspiegel,
27. 3. 2007, Christoph
Funke
Ein Fremder bricht in die Idylle ein.
Die hält das nicht aus und entpuppt sich als Mördergrube. Das Thema
ist nicht unbedingt neu, aber es veraltet auch nicht. Lars von Trier hat dazu
mit seinem Fikm "Dogville" eine Versuchsanordnung angelegt - zum Mitspielen
für zu Hause. Ralf-Günter Krolkiewicz nimmt das Angebot an - und schon
sind wir in einem ostdeutschen Dorf, voll mit alten, neuen Nazis. Eigentlich sind
sie nett, solange man nicht ihre Kreise stört. Und die gründen auf altem
Unrecht, auf Verbrechen.
Über all den Ungerechten geht der Mond gelb
auf, wird rot, violett, schließlich weiß - vielleicht ist das schon
ein Vorzeichen der aufgehenden Sonne. Die karge Bühne im Berliner theater
89 (Anne-Kathrin Hendel) liegt meist im Dunkeln. Einige Zweige, an Schnüren
herabhängend, an die mal der eine, mal die andere stößt, so dass
sie sich bewegen, sind längst verdorrt. Wächst hier noch was?
Der
Fremde heißt André Rosengold und kommt aus Bayern. Aber noch bevor
er etwas sagen kann, ist allen Dorfbewohnern klar, der kommt um sich zurückzuholen,
was man seinem Großvater nahm. Denn Rosengold kommt nicht nur aus Bayern,
er ist auch Jude und sein Großvater hatte hier einen Bauernhof - bis man
ihn umbrachte. Am Ende, wenn der Mond seine Verdunkelungen durchlaufen hat, schwimmt
einer tot im Dorfteich - einer, um den es ganz besonders wenig schade war.
Die Handlung, so erzählt, klingt nach üblem Klischee. Aber wenn Vorurteil
auf Vorurteil prallt, dann wird in der Regie von Hans Joachim Frank ein ansehenswert
spielerischer Befreiungsschlag daraus. Die allgegenwärtige Hysterie treibt
noch jedes Geschehen ins Absurde. Seltsam, wie hier allen ganz fraglos zu sein
scheint, dass Rosengold ein Jude sein müsse - wo doch bekanntlich der oberste
Naziideologe Rosenberg hieß. Reagieren wir bloß noch wie Pawlowsche
Hunde auf simple Signale?
Krolkiewicz hat ein gutes Gespür für den
alltäglichen Ausnahmezustand. Wenn der seinen Frieden beschwörende Spießer
Emotionen zeigt, dann liegt immer so etwas wie ein Pogrom in der Luft. Gegen wen
es sich richtet, wer da nun totgeschlagen werden soll, scheint nebensächlich.
Es reicht schon, wenn einer irgendwie auffällig wird, etwa so heißt,
dass man denken könnte, er könnte einem etwas vorwerfen wollen. Fremdenfeindlichkeit
- nur ein Vehikel von etwas andrem: purem Selbsthass.
Was verdrängt
wurde, kehrt irgendwann wieder: jedoch (selbst) zerstörerisch. All das schwingt
mit, wenn in "Herbertshof" die Decke des Stillschweigens weggezogen
wird, aber niemand sprechen, höchstens brüllen, schreien kann. Das erinnert
an Stücke von Kroetz und Sperr, die den "Aufstand der Anständigen"
(welch sprachliche Entgleisung im Bereich der Totschlaglogiken!) als Hatz gegen
Außenseiter vorführten. Krolkiewicz wollte ein Volksstück schreiben
- das ist es geworden: Ein Stück über das Volk, wie man es in Albträumen
vor sich sieht. Die Dialoge tasten nach dem Unbekannten in uns. Krolkiewicz´Sprache
besitzt unerhörte Präzision im Bereich der ungenauen Dinge: Posie. Das
"Herbertshof" nie ins Klischee abrutscht, das ist auch ein Verdienst
des geschlossen starken Ensembles des theaters 89, in dem man von Simone Frost
bis Angelika Perdelwitz mit Schauspielern zu rechnen hat, die sich jeder Versuchung
zur bequemen Eindimensionalität ihrer Figuren entziehen, immer auf neue unerwartete
- menschlich, allzu menschliche - Möglichikeiten in ihnen entdecken. Noch
das schuldigste Leben, voller Lüge und Verrat, ist doch nicht ohne Momente
echten Schmerzes. Theater, will es glaubwürdig sein, muss diese suchen. Was
dann vor uns liegt, ist eine sich surreal weitende Albtraumlandschaft, wo alle
bequemen Gewissheiten schal werden.
Neues
Deutschland, 26.3. 2007, Gunnar
Decker
Gegenwartsdramatik wird wenig gespielt.
Das ist am theater 89 anders. In "Herbertshof" von Ralf-Günter
Krolkiewicz - langjähriger Intendant in Potsdam - kehrt ein Jude nach 50
Jahren in das Dorf seiner Großeltern zurück. Ein Mord ist in der finsteren
Zeit des NS-Regimes geschehen. André will weder Rache noch sein Erbteil
zurück, er will nur die Wahrheit herausfinden. Aus dieser konfliktträchtigen
Konstellation entwickelt ich ein Spiel, in dem Schuld und Verdrängung in
neue Gewalt umschlagen, die blutige Geschichte wirkt also weiter:
"Es
bleibt, wie es ist".
Eine kaputte Welt steht auf der Bühne. Von
hinten scheint ein weißer, später roter Mond in das Zwielicht der Bilder,
Symbol der herrschenden Gewalt. Die kurzen, schlaglichtartigen Szenen erzeugen
Atmosphäre, immer wieder wirken die Protagonisten wie Schatten ihrer selbst.
Regisseur Hans-Joachim Frank gelingt eine visuell starke Inszenierung.
zitty
7/2007, Axel
Schalk
ÜBER
DIE LINIE
"Hast
Du nicht auch schon mal darüber nachgedacht, ob das alles ist?", fragt
Noah seine Freundin Sarah und zieht sich dabei die Hosen wieder hoch. "Das
bisschen Ficken in irgendeinem Keller oder im Auto, ewig die Frage, wer für
die Party das Bier besorgt, die Schule und McDonalds - mir ist das alles so öde.
Hast du nie mehr gewollt?"
Doch Sarah ist sauer. "Ich hatte gehofft,
dass ich hier mal so richtig komme", ist alles, was sie Noah zu erwidern
weiß. Die Jugendliche ist enttäuscht vom Sex mit ihm: "Dein ewig
stinkender Pimmel." Es sind vulgäre, aber nicht unrealistische Formulierungen
an diesem Abend auf der Bühne im "Haus" in Altes Lager, wo das
Stück "Über die Line" gezeigt wird.
Noah und Sarah sind
nicht die einzigen, die darin über den Sinn ihres Lebens streiten. Wie Amanda
und Becky zum Beispiel, die sich einig sind, dass es sich nicht lohnt, nur für
College-Stress, Probleme im Elternhaus, "Schwanzlutschen", 'Ehe und
Ehekrieg. Abtreibung und Kindergeschrei, Fettabsaugung und Hormontherapie zu leben.
"Nur der Augenblick zählt", ist ihr Motto. Wie wenig das ist, spüren
sie selbst.
Bei seinen Freunden Tunge und Zan zeigt Noah dann, was in ihm
steckt: aus Langeweile macht er Zan mit der Pistole ein großes Loch in die
Brust. Beide sind froh, es nun wohl endlich bis auf die Titelseiten der Boulevard-Presse
gebracht zu haben. Nur bei den zur Feier des Tages eingeladenen Mädels will
keine rechte Party-Stimmung aufkommen. Im Straßengraben, irgendwo auf der
Chaussee bei Altes Lager, streiten der Romantiker Tunge und die offenbar lebenserfahrenere
15-jährige Amanda, was wichtiger sei: Sex oder die Sterne. Dass sie überhaut
darüber sprechen, scheint das einzig hoffnungsvolle dieser (Theater-) Nacht
zu sein.
"Über die Line" stammt aus der Feder des Amerikaners
P. Seth Bauer. Sechs Berliner Schüler im Alter von 16 bis 22 Jahren und Regisseurin
Gabriele Förster haben es innerhalb des Förderprojektes "Theater
und Schule" (TUSCH) inszeniert. Zweimal haben sie es in dieser Woche bereits
im "Haus" vor Gleichaltrigen gezeigt. Heute um 20 Uhr ist dort die letzte
Vorstellung. Zeigt das Stück nur übertriebene amerikanische Klischhees?
"Keineswegs", sagt die Regisseurin. Gemeinsam mit ihren Darstellern
hat sie sogar eine eigene Internetseite darüber erstellt, wie sehr sich selbst
deutsche Wirklichkeit in diesem Stück wiederfinden lässt. (www.ueberdielinie.de).
Auch beim zumeist jugendlichen Publikum in den bisherigen Vorstellungen im "Haus"
besaßen die zum Teil recht drastisch erscheinenden Szenen und Textpassagen
einen unüberhörbar großen Wiedererkennungswert. Unterstützung
erhielten die jungen Akteure von den Profis vom theater 89. Diese standen ihnen
mit Rat und Tat, Räumen und Technik hilfreich zur Seite.
MAZ,
1.4.2007, Uwe
Klemens
NACH
DEM KUSS
Romeo und Julia hat Shakespeare nicht viel
Zeit gegönnt. Wie ein Blitz schlägt die Liebe ein, schnelle Heirat,
stürmische Vereinigung, schmerzhafte Trennung, dramatischer Tod – ein
paar Tage nur. Sehr viel länger dauert das bei Oliver Bukowski in seinem
Shakespeareschwank 'Nach dem Kuss' auch nicht. Aber die Liebenden kommen von ganz
unten, ihre Heimat ist die Kneipe, ihre Bedürfnisse richten sich auf Alkohol
und Sex. … Oliver Bukowski, erfolgreicher Hausautor des theaters 89, macht
einen Spaß aus dem Elend, und vor allem, eine Feier der Widerständigkeit
gegen sozialen Abstieg. Wie seine Figuren reden, kräftig, unverschämt,
bilderreich, mit fantastischen Steigerungen eines lebensprallen Alltagsidioms
brandenburgisch-preußischer Prägung, hat durchschlagende Kraft. Die
Szenen mit Robbi und Jule sind wie mit der Axt zusammengehauen, grob, unbedenklich,
unter Verzicht auf Feinheiten, Regisseur Hans-Joachim Frank gelingt das Tempospiel
mit Bravour. Er holt aus den Figuren die Vitalität heraus, die sie gleichsam
aus trister Wirklichkeit wegsprengt. Sie hauen sich stürmisch um die Ohren,
was Liebesleid und Lust, was Spaß am Saufen und Raufen ausmacht. Die Bühne
(Annette Braun), kahle Wände, nackter Boden, mal ein Stuhl, mal eine Matratze
– ein Kampfplatz, keiner zum Leben. Matthias Zahlbaums Robbi ist ein tumber
lieber Bär, den sein Fell so juckt, dass er dauernd an sich herumfummeln
muss. Vera Seemann gibt ihrer Jule geradezu revolutionäres Feuer, zeigt ein
Mädchen, das lieb und aggressiv ist bis zur Selbstaufgabe. … Was Simone
Frost, als Schwester der Jule, da hinlegt an wütendem Protest und überdrehter
Fürsorge, ist mitreißend. Die zu den Ruhrfestspielen in Recklinghausen
zum ersten Mal gezeigte Inszenierung überzeugt auch in Berlin.”
DER TAGESSPIEGEL, 13.6.2006, Christoph Funke
Dieser Autor schaut den Leuten sehr genau aufs Maul – und damit zugleich
in Hirn und Herz. So schimmern durch den schrillen Oberflächenglanz der Rede
dieser plebejischen Turbo-Typen unversehens treffliche Charakterskizzen (und Gesellschaftsstudien)
hindurch; Bukowskis griffige Sozialschmonzetten sind immer auch kantige Tragikomödien.
Im kollektiv schenkelklopfenden Schlagergegröle grummelt beständig der
Einsamkeits-und Verlorenheitsblues. Das macht die Arbeiten dieses Dramatikers
allemal und bei aller Trivialität zu wirklichen Volksstücken jenseits
allen Kitsches.
...'Nach dem Kuss' darf getrost als sein bisheriges Meisterwerk
gelten. ... Und Regisseur Hans-Joachim Frank haut diese philosophisch so sanft
wie kühn durchwehte Abgründigkeit – presto, presto – aufs
Brettl, dass es nur so kracht und lacht und heult und schmerzt. Wunderbar, wie
auch das perfekte Ensemble. So gelingt einem Off-Studio mit Leichtigkeit, womit
der postmodern gespreizte, recht und schlecht Klassiker aufmischende Staatstheaterbetrieb
sich meist schwer tut: nämlich das Groteske und Tragische des Daseins atemberaubend
poetisch auf den Boulevard der Gegenwart zu packen.
Die Welt, 9.6.2006, Reinhard Wengierek
Bukowskis Stück,
vorige Woche vom theater 89 zu den Ruhrfestspielen in Recklinghausen herausgebracht,
hatte jetzt an der heimatlichen Adresse Berliner Premiere. Und einmal mehr staunt
man, auf welch hohem Niveau hier ein Freies Theater spielen kann. Regisseur Hans-Joachim
Frank gelingt eine hochgedrehte Farce mit stark erregten und durchgeknallten Figuren.
... Und sämtliche Darsteller, als hätten sie Super getankt, sind mit
Witz, Schärfe und Vitalität bei der Sache. Das Publikum fragt gar nicht
nach tieferem Sinn. Es regiert verrückte Burleske.”
Berliner
Morgenpost, 10.6.2006, Peter Hans Göpfert
Bukowski beherrscht die schwierige Kunst der Volksdramatik. Sein Theater
ist eine sehr eigene Mischung aus Mundart, Komödie und Zeitdiagnose. Martin
Luthers alte Empfehlung, man müsse den Leuten aufs Maul schauen, will man
wissen, was ihnen durch die Köpfe und Herzen rauscht, hat er zum Prinzip
erhoben. Seine Figuren sind den Leuten nach dem Maul geformt.”
Berliner Zeitung, 10.6.2007, Dirk
Pilz
Das fast aufgegebene letzte Drittel der Zweidrittel-Gesellschaft
stand jetzt bei den Ruhrfestspielen auf der Bühne. Die Figuren in Oliver
Bukowskis 'Nach dem Kuss' sind so was von durchs soziale Netz geknallt, dass es
nur so scheppert. … Bukowski hat einen deftigen Schwank gemixt, wüst,
laut und lustig, aber in den besten Momenten auch dramatisch und anrührend.
… Greller Schwank, Sozial-Drama, Kalauer-Parade, Romanze – und das
alles auf einmal? Das geht, wenn man ein Ensemble wie das Berliner theater 89
hat. Sie stellen ein so illustres Kiez-Typenkabinett auf die Beine, dass es eine
Lust ist, zuzuschauen. Dabei stellt Bukowski seine Figuren selten zur Schau, meist
schwingt die Sympathie mit für die Verlierer, die sich ins Koma saufen, um
zu vergessen, dass sie sich selbst um ihr Leben betrügen und betrogen werden.
Heftiger Applaus vor allem vom jungen Publikum im Bürgerhaus-Süd.”
Recklinghäuser Zeitung, 2.6.2006,
Alfred Pfeiffer
Robbi und Jule
sind natürlich Romeo und Julia, er Alkoholiker, sie eine Fremde. Wenn sie
sich erstmals begegnen, quillt plötzlich die wunderbare Klassikerpoesie aus
dem Mund der Russin. Sie rast und bebt vor Sehnsucht, was immer auch ein Kampf
um die Sprache ist. Vom platten Sozialrealismus ist Oliver Bukowski weit entfernt.
Seine Charaktere haben enorme sprachliche Möglichkeiten, einen riesigen literarischen
Hintergrund, dessen sie sich kaum bewusst sind. Das gibt dem Stück einen
faszinierenden doppelten Boden. … Hans-Joachim Frank hat die Uraufführung
mit den ausgezeichneten Schauspielern des theaters 89 aus Berlin temporeich und
klar inszeniert.”
Westfalenpost,
2.6.2006, Stefan
Keim
'Shakespeare und kein Ende' prophezeite
das Programmheft der koproduzierenden Ruhrfestspiele, wo Oliver Bukowskis 'Nach
dem Kuss' auch seine Uraufführung erlebte - heftig akklamiert vom begeisterten
Premierenpublikum im Bürgerhaus Recklinghausen - Süd, das im übrigen
der Spielstätte des Theaters 89 an der Torstraße in Berlin - Mitte
nicht unähnlich ist.
… Der große Erfolg ist einem Ensemble
zu verdanken, das in der Schmuddel – Einheitsbühne von Annette Braun
- die Natur bricht ein in die abbruchreife Kneipe Hajo – Majos, die sich
flugs in Robbis oder Alex´ Behausung verwandelt - zu großer Form aufläuft:
Zwei Stunden korrespondiert das so forcierte wie furiose Spiel der neun Darsteller
mit der Schnoddrigkeit der Sprache Bukowskis, der die derbe Berliner Schnauze
- und bisweilen auch die Lausitzer bis Dresdner - auf den Punkt hin verknappt.
…
Bei den beiden 'Alten' Angelika Perdelwitz und Bernhard Geffke, sie
lassen die Zimmerschlacht der Röpenacks zu einem sprachlichen wie szenischen
Erlebnis werden, sowie den beiden 'Jungen' Vera Seemann und Matthias Zahlbaum,
Vollblutschauspieler mit enormer Bühnenpräsenz, war das sicher so: Ihre
reichlich mit Bukowski untergemischten 'Romeo & Julia - Dialoge zwischen zartester
Anmut und deftiger Underdog - Anmache bildeten den Höhepunkt der dreiteiligen
Uraufführungsreihe der Ruhrfestspiele'… .”
Herner
Feulliton, 1.6.2006, Pitt Herrmann/Stadtportal
Das tolle Ensemble des theater 89 entwickelt aus dem treffsicheren,
nur zum Ende hin etwas weitschweifigen Text lauter pralle Figuren. Vera Seemann
als Jule mit ihrem niedlichen Akzent und Matthias Zahlbaum als Robbi sind ein
süßes Duo. Ihnen hat Bukowski das ältere Ehepaar Röpenack
gegenüber gestellt - Glanzrollen für die temperamentvolle Angelika Perdelwitz
und Bernhard Geffke, der seine Pointen mit staubtrockenem Humor setzt. „Morgen,
um elfe, hab ich Frisörtermin und dann verlasse ich dich, dass es nur so
schnurpst!” dröhnt sie - und verspricht dann später doch, nur
mit dem Hertha - Fanschal bekleidet zu tanzen. So kriegt wenigstens Röpenack
sein Stück vom Glück.”
BJ/Ruhr
Nachrichten – Kultur, 2.6.2006
Bukowskis Theater gehört
der Sparte 'tragikomische Volksstücke' an, der gesamte Text ist (trotz oder
gerade wegen gewisser provozierender Plattheiten) ein einziges Sprachspiel. Eine
ganze Szene wird in russischer Sprache gespielt, das vermittelt mehr über
die deutsche als alles andere und ist zugleich urkomisch. Die Juliana –
Darstellerin Vera Seemann spielt das so glaubhaft, dass man die Aufführung
für eine deutsch – russische Koproduktion halten möchte.”
Westfälische
Rundschau, 2.6.2006, Rainer Wanzelius
EINE
LIEBE IN DEUTSCHLAND
Das
gelbe Licht des Neids
Eine Liebe in Deutschland in Fischbach
Harald Ruppert
Südkurier, 7.Februar 2007
Artikel lesen
Eine einsame, verheiratete, deutsche Frau betrügt
im Kriegsjahr 1941 ihren fernab kämpfenden Mann mit einem polnischen Hilfsarbeiter.
Alles strengstens verboten. Das Dorf tuschelt. Gestapo und SS werden aufmerksam.
Das Schicksal nimmt seinen Lauf. Was unter normalen Umständen allenfalls
zu einem Ehedrama geraten wäre, wächst sich in der Theataterfassung
des auf Rolf Hochhuths basierenden Textes ´Eine
Liebe in Deutschland´ zu einer bitteren
Anklage der Unmenschlichkeit in Nazi-Deutschland aus. Das Stück verdichtet
mit Hilfe der an sich einfachen Geschichte auf gerade einmal 90 Minuten so viele
packende Aspekte, dass, wenn die Lichter wieder angehen ein gewaltiger Kloß
im Hals steckt. …
Beklemmend realistisch lässt das 15köpfige
Ensemble diese dumpfe Dorfwelt der Kriegszeit auferstehen. Nicht zuletzt der Kunstgriff,
dass Polen die polnischen Figuren ausfüllen, erhöht die Authentizität
ungemein. Ihr Spiel erreicht eine enorme Intensität, die nicht nur in den
Momenten größter Emotionalität von der Bühne abstrahlt. Besonders
die Charakterisierung des Sturmführers mit all seinen Dienstvorschriften
erschrickt. Die geschickten Bühnenbild-Arrangements arbeiten mit Vorhängen,
die jeweils nur bestimmte Ausschnitte der Bühne freigeben.
Ohne Wirkung
bleibt das Gezeigte auf keinen Fall. Wenn man dann noch bedenkt, dass 1978 durch
den Vorabdruck des Textes in der Wochenzeitung ´Die
Zeit´ der damalige Ministerpräsident
von Baden-Württemberg, Hans Filbinger, zu Fall kam, dann ist die Relevanz
und Brisanz der Thematik sozusagen amtlich.
Konkreter Anlass für die
Aufnahme des Stückes war der 75. Geburtstag des Autors, der bei der Premiere
auch persönlich anwesend war. Aber einen Anlass braucht das Stück für
eine Aufführung eigentlich nicht. Es hat Ewigkeitswert.”
Schwebebühne
(Internet),
6.4.2006,
Karsten Schilling
„Rolf Hochhuth, dem so
kindlich-streitsüchtigen und daher nicht minder liebenswerten Jubilar, wurde
die letzten Tage in Berlin durch drei Projekte zum Geburtstag gratuliert: der
allzeit abrufbaren STELLVERTRETER-Inszenierung am BE, der deutschen Erstaufführung
seiner NACHTMUSIK (Schlossparktheater) und – was ungerechter Weise bisher
mehr denn unbeobachtet, unrezipiert geblieben ist – der Uraufführung
einer Spielfassung seines Romans EINE LIEBE IN DEUTSCHLAND durch das theater 89
die mit Enthusiasmus zu bewerben sich allein aus folgenden drei Gründen lohnt:
Christina Große und Bartosz Borula sind in dieser schönen, ruhigen
und sehr poesiedurchtränkten Inszenierung Hans-Joachim Franks das leidvoll
– leidenschaftlich zweisprachige Liebespaar Pauline Kropp und Stasiek Zasada.
Und beide spielen gänsehauterregend.
Bartosz Borula kann außerdem
in wundervoller Weise singen. Sein Tenor ist Cantus firmus im Quartett der Mitgefährten
(Mateusz Grabowski, Grzegorz Sobczak, Damian Gorecki). Sie bringen drei durch
Barbara Weiser in vierstimmigen Chorsatz arrangierte polnische Lieder zum Vortrag.
Und auch das macht Fühlvollfrieren.
Schliesslich der in seiner Minimalität
verblüffend vielseitige Bühnenraum von Volker Pfüller! Denn in
passepartoutähnlichen Ausschnitten lässt er, mal kleiner und mal größer,
Bild für Bild aus einem schwarzen Hintergrund heraus entstehen, sie in rot
– orangem oder grünlich – blauem Lichtschein, je nach Stimmungen
und Stimmungslagen dieser Stück um Stück verablaufenden Szenen, tauchen.
Und man wundert sich einfach nur.
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Kultur
Extra A – online magazin 2.4.2006, Andre Sokolowski
„Ja, er stand wirklich selbst hinter einem Büchertisch
mit seinen Werken: Rolf Hochhuth erklomm am vergangenen Freitag, dem Vorabend
seines Dreivierteljahrhundert-Geburtstages, die Stufen zum theater 89 in Berlins
Mitte, hoch über der Torstraße, die ja auch schon mal nach Wilhelm
Pieck hieß. Regisseur und Theaterleiter Hans-Joachim Frank hatte sich ein
Geschenk ausgedacht: Die Dramatisierung von Hochhuths ´Eine
Liebe in Deutschland´. ...
Franks Fassung
führt uns eine Liebe im Guckkasten vor, in einer Camera Obscura, einer Laterna
Magica. Alles spielt hinter einem Fenster aus schwarzer grober Gaze, das manchmal
nur einen schlitzweit geöffnet und manchmal auch maximal zwei mal drei Meter
groß ist (Bühne und Kostüme genial: Volker Pfüller). ...
Dieses Fenster in die furchtbare Vergangenheit wird mal auf – und mal zugezoomt,
ganz wie bei einem Fotoapparat. Und so haften die einzelnen Momentaufnahmen besonders
fest im Gedächtnis. ... Stasiek, gespielt von dem Polen Bartosz Borula, das
ist eine echte Entdeckung, ein Naturtalent. Gefunden hat ihn Hans-Joachim Frank
in einem polnischen Laienchor in Slubice. Des Chores kleine Besetzung hat er gleich
mitengagiert, und so hören wir zwischen den einzelnen Szenen vierstimmige
polnische Volkslieder und Kirchengesänge. Eine Einstimmung auf den Tod unseres
Helden – durch den Strang. Christina Große spielt Pauline. Ihre Sehnsucht
nach Liebe ist so stark, dass es kein Entrinnen gibt – vor Ravensbrück.
Dabei erleben die Zuschauer überaus sinnliches Theater und nicht nur eine
Lektion in Sachen Verhalten unter Diktaturen. ... Ein außergewöhnlicher
Abend. Später dann steht Rolf Hochhuth wieder am Bücherstand. Verbeugen
wollte er sich nicht. Warum nur? Hat doch auch er den begeisterten Schlussapplaus
dieser Uraufführung ehrlich verdient.”
Neues
Deutschland, 3.4.2006,
Hanno Harnisch
„1941
im Markgräflerland nahe der Schweizer Grenze. Hier verliebt sich die deutsche
Gemüsehändlerin Pauline in den polnischen Zwangsarbeiter Stani. ...1978
schrieb Rolf Hochhuth seine Erzählung ´Eine
Liebe in Deutschland´ nach einer wahren
Begebenheit. Zum 75. Geburtstag des Dramatikers hat das theater 89 den immer noch
bedrückenden Stoff für die Bühne adaptiert. Die fulminante Uraufführung
in der Regie von Hans-Joachim Frank mit einem mit großer Intensität
aufspielenden deutsch-polnischen Ensemble ging schlichtweg unter die Haut. ...
In einem Guckkasten fügen sich einzelne Szenen zu einer verstörenden,
grausamen Geschichte zusammen. ... Es ist der Triumph des Denunziantentums, dem
nur wenige widerstehen. ...Eine düstere, zeitgeschichtliche Parabel in beklemmender
Atmosphäre. Ein Muß deutscher Vergangenheitsbewältigung.”
Berliner Morgenpost,
3.4.2006, Ulrike Borowczyk
„Nach den vorangegangenen Invektiven Rolf
Hochhuths wuchs Claus Peymann über sich hinaus, als er am 1. April, dem 75.
Geburtstag des Dramatikers, ´Hochhuth zu
Ehren´ den ´Stellvertreter´
in den BE-Spielplan nahm. Das kleine theater 89 ehrte Hochhuth auf originellere
Weise: Es dramatisierte Hochhuths ´Eine
Liebe in Deutschland´ aus dem Jahr 1978.
Hochhuth hatte darin die Liebe zwischen einer badischen Gemüsefrau und einem
polnischen Kriegsgefangenen im Jahr 1941 geschildert. ... In der Dramatisierung
durch das theater 89 ist alles essayistische und sonstiges Beiwerk weggelassen.
Die tragische Konsequenz des nach Nazigesetzen verbotenen ´Geschlechtsverkehrs´
zwischen der deutschen Frau Pauline und dem Polen Stani tritt mit antik zu nennender
Lakonik und Wucht vor Augen. Christina Große als Gemüsefrau Pauline
gestaltete die Zerissenheit ihrer Figur zwischen Furcht, Hingabe und Selbstanklage.
Ganz und gar ins verdorbene der damaligen Zeit treffen die gezeigten Haltungen
der Ortsnazis, der lokalen Gestapoverantwortlichen (besonders durch Eckhard Becker),
der gezwungenen und freiwilligen Mitmacher und Nutznießer. Ein Theaterabend,
der wegen seines authentischen Realismus unter die Haut geht. Er sei allen Schulen
und allen Vergesslichen aufs Dringlichste empfohlen."
Ernst
Schumacher, Berliner Zeitung, 3.4.2006
„Im Berliner theater 89 kam nun eine sehr knapp gefasste,
dem Ablauf der Ereignisse bis auf einen Jahrzehnte später spielenden Prolog
linear folgende dramatisierte Fassung der Liebesgeschichte auf die Bühne.
Regisseur Hans-Joachim Frank und Bühnenbildner Volker Pfüller rücken
das Geschehen in die Nähe christlicher Ikonographie, bauen die Stationen
eines Kreuzweges auf, geben der einzelnen Szene Gewicht durch Überhöhung.”
Christoph Funke,
DER TAGESSPIEGEL, 1.4.2006
SONST
IS ALLES WIE IMMER
„Inzwischen
hat es sich herumgesprochen: Familientreffen stecken voller Tücken. Besonders
solche, die im Theater, auf der Bühne stattfinden. Da brechen die Dämme
der Wohlanständigkeit, und die Leichen kommen aus dem Keller, je festlicher
der Anlass des Zusammenkommens, desto mehr. Das ist auch bei Ralf-G. Krolkiewicz
in seiner Tragikomödie sonst is alles wie immer nicht anders. Selbst wenn,
zunächst, ein Hauch von Gemütlichkeit über der Geburtstagsfeier
für einen halbdebilen 90-jährigen Familienpatriarchen liegt. Vier selbst
ins Alter gekommene Töchter samt kuriosem Anhang spielen um 1990 Normalität,
in einem furiosen Weibergeschnatter, das sich mühsam beschwichtigend über
Abgründe hinweghangelt. Es herrscht Männermangel, und da werden auch
eine Lesbe und ein mafiöser Schmuggler billigend in Kauf genommen. Bis schließlich
doch ein Messer zum Einsatz kommt und der längst nicht mehr nüchterne
Attentäter erfährt, dass er im Inzest gezeugt worden ist. Aber: Sonst
ist alles wie immer. Auch der Zuckerkuchen gelingt noch.
Hans-Joachim Frank
hat den munter fließenden, leicht dialektgefärbten Text Im theater
89 inszeniert mit einem Ensemble, das seit Jahrzehnten im erfundenen thüringischen
Familienverband zu leben scheint. Man erfährt viel über Leute zur Wendezeit,
manchmal mehr, als der Text verrät ...”
DER
TAGESSPIEGEL, 4.2.2006,
Christoph
Funke
„Schon
das prologisch konzipierte Rededuell der beiden Schwestern Lene (Simone Frost)
und Dora (Angelika Perdelwitz), die den 90. Geburtstag ihres Vaters Ede (Johannes
Achtelik) planen, zog das Publikum sichtbar in die vorausahnbare Katastrophenflut.
Der aus dem Pflegeheim herbeigerollte hochsenile Alte ist dabei der Katalysator
einer sich mit jeder Minute dramatischer gestaltenden Familienbande, in der das
Scheitern der Beziehungen und Biographien Normalität geworden ist. So führt
die dritte der Schwestern, Rosie (Siegrid Richter), eine konfliktbeladene Beziehung
mit ihrer Lebensgefährtin Teddy (Franziska Kleinert), in die ihr Sohn Olaf
(Stefan Kowalski) mit seiner offenkundigen Nazigesinnung hinein giftet.
Schwester
Lisbeth als vierte im Schwesternverbund hat ihren inkontinenten greisen Gatten
zur Geburtstagsfeier gegen den hyperpotenten polnischen Zigarettenschmuggler Jacek
ausgetauscht, und eine abwesende weitere Schwester birgt in der Ferne die Aura
eines schrecklichen Geheimnisses. Selbst die einzig reine Liebesbeziehung von
Lenes Cousine Olga (Katrin Schell) mit dem Zigeuner Lello (Bernhard Geffke) wird
vom tödlichen Schatten einer unheilbaren Krankheit der engelsgleichen Schönheit
bedrückt. Kein Wunder also, dass aus dem Geburtstagsfest eine gallig-aggressive
Fehde wird und Opa stirbt ... Die Begeisterung für den Autor und das dramatische
Potenzial seines Stückes war ungeteilt ...”
Märkische
Allgemeine, 4.2.2006, Lothar
Krone
„In Verwirklichung
seiner Ankündigung, ein "Jahr mit Uraufführungen" zu bieten,
hat ... theater 89 die Tragikomödie "sonst ist alles wie immer"
von Ralf-G. Krolkiewicz zur Uraufführung gebracht. Wie viele neue Stücke
spiegelt sie die Wendung vom Gesellschaftlichen ins Private, sozusagen vom Kalten
Krieg in einen Familienkrieg wider ...
Der Regisseur bemüht sich, die
"dreizehn Einstellungen" in der mobilen Ausstattung durch Anne-Kathrin
Hendel und Justyna Jaszczuk spielen zu lassen durch Heike Jonca als aufgedrehte
Lisbeth, Angelika Perdelwitz als "heiße" Dora, Simone Frost als
"kalte" Lene und Siegried Richter als verstörte Rosie und Katrin
Schell als Olga, konterkariert durch Stefan Kowalski als Sohn Olaf, Frank Voigtmann
als Jacek, Bernhard Geffke als Lello und Johannes Achtelik als moribunder Vater
Ede. Es geht deftig und ordinär, aufgekratzt bis bösartig zu - ganz
der Vorlage gemäß...”
Berliner
Zeitung, 9.2.2006, Ernst Schumacher
„Familienfeste sind dann am schönsten, wenn endlich alle besoffen
sind und der Abwasch gemacht ist’, sagt Lene und die muß es wissen.
Hat sie doch schon einige Feiern hinter sich und jetzt steht wieder eine ins Haus:
Vadder Ede wird 90. Da versammeln sich die vier Töchter Lisbeth, Rosie, Lene
und Dora samt Anhang in Erfurt, holen den Alten aus dem Pflegeheim und spielen
glückliche Familie. Aber es gärt unter den Chiffonblusen, zu vieles
ist noch unverdaut, da schmeckt nicht mal Doras Zuckerkuchen. Der Schnaps um so
besser. Je mehr davon fließt, desto schauerlicher werden die Abgründe,
die sich offenbaren.
Zugegeben, das klingt zunächst nach boulevardeskem
Familienklamauk, doch die Bitterkeit der Burleske überrascht. Mit der Uraufführung
von "sonst ist alles wie immer" stellt das theater 89 eine wahre Autoren-Entdeckung
vor, Ralf-G. Krolkiewicz, den ehemaligen Intendanten des Potsdamer Hans-Otto-Theaters.
Dichte Szenen, kluge Figurenarrangements, pointierte Dialoge machen Regisseur
Hans-Joachim Frank die Sache leicht. Zudem hat er ein prima Darstellerquartett
zur Hand, das die vier Töchter als reizende alte Schachteln spielt, ihnen
aber gleichzeitig bemerkenswerte menschliche Tiefe gibt.”
Berliner
Morgenpost, 8.2.2006, kap
„Das Bemerkenswerteste an diesem
Abend ist, dass auch Bosheit Fantasie erfordert. Fordern und fördern –
es beginnt eben alles in der Familie. Das Herz als Mördergrube – etwa
so: Mir kann wirklich jetzt keiner was nachsagen. Ich hab doch hier die ganze
Arbeit, jedes Jahr wieder bleibt alles an mir hängen und immer der Undank
dazu. Ja, man fürchtet diese Rhetorik, man kennt sie. Am meisten fürchtet
man, einmal selber so zu sprechen. …Ralf-G. Krolkiewicz hat mit „sonst
is alles wie immer” (Autorenpreis beim Heidelberger Stückemarkt ein
Familienfest ausgemalt, das Thomas Vinterbergs „Das Fest” in Sachen
dunkler Familiengeheimnisse kaum nachsteht, aber diesem mit einem geradezu übermütigen
Volkstheaterakzent (Regie: Hans-Joachim Frank) versieht, der immer wieder ins
Aberwitzige umschlägt.”
Neues Deutschland, 9.2.2006, Gunnar
Decker
NIEDERGÖRSDORFER
WEIHNACHT 2004
„Zu Ausschnitten aus dem Weihnachtsoratorium
von Johann Sebastian Bach sollte die Weihnachtsgeschichte auf einem Feld wie in
einem Stummfilm ablaufen. Die Zuschauer standen rund 150 Meter entfernt auf dem
Skaterweg. Es war die Idee von Hans-Joachim Frank, dem künstlerischen Leiter
des theater 89. Niemand hatte zuvor so einen Einfall. Um 18.00 Uhr waren am Dienstagabend
rund 300 Interessierte zu dem Feld gekommen, das an der Straße zwischen
Niedergörsdorf und Dennewitz liegt. ... Die irdische Szene: das Feld und
die Kulissen, die Hans-Joachim Frank sich hatte einfallen und bauen lassen, waren
nicht in gleißendes Scheinwerferlicht getaucht, sondern wurden behutsam
und mit Bedacht angestrahlt. ´Die Zuschauer sollten die Geschichte mehr
erahnen. Sie sollen sich besinnen und nachdenklich werden´, erklärte
der Regisseur. ... Im Dunkeln leuchtete plötzlich eine Fackel. Josef (Klaus
Sucker) hatte sie in der einen Hand, im anderen Arm hielt er Maria (Petra Sucker).
Gemeinsam schritten sie die Anhöhe hinab. In diesem Augenblick befanden sich
die Besucher nicht mehr im 21. Jahrhundert. ... Nach rund 45 Minuten waren die
Menschen wieder in der Gegenwart. Sie klatschten mit klammen Fingern und mußten
das Erlebte erst verdauen. ... Auf diesem Feld bei Niedergörsdorf waren die
Menschen in jener Nacht nicht nur ´Zeugen´ der Geburt Jesu geworden.
Sondern sie wohnten auch der Geburt einer mutigen, kreativen und in ihrer Art
bisher wohl einzigartigen Aufführung der Weihnachtsgeschichte bei.”
Märkische
Allgemeine, 16.12.2004, Simone
Duve
„Nach der letzten
Aufführung der Niedergörsdorfer Weihnacht am Donnerstagabend ist für
alle Beteiligten klar: Wir sehen uns im nächsten Jahr wieder. Der künstlerische
Leiter von theater 89 ist nach den drei Vorstellungen glücklich und erleichtert.
Die Menschen haben sein Angebot dankbar angenommen. ´Aus vielerlei Gründen
suchen die Menschen so etwas. Es ist eine wohltuende Alternative in unserer oberflächlichen
Mediengesellschaft´, sagt der Theatermann. An die 1000 Menschen waren, im
wahrsten Sinne des Wortes, an den drei Abenden zu dem Feld zwischen Dennewitz
und Niedergörsdorf gepilgert. Hans-Joachim Frank freut sich, daß auch
viele Kinder und junge Menschen dabei waren: ´Vor allem für sie ist
der aufklärerische Aspekt sehr wichtig. Viele von ihnen wissen ja heutzutage
von Weihnachten nicht mehr, als dass es einen Tannenbaum und Geschenke gibt.´
Und er betont, dass die Aufführung nicht spektakulär, sondern als Anregung
gedacht war.”
Märkische Allgemeine,
18.12.2004, Simone Duve
EFFI
BRIEST,
THEATERSOMMER ALTES LAGER 2004
„Immer
wieder versucht der Regisseur Hans-Joachim Frank in die Innenräume der Figuren
vorzudringen. Versuch über die Einsamkeit: Oft sind die Spieler weit voneinander
getrennt. Leid und Zorn lauern in langen Monologen. Christina Große, die
der 'Garten'-Effi der Sophie Antoinette Becard folgt, zeigt Fontanes Heldin herb,
zupackend, neugierig und leidenschaftlich.”
DER TAGESSPIEGEL, 19.8.2004, Christoph Funke
„Mit Leichtigkeit inszeniert die Fontane-Fassung, zu deren Premiere zusätzliche
Bänke und Stühle herbeigetragen werden mußten. Mit einem Hauch
open-air-theater läßt Frank das Stück auf der sonnigen Terrasse
am 'Haus' beginnen. Effis (hier noch gespielt von der dreizehnjährigen Sophie
Antoinette Becard) unbeschwerte Kindheit, aus der sie der Heiratsantrag des 20
Jahre älteren Landrates Baron von Instetten (Eckhard Becker) abrupt reißt,
und die fortan etwas verklemmt wirkende Familiensituation zwischen allen Beteiligten
werden sichtbar. Ist Instetten auch ein treusorgender Ehemann – ein wirklicher
Partner oder Liebhaber ist er seiner Effi nicht. Nur allzu leichtes Spiel für
Major Crampas (Matthias Zahlbaum), der sich alsbald in die erfrischend unkonventionelle
Frau seines Freundes verliebt. Doch Crampas stirbt im Duell. Der vermeintliche
Ehrenkodex jener Zeit ließ kaum eine Wahl. Fast ungläubig schaut man
aus heutiger Sicht darauf. Mehr als 1000 Gymnasiasten aus Jüterbog, Treuenbrietzen,
Belzig und Dahme haben sich bereits für die Vorstellungen der nächsten
Tage angemeldet. Für Frank ein Indiz, dass sich das Bemühen um die Partnerschaft
Schule-Theater lohnt.”
Märkische
Allgemeine, 19.8.2004, Uwe Klemens
Stimmen
zur Eröffnung DAS HAUS, 4.7.2003
„Den Theaterleuten
ist es gelungen, Menschen aus der Region einzubeziehen und sie zu motivieren.
Das positive Gegenteil von Provinztheater ist das theater 89.”
Johannna
Wanka, Kulturministerin des Landes Brandenburg…
„Als Hans-Joachim Frank Anfang der 90er Jahre in den Landtag
kam, dachte ich: Der ist verrückt. Doch wer theater 89 erlebt hat, der weiß,
dass man ihm ein solches Haus einfach bauen musste. theater 89 tut Brandenburg
gut. theater 89 ist eines der besten Theater in der ganzen Republik. theater 89
ist ein Wunder mitten in Brandenburg. Wir alle hier sind in die Pflicht genommen
und verantwortlich, den Glauben an dieses Haus weiterzutragen.”
Steffen
Reiche, Bildungsminister des Landes Brandenburg
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