NIEDERGÖRSDORFER WEIHNACHT


Das große Krippenspiel
Gut besuchte Niedergörsdorfer Weihnacht am neuen Spielort in Zellendor
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Als Natur-Theater-Wunder bezeichnen sie die Macher, die Niedergörsdorfer Weihnacht. Zum achten Mal in Folge wurde das besinnliche Freiluftspektakel aufgeführt. Erstmals fand die Niedergörsdorf Weihnacht auf dem Gelände des Flugplatzes der Fläming Air in Zellendorf statt. Das Publikum folgte - die Bänke waren voll besetzt. Dramaturgisch war der Standortwechsel sicherlich ein guter Griff. Alles wirkte näher als auf dem früheren Gelände. Akteure und Zuschauer kamen enger zueinander. Beinahe zum Greifen nah zogen die Hirten mit Fackeln an der Kulisse vorbei. Eisig wehte der Wind über das freie Feld. An der Krippe von Bethlehems Stall loderte ein Feuer, dessen Rauch und Asche über den Platz zogen. Maria und Josef zogen mit dem Christkind auf und ab, begleitet von Weisen aus Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium und Erzählungen zur Weihnachtsgeschichte aus Lautsprechern. "Friede sei mit euch" lautete die Botschaft. Es ist die stets alte und doch immer wieder neue Geschichte der Geburt Jesu. Hunderte von Schafen grasten auf einer Koppel im Hintergrund. Nach den Hirten zog eine Karawane, bestehend aus Ponys, Lamas und einem Dromedar zwischen Krippe und Zuschauern vorbei. Und über allen leuchtete der Stern von Bethlehem. Inszeniert wird die Weihnachtsgeschichte in jedem Jahr vom Theater '89 aus Berlin, das sonst das Kulturzentrum "Das Haus" in Altes Lager bespielt. "Es ist immer wieder schön, dieses Natur-Theater-Wunder zu inszenieren", sagte Hans-Joachim Frank, Regisseur und künstlerischer Leiter des Theaters. Die Mitwirkenden des Freiluft-Krippenspiels sind Laienschauspieler, Leute aus der Region, die in jedem Jahr immer wieder gern dabei sind. Für Joana und Ines Bebert aus Welsickendorf war es eine Premiere. Sie führten angeleint ihre Schafe "Shorn" und "Oscar" im Tross mit sich. "Die Tiere sind friedlich und neugierig zugleich. Dieser Auftritt ist etwas völlig neues für sie", berichtete Joana Bebert. Das Lampenfieber hielt sich bei Mensch und Schaf jedoch in Grenzen.

Märkische Allgemeine Zeitung, H-Dieter Kunze, 13.12.2011

 

Pressestimmen zu HASEKS HEIMKEHR


So ist Krieg eben

Das Bühnenbild ist bedrückend. Ein Drahtzaun spannt sich über die kleine Schaufläche, auf der zwei graue Kisten stehen. Diese dienen je nach Situation als Bett, Bank oder Sofa eines Psychiaters. Genauso bedrückend wie das Bühnenbild ist auch das Stück, das von Hâseks Heimkehr erzählt. Der junge Amerikaner kehrt aus dem Krieg zurück zu seiner Freundin und seinem Sohn. Doch der Krieg hat Spuren hinterlassen. Wie so viele Soldaten, leidet Hâsek an einer posttraumatischen Belastungsstörung. So sehr er sich anstrengt, er findet nicht in sein altes Leben zurück.
Eric Henry Sanders ließ sich bei seinem Stück "Hâseks Heimkehr" von Georg Büchners "Woyzeck" inspirieren und schafft es doch, die Problematik des Krieges in ganz aktuelle Hüllen zu packen. Der Irrsinn des Krieges ist zentrales Thema in "Woyzeck" und in "Hâseks Heimkehr". "So ist Krieg eben", lässt die Figur des Sergeants im Stück verlauten. Aber wenn Krieg so ist, darf es ihn dann überhaupt geben? Auf diese Weise regt das Stück den Zuschauer nicht nur an, darüber nachzudenken, ob Krieg legitim ist, sondern auch auf welche Weise mit ihm umgegangen wird.
Eric Henry Sanders Stück macht einen nicht glücklich. Von der ersten Sekunde an fühlt man sich unwohl. Tritt Hâsek auf, so spürt man seine Angst - vor unheimlichen Stimmen und davor, nicht für seine Freundin sorgen zu können. Diese wiederum zeigt dem Zuschauer ihre Hilflosigkeit in jedem Satz und jeder Bewegung.
"Hâseks Heimkehr" ist ein Stück des theater89, für das es sich lohnt zwei Stunden Unwohlsein in Kauf zu nehmen. Denn nur so, können wir ansatzweise begreifen, was Krieg wirklich bedeutet.

Am 16./17. September 2011 jeweils um 20 Uhr gibt es weitere Vorstellungen im theater89 in der Torstraße. Mehr Infos zu Tickets findet ihr auf der Website www.theater89.de

http://spreewild.de/blog, 12.09.2011, Diana Höhne

 


So gut habe ich Woyzeck noch nie verstanden wie im Stück »Hašeks Heimkehr«...

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Theatersommer 2011

 

Wo bin ich hier? Ausflug ins Brandenburgische: »Das Haus« des Theaters 89
Ein Lebenswerk zum Wohl der Menschheit hinterlassen zu können, davon träumen viele. Hans-Joachim Frank gründete ein halbes Jahr vor dem Mauerfall in Berlin das Theater 89, das er nach wie vor leitet. Untergebracht ist es in einem Plattenbau, der von einer Polytechnischen Oberschule zu einer Privatschule umgestalt wurde. Was das Lebenswerk des früheren BE-Schauspielers und Regisseurs Frank angeht, ist die zweite Produktions- und Spielstätte seines Theaters noch imposanter: »Das Haus« liegt in der brandenburgischen Einöde südlich von Berlin, Gemeinde Niedergörsdorf. Vor Jahren als Ruine erworben, wurde es mit Helfern und Spenden, Schweiß und Tränen zum Kulturzentrum ausgebaut. Am 12. August gab es hier ein Sommerfest zum 15jährigen Bestehen. Ich stelle mir ein buntes Fachwerkhaus mit Lebensgemeinschaftsflair vor, als ich, aus Jüterbog kommend, auf den Ort mit dem seltsamen Namen »Altes Lager« zuradle. Die Gegend wirkt merkwürdig verlassen. Eine beendete Epoche prägt die Landschaft. Rechts und links der fünf Kilometer langen Strecke zähle ich an die 50 zusammengebrochene Riesengebäude, versteckt im Schilf, hinter Bäumen, am Horizont verteilt, Fabrikhallen, überwachsene Mauern, Gewerberuinen – interessant, aber es gruselt einen doch beim Anblick dieser schwarzen Fensterhöhlen und elend langen Betonpisten, die hinter zugesperrten Eisenzäunen einen Eindruck vergangener Aktivitäten vermitteln. Es gibt keine landwirtschaftliche Nutzung, reine Wildpflanzenidylle, die wegen der Ruinen trügerisch scheint. So an die 45 Minuten begegnet mir keine Menschenseele. Ich habe auf dem Weg noch kein intaktes Haus gesehen und glaube mich in einem Film aus der Tschernobyl-Sperrzone, als ein verlassener Flugplatz auftaucht. Neben den Pisten die überwucherten Hangars. Wo bin ich hier? Am Ende an einer Kart-Bahn. Da sitzen einige Lederjackenmenschen. Sie kennen »Das Haus«, schicken mich auf eine ebenso verlassene, nur breitere Straße. Und weiter geht es an leeren Gebäudekomplexen vorbei, einer großen Halle und einigen kleineren, in der sich Autowerkstätten angesiedelt haben, sehr anheimelnd. Da plötzlich ein oranges Gebäude, das etwas völlig unpassend Hochherrschaftliches hat, Autos davor, Menschen, eine Auffahrt, ich bin da. »Das Haus« bietet auch eine Rückschau auf die Geschichte der Gegend. Zur Zeit des Soldatenkönigs, dann des ersten Kaisers mußten französische Kriegsgefangene hier ein riesiges Barackenlager errichten, daher der Name »Altes Lager«. In Vorbereitung des Ersten Weltkriegs entstand an seiner Stelle ein militärisches Sperrgebiet. Danach wurde hier munter weiter aufgerüstet. Vom ausgebauten Monsterflughafen starteten im Faschismus Maschinen nach Spanien. Nach Kriegsende enstand hinter Mauern ein riesiges Areal der Roten Armee mit Läden, Schulen, Werkstätten, Wohnblocks. Nach dem Abzug der allermeisten der 15000 Bewohner wurden Wolgadeutsche angesiedelt, freiwillig kamen mennonitische Pfarrer und Berliner Kulturschaffende. Einen russischen Lebensmittelladen gibt es noch. Im Theaterstück »Kalina Krasnaja« wird am frühen Abend auch noch ein russischer Frauenchor mit bunten Tüchern auftreten. »Das Haus« wurde als Offizierskasino der Wehrmacht errichtet, und die getragene Sachlichkeit der Naziarchitektur ist mir ein Greuel. Aber für welche Veranstaltungen auch immer der hohe Saal gebaut wurde, heute ist er ein Traum für den Gründer des kleinen Berliner Dachtheaters, Hans-Joachim Frank. »Das Haus« seines Theaters 89 ist offen für Projekte aller Art, viele in Kooperation mit den Schulen in der Umgebung. Ein Raum, der Menschen in der Einöde Mut gemacht hat. »Weißt du noch, wie wir hier Silvester bei Kerzenlicht und Frost aufgetreten sind?« fragt jemand beim Sommerfest, das von zwei jungen Frauen moderiert wird, die schon mit acht bzw. zehn Jahren an Workshops im »Haus« teilnahmen. Mit Franks Unterstützung hat sich eine Laienspielgruppe als Volkstheater etabliert. Dafür, was er in 15 Jahren auf diesem verlassenen Flecken Erde auf die Beine gestellt hat, wurde er mit Glückwünschen aus ganz Brandenburg überhäuft. Einem anderen geht es beim Sommerfest ebenso: Volker Pfüller, Plakatkünstler und Bühnenbildner. Seit der ersten Vorstellung des Theaters 89 prägt er dessen Bild mit seinen Linolschnittplakaten. Einige zeigt »Das Haus« bis 30. September in einer Sonderausstellung, die beim Sommerfest mit Moll-Posaunentönen des Hauskomponisten Jörg Huke eröffnet wurde. »Äußerste Verknappung«: Das Plakat zum Stück »Äußerste Verknappung«: Das Plakat zum Stück Foto: Volker Pfüller Pfüllers Plakate erinnern – ein wenig wie die des Grips-Gestalters – an das frühe BE. Sie bestechen durch äußerste Verknappung der Form, ohne unsinnig zu werden oder an Tiefe zu verlieren. Vor kurzem wurden 50 im Essener Volkwangmuseum gezeigt. wie entwickelt er die Motive? Stück lesen, enge Bindung an den Regisseur, Sinn und Zweck der Aufführung erfahren, Leitidee entwickeln, ist seine ruhige, bedächtige Antwort. Manchmal dauere das Wochen, manchmal nur einen Tag. Sein erstes Plakat war für »Woyzeck«: auf signalrotem Hintergrund sieht man ihn, abgehetzt, schmal, im Lauf, umrahmt von den grob geschnittenen Buchstaben seines Namens. Es folgten das Logo des Theaters 89 und Bilder zu »Medea«, »Mein Taubentraum«, »Jugend ohne Gott«, sehr viele antifaschistische Stücke. Alle Plakate sind völlig verschieden, und doch ist Pfüllers Stil unverwechselbar. In einer Pause fahre ich ins »russische Viertel«, sehe wenige Menschen, alle sehr arm. Unter dem Vorsprung des russischen Ladens hocken, da es regnet, einige einsame Alkis. Sie kommunizieren heftig, zwei ihrer Kinder flitzen um die leeren Häuserecken, Hunde drängen sich zwischen Sperrmüllhaufen an ihre Besitzer. Danach wird das Stück »Kalina Krasnaja« gegeben. Man kennt nur den Film: Ein kleiner Ganove reist aus dem Knast zu seiner Brieffreundin. Das russische Dorfleben soll ihm helfen, die Vergangenheit in der Stadt hinter sich zu lassen. Die gutgläubige Brieffreundin ist mit Sonja Hilberger ausnehmend gut besetzt. Sie scheint naiv, hinterwäldlerisch, aber ist stark, schlau und gutgläubig – das im Spiel herauszuarbeiten, ist nicht leicht, aber hier großartig gelungen, Jegor war mir manchmal zu sehr Ganove, die anderen spielen naturalistisches Theater. Das Stück selbst ist mir etwas zu eindeutig. Viel Vorhersehbares. Wunderschön singt der Chor der russischen Frauen, lustig ist der Einfall, echte alte Autos in den Garten zu fahren. Als es regnet, harren alle Zuschauer tapfer aus. Später am Abend wirde auf dem Rollfeld eines weiter entfernten Flugplatzes, der noch in Betrieb ist, »Der kleine Prinz« in ganz neuer Fassung gegeben. Das kann ich leider nicht mehr anschauen. Auf dem Rückweg nach Jüterborg muß ich das Rad mit einem Platten schieben, vorbei an Mauern und Ruinen, dazu Regen und anbrechende Dunkelheit. Meine Hochachtung gilt all denen, die sich bemühen, aus diesen elenden Kriegshinterlassenschaften wieder bewohnbare Gebiete zu machen.

Am 20./21. 8. zeigt »Das Haus«, Altes Lager, Gemeinde Niedergörsdorf, das Stück »Die Gerichtsnacht«. »Der Kleine Prinz« ist am 20./21.8. und von 26.–28.8. jeweils 21 Uhr, auf dem Flugplatz in Zellendorf zu sehen

Junge Welt , Anja Röhl, 20.08.2011

 

DER KLEINE PRINZ


Die Notlandung ist inszeniert, aber Pilot und Flugzeug sind echt. Das Theater 89 bespielt mit „Der kleine Prinz“ den Flugplatz in Zellendorf
„Der kleine Prinz“, 1943 von Antoine de Saint-Exupéry geschrieben, gehört heute zu den beliebtesten Kinderbüchern. Es wurde verfilmt, vertont und unzählige Male auf die Bühne gebracht – selbst eine Oper „Der kleine Prinz“ gibt es schon. Doch was Regisseur Hans-Joachim Frank vom Theater 89 nun mit der Geschichte macht, ist etwas Besonderes. Er lässt sie auf einem Flugplatz spielen – von echten Piloten und Schauspielern.

Die Idee ist bestechend einfach: In der Geschichte geht es schließlich um einen notgelandeten Flieger, der in der Wüste auf den kleinen Prinzen trifft. Die Inszenierung auf dem Flugplatz Fläming Air in Zellendorf beginnt mit dem Auftauchen des Flugzeugs am Horizont. Musik setzt ein und heizt die Spannung an, bis die Cessna mit quietschenden Reifen die Landebahn berührt.
Dem Flugzeugeigentümer und Betreiber des Flugplatzes Rudi Hackel ist das Geräusch vertraut. „Wir haben doch schon viel tollere Sachen gemacht – an unseren Flugtagen und auch fürs Theater 89. Bei der Produktion ,It Works’ habe ich Flugblätter abgeworfen. Seitdem ist der Kontakt zum Theaterleiter Hans-Joachim Frank nicht abgerissen.“
Die Aufführung des Stücks „It Works!“ von Oliver Bukowski war vor 10 Jahren auf einem verlassenen Kasernengelände in Niedergörsdorf ein Theatercoup. Mehr als 100 Darsteller ließen satirisch überhöht Rituale der alten DDR lebendig werden, inklusive einer Parade zum 1. Mai mit Spruchbändern, Fahnen und vielen schweren Fahrzeugen. Es kamen so viele Zuschauer, dass das Stück auch in den folgenden Jahren gespielt werden konnte. Daran würde das Theater 89 nun mit seiner neuen Open-Air-Produktion gern anknüpfen. Die Gruppe bringt nur relativ selten derart große Spektakel heraus. Dass sie in der Region fest verwurzelt ist, hat eher mit der Konstanz ihrer Arbeit zu tun. Sie präsentiert in Niedergörsdorf, ihrem zweiten Standort neben der Berliner Torstraße, jedes Jahr zwei bis drei neue Produktionen – in vielen Stücken dürfen Laiendarsteller aus der Region mitspielen. Der Regisseur und Theaterleiter Hans- Joachim Frank arbeitet mit Chören, Schulkindern und Trachtengruppen. Das bringt ihm viel Sympathie ein. Das Besondere am Theater 89 sei „die Nähe zu den Leuten“, sagt Flugplatzchef Rudi Hackel. Hier in dieser ländlichen Region werden die Menschen eher wenig mit Kunst und Kultur konfrontiert. Aber wenn man auf sie zu geht, nehmen sie das Angebot gern an. 40 Akteure sind diesmal dabei – ein Trachtenverein, zwei Chöre, die Jugendfeuerwehr Zellendorf und Flugplatzmitarbeiter, die bei einer großen Prozession die Requisiten tragen. Trotzdem wirkt die Produktion über weite Strecken verhalten. Nach der Notlandung des Flugzeugs tritt der kleine Prinz im weißen Overall an den Piloten heran und bittet ihn, ein Schaf zu zeichnen. Der Text, der vorab im Studio aufgezeichnet wurde, wird über Lautsprecher eingespielt. So ist trotz der teilweise recht großen Distanz der Zuschauer zum Spielgeschehen alles gut zu verstehen. Fest installierte Sitze gibt es nicht. Das Publikum folgt den Akteuren von Spielort zu Spielort. Vom Rollfeld geht es auf eine Wiese, wo der kleine Prinz auf einem acht Meter hohen Gerüst die Bewohner fremder Planeten trifft. Danach wandert er zu einem Spielplatz und zu einer bunt beleuchteten Bühne, wo die Chöre und Trachtengruppen ihren Auftritt haben. Wenn die donnernde Musik verstummt, folgt Stille. Grillen zirpen, der Mond scheint – laute und leise Momente wechseln sich ab. Auf spektakuläre Action-Szenen hat Regisseur Frank verzichtet. Er setzt auf die Poesie des Textes und die Romantik des Flugplatzes in der Abenddämmerung.

Theater 89, Spielort Flugplatz Fläming Air in Zellendorf. G033741-71304. Termine: 13./14. 19-21. und 26.-28. August, jeweils 21 Uhr.

Berliner Morgenpost, Oliver Kranz, 13.08.2011

 

BÜHNE: Da kann man nur staunen Das Theater 89 bezaubert mit dem kleinen Prinzen sein Publikum
Es gibt Momente – selten genug –, da weiß man plötzlich, was Theater sein kann. Da bleibt einem die Luft weg, setzt einen Augenblick lang das Herz aus. Da kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Es ist ein kindliches Staunen, eines, das sich schwer beschreiben lässt. Man muss es erleben – wie die Zuschauer der von Hans-Joachim Frank, dem Gründer und Leiter des Theaters 89, inszenierten Fassung von Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“. Am späten Freitagabend geht sie auf dem Flugplatz Zellendorf (Teltow-Fläming) nach zwei Stunden langsam aber sicher ihrem Ende entgegen. Es ist ein Theaterfest für die ganze Familie, bei dem man auch als Erwachsener noch einmal Kind sein darf. Hinter der Kasse hat es vor Beginn für kleines Geld Lampions mit Sonne oder Mond und Sternen gegeben. So leuchtet sich jeder selbst den Weg von Spielstätte zu Spielstätte. Inzwischen zeigt die Uhr elf. Doch noch immer brennen die Kerzen. Noch immer läuft das Spiel, springen die Kinder umher, ziehen die Eltern und Großeltern mit ihren Kleinen umher. Gerade geht es vom Flugfeldrand zur nahen Waldkante, wo Bernhard Geffke als sichtlich gutgelaunter Conférencier in einem krachroten Anzug den Auftritt der Dennewitzer Flämingtrachten ankündigt. Die Frauen, ein Mann ist dabei, tanzen auf einer flachen Bühne zu „Annemarie“ und stimmen sogleich noch „Draußen vor dem Dorfe“ an. Bunte Schürzen drehen sich im Takt. Der Zylinder bleibt trotz des Schwungs auf dem Kopf des einzelnen Herrn. Flämingtrachten, Volksmusik und Saint-Exupéry? – Niemanden wundert das heute, denn an diesem Abend landet der kleine Prinz im Märkischen. Seine „Wüste“ liegt elf Kilometer südlich von Jüterbog, gleich hinter dem flachen Zellendorfer Flugplatzgebäude. Hier erinnert sich am Anfang der Vorstellung der Erzähler an die seltsame Begegnung mit dem aufgeweckten Jungen. Rudi Hackel öffnet das Verdeck der Peregrine SL, des Ultraleichtflugzeuges, das seine Firma Fläming Air in Zellendorf baut. Er klettert in das Cockpit. Hackel, im richtigen Leben Flugplatzbetreiber und Flieger, spielt jetzt Theater. Seinen Text hören wir aus Lautsprechern. Ein Schauspieler des Theaters 89 hat ihn auf das Band gesprochen. Dann steigt ein Flugzeug in die Luft. Martin Eckardt dreht eine Runde, landet sicher, lässt die Cessna ausrollen, steigt aus und trifft den kleinen Prinzen. Leonhard Geffke spielt diesen mit hinreißend kindlicher Ehrlichkeit. Marie-Luise Frost leiht ihm ihre Stimme. Der Junge nimmt den Piloten ins Kreuzverhör, fragt ihn aus, zeigt in den Himmel, zu seinem Planeten und zu den Sternen hinauf, muss aber bald schon an den Stuntmen Alister Mazotti übergeben, damit dieser uns auf einer acht Meter hohen Plattform die Heimat des Prinzen vorstellen kann. Mazotti gießt die Blume (Nathalie Hünermund), fegt die Vulkane, begegnet König, Säufer und Geografen. Schließlich fliegt er an einem Drahtseil auf die Erde hinab. Dort gibt er dem kleinen Leonhard seine große Prinzenrolle zurück, damit dieser den Fläming entdeckt. Beim Auftritt der Trachtengruppe mischt er sich unter die Zuschauer. Er hört den Gemeindechor Niedergörsdorf-Dennewitz „Lauf, Jäger, lauf“ singen und den Frauenchor Raduga aus dem Ortsteil Altes Lager russische Lieder anstimmen. Zweimal fällt der Strom aus. Doch beide Male ist prompt ein Techniker zur Stelle, um die Panne zu beheben. Das Publikum klatscht. Die Frauen singen weiter. Als Rudi Hackel und Bernhard Geffke Reinhard Meys „Über den Wolken“ singen, flitzt ein kleines Mädchen um die Singenden herum. Da staunt selbst der kleine Prinz. Schließlich treten zwei überlebensgroße Puppen aus dem dunklen Kiefernwald heraus – ein riesiger Fuchs und ein Junge. Sie werden an langen Stangen von dunkel gekleideten Menschen geführt und von Scheinwerfern angestrahlt. In den offenen Flanken des Tieres kann man die bloßen Rippen sehen. So überraschend, so faszinierend ist dieser Moment, so schön und friedlich, dass vielen der Zuschauer zur gleichen Zeit ein einziges „Ah“ entfährt, ein leiser Ausruf des Staunens. Was für ein Theatermoment! Wie heißt es im Text? „Die Erde hat einen guten Ruf.“ – Hier in Zellendorf ganz bestimmt.

Nächste Vorstellungen: 19. bis 21. und 26. bis 29. August, jeweils 21 Uhr. Straße am Flugplatz, Zellendorf. Infos unter 033741/71304.

MAZ, Martin Stefke, 15.08.2011

 

KULTUR: Geradezu märchenhaft Das Open-Air-Spektakel „Der kleine Prinz“ vom Theater 89 feiert Premiere
„Diese Aufführung ist ein wunderbares Geschenk“, bedankte sich Landrat Peer Giesecke (SPD) in seiner Rede zu Beginn des Premierenabends. Das Theater beschenke sein treues Publikum mit einem einzigartigen Theatererlebnis, dabei hätte es eigentlich selbst Geschenke an diesem Abend zum Jubiläum erhalten müssen, sagte er. Das Theater 89 aus Berlin belebt schon seit 15 Jahren die hiesige Kulturlandschaft. Mit seinen Produktionen im „Haus“ in Altes Lager zählt es zu den beliebtesten Kultur-Institutionen in der Region. Anlässlich des Jubiläums inszenierten die Schauspieler unter Regie von Hans-Joachim Frank nun ein Stück Weltliteratur. Am Sonnabend feierte die Freiluft-Aufführung von „Der kleine Prinz“ des französischen Schriftstellers Antoine de Saint-Exupéry Premiere auf dem Flugplatz in Zellendorf. In einem Spektakel zwischen Waldrand und Landebahn, in einem Gesamtkunstwerk aus Schauspiel, Konzert, Flugschau und Kostümtheater überraschte die Truppe ihr zahlreich erschienenes Publikum. „Ich hatte eigentlich ein normales Theaterstück auf einer Bühne erwartet, aber dieses Spiel auf der gesamten Fläche mit den vielen Ortswechseln hat mich schwer beeindruckt“, sagte Claus Verstrepen aus Potsdam. Die Romanvorlage musste man nicht unbedingt vorab kennen, um die Aufführung und die liebevolle Geschichte verstehen und genießen zu können. Die Ausstattung, die Kostüme, die Requisiten – all das war geradezu märchenhaft und zog von Beginn an das Publikum in den Bann. Insbesondere der kolossale Riesen-Fuchs am Waldrand oder auch der Planet des kleinen Prinzen auf einem hohen Podest hatten es den Zuschauern angetan. Das Stück, das von einem Piloten, seinem Flugzeug, und von einem kleinen Prinzen, der aus dem Weltall auf die Erde kommt, erzählt, konnte keine bessere Kulisse finden. Der Flugplatz in Zellendorf ermöglichte dem Publikum ohne große Mühen das Eintauchen in die anrührende Geschichte. Es gab ein echtes Flugzeug, einen echten Piloten, einen fast wolkenfreien Sternenhimmel und viel Platz, um die Geschichte zu erzählen. Eine große Bühne mit Vorhängen vermisste das Publikum nicht. „Es war so unglaublich beeindruckend und mal etwas völlig anderes“, schwärmten zum Beispiel Stephan Emmrich aus Langenlipsdorf und Claudia Hasenpusch aus Jüterbog, auch ihnen machte es Spaß, zwischen den verschiedenen Schauplätzen während der Szenen umherlaufen zu können. „Es war, als ob der Mond extra für das Stück kurz den Vorhang aus Regenwolken beiseite geschoben hätte“, sagte die Zuschauerin Ilse Illesch aus Bardenitz. Der Darsteller des „kleinen Prinzen“, Leonhard Geffke, ist erst neun Jahre alt, spielte jedoch bezaubernd und verdiente sich großen Applaus. Auch ein kurzzeitiger Stromausfall konnte der Magie des Stücks nichts anhaben. Die Schauspieler überzeugten mit Talent und Improvisationsvermögen. Auftritte des Raduga-Chors, des Gemeindechors Niedergörsdorf und der Trachten-Tanzgruppe aus Dennewitz gaben dem Theaterstück eine besondere Note.

Weitere Aufführungen am 19., 20., 21., 26., 27. und 28. August, jeweils um 21 Uhr auf dem Flugplatz Fläming-Air Zellendorf

MAZ, Kathrin Burghardt, 15.08.2011

 

Ein Glücksfall erster Güte
Volker Pfüller hat alle Inszenierungen des Theaters 89 bebildert / Seine Plakate sind längst Kunst

Vor ihm gab’s nur ein Plakat. Und das war ein Fotodruck zur Eröffnung. Volker Pfüller hat allen Inszenierungen des Theaters 89 in den vergangenen 15 Jahren ein graphisches Gesicht verliehen. Mal verspielt und in pastelligen Tönen wie für die „Beauty Queen von Leenane“ von Martin McDonagh, mal gradlinig und grellrot wie für Georg Büchners Woyzeck. Trotzdem tragen die Bilder des 72-Jährigen immer seine Handschrift, davon konnten sich die Besucher einer Ausstellung im Haus in Altes Lager gestern überzeugen. Zum Auftakt der Jubiläumsfeierlichkeiten wurden dort Pfüllers 20 liebste Plakate gezeigt. „Griffig und lebensnah“ will er sein, sagt er. „Intellektuelle Pointen“ interessieren ihn weniger. Er will den Leuten etwas sagen. Und das gelingt offenbar. „Manche kommen nur, um ein Plakat von ihm mitzunehmen“, sagte Dramaturg Jörg Mihan. Um Werbung gehe es bei den Werken Pfüllers höchstens in zweiter Linie. „Die Plakate haben einen eigenen Kunstwert. Sie repräsentieren das Theater.“ Uneinigkeit über ein Plakat gab es in den 15 Jahren kaum einmal. Die Zusammenarbeit mit Pfüller sei „ein Glücksfall erster Güte“. Das Plakat zu Antoine de St. Exupérys „Der kleine Prinz“, der am Abend auf dem Flugplatz Zellendorf Premiere feierte, ging dem Grafiker besonders leicht von der Hand. Die Erben haben bestimmt, dass immer das Motiv von St. Exupéry benutzt werden muss. (Von Angelika Pentsi)

MAZ, Angelika Pentsi, 11.08.2011

 

BÜHNE: Nicht vom Himmel gefallen
Das Berliner Theater 89 feiert 15 Jahre Theaterarbeit in Brandenburg NIEDERGÖRSDORF-ZELLENDORF - Sie sind vom Himmel gefallen, aber nicht auf den Kopf. Der Flieger nicht und auch nicht der kleine Prinz. Nein, die Figuren aus dem Buch des französischen Schriftstellers und Piloten Antoine de Saint-Exupery kann man schon schlagfertig nennen. "Zeichne mir ein Schaf", fordert der kleine Prinz den Piloten auf. Und dieser tut es, obwohl er meint, er könne das gar nicht. Mit dem Ergebnis ist sein Gegenüber auch nicht zufrieden. Er will keine Schlange sehen, die einen Elefanten verschluckt hat. Und so versucht es der Pilot weitere Male, bis er eine Kiste auf das Papier setzt. "Hier", erklärt er. "Das Schaf ist da drin." Der Prinz ist zufrieden.

Der Westwind trägt die Stimmen über den Flugplatz Zellendorf (Teltow-Fläming). Sie kommen vom Band, das Schauspieler des Theaters 89 besprochen haben. An der Waldkante arbeiten Techniker an einem Podest. Auf der Wiese neben der Gaststätte "Stolpervogel" errichten Gerüstbauer eine kreisrunde, acht Meter hohe Bühne. Auf dem Flugfeld proben Laien. Sagen wir besser: Experten. Denn der Pilot in der Produktion "Der kleine Prinz", mit der das Theater 89 ab Freitagabend 15 Jahre Theaterarbeit in der Region feiern wird, ist ein echter Flugzeugführer: Martin Eckardt, neben Firmengründer Rudi Hackel der zweite Mann in der Geschäftsleitung der Firma Fläming Air. Ein Mann vom Fach also, einer, der für ein ungewöhnliches Theaterereignis schon mal eine Notlandung simulieren kann. Jetzt aber steht seine Maschine sicher auf dem Boden und Leonhard Geffke, der Experte in Sachen Prinz, darf zu ihm. Der Sohn von Schauspieler Bernhard und Inspizientin Martina Geffke, neun Jahre alt, scheint angespannt. Nicht nur, weil er auf das Flugfeld kann, hin zur Cessna 172, einem Viersitzer mit Propeller und leuchtend weißen Tragflächen. Leonhard muss sich merken, was Hans-Joachim Frank, der Regisseur und künstlerische Leiter des Theaters 89, ihm sagt, wann er wo stehen oder den Arm heben soll. "Wenn ich da nur alles richtig mache", seufzt er. Doch als Eckardt ihn auf die Maschine hebt, sind die Bedenken vergessen.

Hans-Joachim Frank gibt präzise Anweisungen. Er kennt das Stück genau. In Carlos Medinas Inszenierung am Berliner Ensemble hat er einst selbst den Fuchs gespielt. Das ist lange her. 1989 kündigte der Schauspieler, um ein eigenes Theater zu gründen. "Mich hat gestört, dass da alles eine einzige Soße war", erinnert er sich an das Brecht-Theater. "Nur Künstler unter sich." Ein Grund, weshalb Frank und seine Truppe heute nicht nur in der Torstraße in Berlin, sondern auch im Land Brandenburg zwischen Treuenbrietzen und Jüterbog zu Hause sind. "Es reicht nicht, schöne Inszenierungen zu machen", sagt er, "und zu warten, dass Leute kommen. Das Theater muss sich selbst bewegen."

1994 entdeckt Hans-Joachim Frank im Niedergörsdorfer Ortsteil Altes Lager ein verlassenes Offizierskasino. Schnell ist die Vision geboren, daraus eine Spielstätte zu machen. 1996 ziehen die Theatermacher in die Ruine ein und beginnen zu spielen. Hauptamtsleiterin Andrea Schütze kann sich gut erinnern. Im Sommer war sie zwar in der Elternzeit. "Als ich aber im Oktober wiederkam, sagte der Bürgermeister: ‚Ich habe ein Theater'". Dem Staunen folgt Begeisterung. Als Hans-Joachim Frank 1999 die Laienspielgruppe "Mühlengeister" gründet, kommt sie zu den Proben. Auch ihre Töchter spielen bald im Kulturzentrum "Das Haus". Vor 15 Jahren sei kaum zu ermessen gewesen, "was sich da alles Wunderbares entwickeln würde". Viele Menschen hätten damals sowohl die Verwaltung als auch die Theatermacher für verrückt erklärt. "Ein Haus mit 3700 Quadratmetern Nettonutzfläche - das schafft ihr nie."

Sie schafften es. Alles schien zu gelingen. Die Gemeinde beantragte Fördermittel, brachte einen stattlichen Eigenanteil. Die Bilanz ist jedoch nicht nur positiv. Das Finanzielle wurde immer schwieriger. Die Berliner Projektförderung halbierte sich, das Land Brandenburg gibt bisher 105 000 Euro pro Jahr in den Etat. Dennoch glaubt Frank an den Erfolg. Für ihn muss Theater in einem Flächenland "doch in die Fläche gehen". Man dürfe da nicht nur die alten Strukturen der Stadttheater fördern. Jetzt wird aber gefeiert. Mit "Der kleine Prinz" auf dem Flugplatz Zellendorf und natürlich im Kulturzentrum "Das Haus".

"Der kleine Prinz": Premiere am 12. August, 21 Uhr.
Weitere Vorstellungen 13., 14., 19. bis 21. und 26. bis 29. August. Zellendorf (11 km südlich von Jüterbog).
Weitere Infos: 033741/ 71304 oder www.theater89.de.


MAZ, Martin Stefke, 11.08.2011

 

Pressestimmen zu
Projekt AFRIKA - Fremde


Lupenrein - Afrikaprojekt
Die Geschichte eines älteren deutschen Arztehepaars, das nach Sierra Leone geht, um in einem Lazarett zu arbeiten. Unversehens werden sie Teil der gewaltsamen Interessenkonflikte des Bürgerkriegs.
Mit drei Stücken nähert sich das Theater 89 dem Thema Afrika. Neben dem Flüchtlingsdrama „Letztes Territorium“ und einer Spielfassung von Antoine De Saint-Exuperys „Die Wüste“ gibt es die Uraufführung „Lupenrein“ von Rafael Kohn. Das Stück folgt einem gutbürgerlichen deutschen Arztehepaar auf eine Hilfsmission nach Sierra Leone. Ihr guter Wille ist echt, doch die gewohnten moralischen Wahrnehmungsmuster werden in der Bürgerkriegsrealität schnell irritiert – wer sind die Guten, wenn sich Afrikaner untereinander bekriegen? Ist eine arbeitgebende Diamantenmine wichtiger als ein kurzlebiges Schulprojekt? Und freuen sich nicht alle Schwarzen über die Hilfe von guten Weißen? Der Zuschauer weiß selten mehr als die Protagonisten, das Bühnenbild (Klaus Noack) verstärkt das Gefühl, die Umgebung nicht fassen zu können: Gitterzäune ringsum, die Schutz nur suggerieren und durch die man nie genau sehen kann, was dahinter passiert; umso verstörender die Splitter, die man wahrnimmt. Viel didaktischer der zweite Abend: „Letztes Territorium“ von Anne Habermehl versammelt Informationen über Flüchtlinge und deutsche Wohlstandsbürger, lebendige Figuren entstehen nicht daraus.
zitty, Susanne Stern, 08/2011


Afrika-Projekt im Theater: Der überforderte weiße Mann
Und dann drehen sie durch, die Europäer, die eigentlich den Afrikanern helfen wollten. Der Arzt Thomas Hübner setzt im Feldlazarett die Säge an, um einem Kindersoldaten den Arm abzunehmen, obwohl der nur eine leichte Schusswunde hat. Aus Rache: Der minderjährige Revolutionskämpfer hat Thomas’ Freund Klaus umgebracht. Moritz sticht im Stuttgarter Park einen afrikanischen Dealer ab, der ihm Ecstasy – „White Shit for White Shit“ – verkaufen wollte. Aus Wut und Enttäuschung, weil sein Freund Mehdi abgeschoben wurde. Die zwei zeitgenössischen Stücke beim Afrika-Projekt des 8theater 89 – „Lupenrein“ von Rafael Kohn und „Letztes Territorium“ von Anne Habermehl – zeigen überforderte Gutmenschen, deren schwarz-weißes Weltbild an den Widersprüchen einer komplexen Wirklichkeit zerschellt. In „Lupenrein“ reist das vom Hilfswillen beseelte Ehepaar Hübner nach Sierra Leone, in den Bürgerkrieg. Der Arzt Thomas (Bernhard Geffke), anfangs ein sanfter Nickelbrillen-Intellektueller und Idealist, zerbirst unter dem Druck. Marianne 8(Angelika Perdelwitz) hingegen bleibt in Westafrika, um ihr Schulprojekt für die Kinder im Flüchtlingscamp fortzusetzen. Der zynische Pragmatiker Klaus (Alexander Höchst) trinkt, um sein lupenreines Gewissen zu bewahren, obwohl er seine Diamantmine von brutalen Söldnern verteidigen lässt. Erzählt ist „Lupenrein“ konsequent aus Sicht der Europäer. Überdeutlich ist das Stück des 1980 in Luxemburg geborenen Autor und Politikwissenschaftler Rafal Kohn. Die typisierten Figuren bleiben auch in der Uraufführungs-Regie des theater 89-Intendanten Hans-Joachim Frank leblos und schematisch. Schießereien, eine Vergewal8tigung, blutige Hände – die Kriegsgräuel finden plakativ auf der Bühne statt. Als Lehr- und Dokumentarstück angekündigt, wird „Lupenrein“ durch landeskundliche Tonbandinfos zum Belehrtheater. Alexander Höchst scheint vor aggressiver Männlichkeit schier zu platzen. Angelika Perdelwitz hüpft mädchenhaft über die mit rotem Teppich ausgelegte Bühne – und lächelt auch an unpassenden Stellen. Ramsès Bawibadi Alfa – Autor, Theaterleiter und Schauspieler aus Togo, der eigens für das Afrika-Projekt eingeflogen wurde – zeigt sein Können erst in der Rolle des Mehdi. Anne Habermehls „Letztes Territorium“ ist ein genau gearbeitetes Kammerspiel, differenzierter und trotz mancher Klischees glaubwürdiger als „Lupenrein“. Habermehl greift die postkoloni8alen Konflikte an den Grenzen Europas auf und holt das Fremde nach Stuttgart: Mehdi steht plötzlich vor Moritz’ Tür. Moritz (Pit Bukowski) und seine Mutter Nathalie (Katrin Schwingel) haben Mehdi im Fuerteventura-Urlaub halb verdurstet am Strand gefunden. Ein algerischer Migrant, mit Schwimmflügeln und dem klaren Ziel, sich in Deutschland als Ingenieur zu etablieren. Moritz lässt sich von seinem Gast ausnutzen: Mehdi braucht Geld, „dieser Aldi-Fraß macht mich krank / Ich muss mir Fahrscheine kaufen / Und Klamotten ich sehe aus wie ein Penner“. Aufstiegsbewusst ist der Arbeitsmigrant, genauso auf seinen Vorteil bedacht wie Moritz’ Vater Gerard (André Zimmermann), der Mehdis Geschichte für die journalistische Karriere nutzt. Fast zwangsläufig scheitert auch diese Annäherung von Afrika und Europa: Als Moritz beim Klauen für Mehdi erwischt wird, zeigt Nathalie den Illegalen an. Und ihr Sohn sticht zu. Exemplarisch zeigen die beiden Stücke das Dilemma von den guten Absichten und dem schlechten Handeln. Zur Theater-Trilogie ergänzt hat sie das theater 89 mit zwei Texten des adeligen Abenteurers Antoine de Saint-Exupéry, „Der kleine Prinz“ und „Die Wüste“.
Berliner Morgenpost , Elena Philipp, 30. März 2011

 

Afrika und Afrikaner - drei Abende am Berliner "theater 89"
"Ich bin ein Spießer"
Das Off-"theater 89", das sich schon vor dem Mauerfall in Ostberlin gründete, bewährt sich wieder als Bühne, die politisch aktuelle Probleme aufgreift und dazu die Arbeiten junger Dramatiker zur Aufführung bringt. Jede Spielzeit geht das Team unter Leitung von Hans Joachim Frank dabei ein Bündnis ein mit jugendlichen Laien und wichtigen Gästen. Einige Gäste dieser Spielzeit sind von afrikanischer, auch arabischer Herkunft: Dass der Immigrant als Schauspieler seine Probleme selber darstellt, wirkt im "theater 89" glaubhaft. Textteile in den fremden Sprachen dienen diesem Ziel.Das neue Projekt "Afrika - Fremde" hatte jetzt an drei Abenden hintereinander Premiere. "Lupenrein" von Rafael Kohn zeigt in einem fast agitatorischen Lehrstück die hoffnungslose Situation eines deutschen Ärzte-Ehepaares, das dem Vorbild des früheren Freundes folgend, nach Sierra Leone reist, in ein Camp nahe der Diamantenminen. Die "Firma" hält ihre Arbeiter hinter Stacheldraht und missbraucht die Mediziner, um nach verschluckten Diamanten zu suchen.
Die Schrecken des Bürgerkrieges verkehren die guten Absichten in ihr Gegenteil. Hungernde müssen aus dem überfüllten Camp ausgewiesen werden. Die Gewinne eroberter Minen werden von marodierenden und verstümmelnden "Freiheitskämpfern" nur zu neuen Waffenkäufen genutzt. Die Realiät führt die Gutmenschen und ihr "lupenreines" Gewissen ad absurdum. Das gegenseitige Vertrauen wird zerstört, der Mann (Bernhard Geffke) resigniert, die Frau (Angelika Perdelwitz) will weitermachen. Die tödlichen Gegensätze werden mit kurzen, fast filmischen Szenen beleuchtet. Eine Fülle von Informationen überdeckt die Gestaltung der inneren Konflikte. Das wird deutlich, wenn der wortreiche Sarkasmus des bereits gebrochenen Freundes (Alexander Höchst) schwächer wirkt als die wenigen, nüchternen Wahrheiten, die der Söldner Lody de Jaeger spricht. (sehr gut Johannes Achtelik in dieser Rolle).
Am zweiten Abend kam "Letztes Territorium" von Anne Habermehl zur Aufführung. Ramsès Bawibadi Alfa als Flüchtling fesselt vom ersten Augenblick an. Eine verlassene Ehefrau (Katrin Schwingel) reist mit ihrem Sohn Moritz (Pit Bukowski / Jonas Hussel) nach Buenaventura. In beider Leben tritt der Afrikaner Mehdi. Er ist kein politisch Verfolgter, er ist gläubiger Moslem und nicht kriminell. Er sagt von sich ironisch: "Ich bin ein Spießer". Er will in Deutschland leben und Geld verdienen, er will Glück haben. Ein Menschenrecht? Es wird ihm nicht gewährt. Es beginnt eine Tragödie... In der dramatischen Konsequenz ist das stimmig. Diese Tragödie hat dabei ihre feinen poetischen und komischen Momente. Jede Szene, die die Handlung treibt, hat eine Sprache, die enthüllt oder raffiniert verhüllt. Anhaltender Beifall.
Mit "Die Wüste" und "Der kleine Prinz", ausgewählten Texten von Saint Exupèry, schafft der dritte Abend endgültig einen ganz in die poetische Übersetzung gehobenen Umgang mit dem Thema "Afrika - Fremde". Der Sprachklang des französischen Urtextes (Marie-Luise Frost) oder des arabischen (Guillermo Manuel Heyser, Rachid Zaoujal) feiert förmlich die Schönheit dieser Fremde. Die Begeisterung des Dichters verbindet sich mit seinem Verständnis für die Hassliebe der Bewohner der Wüste gegenüber den Kolonisatoren.
In den Szenen aus "Der kleine Prinz" (Pit Bukowski / Moritz Meyer) führen die Darsteller ihr ganzes artistisches Vermögen vor. Zu jeder Szene, wie der mit dem Geologen (Horst Westphal) oder jener mit dem Fuchs (Bernhard Geffke) klang ein leises, genussvolles Lachen im Publikum auf. Klaus Werner Noack schuf für die drei Inszenierungen knappe, feine Szenenbilder und Kostüme
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Neues Deutschland, Ricarda Bethke, 23.03.2011



Algerien im deutschen Wohnzimmer

„Letztes Territorium“ von Anne Habermehl läuft am Theater 89
„Bretter, die die Welt bedeuten“ – Anne Habermehl nimmt das wörtlich. In ihrem Stück „Letztes Territorium“, das nun im Berliner Theater 89 unter der Regie von Hans-Joachim Frank Premiere hatte, ist die Bühne Flüchtlingsboot, Allinclusive- Hotel, Auffanglager, Gefängniszelle, Stuttgarter Mittelstandswohnung, Frankfurter Hotelzimmer, Baumhaus, Flughafen. Die Orte wechseln rasant wie die Szenen – schließlich geht es um Fluchten. Mehdi, Ingenieur aus Algerien, flieht vor den krisenhaften Zuständen in seinem Land, um für seine Familie den Weg ins vermeintliche Paradies Deutschland zu ebnen. Angespült an den Strand von Fuerteventura, finden ihn Nathalie und ihr pubertierender Sohn Moritz. Die beiden sind auf der Flucht vor dem Stuttgarter Alltag, sie vor Scheidungs-, er vor Abnabelungsproblemen. Vater Gerard, seinerseits auf der Flucht vor dem Lokaljournalistenalltag mitten hinein in die Karrieremühle eines prestigeträchtigen, überregionalen Blattes, sitzt in seinem Frankfurter Hotelzimmer und lauert auf die Story seines Lebens. Im fernen Fuerteventura gibt Moritz, der sich nach der ungleichen Begegnung am Strand verantwortlich fühlt, Mehdi die Stuttgarter Familienadresse. Eine gut gemeinte Geste, die den Fortgang des Stückes bestimmt, in dem keiner den Erwartungen des anderen entsprechen wird. Mehdi ist nicht das verfolgte Opfer, das Gerard (André Zimmermann) für seine Story braucht, sondern nennt sich selbst einen unpolitischen Spießer. Statt dankbar zu sein, stellt er Forderungen. Ramses Bawibadi Alfa, Schauspieler aus Togo, verleiht der Rolle Glaubwürdigkeit und Authentizität. Nathalie ist keine selbstlose Mutter Theresa, sondern eine frisch geschiedene Frau, die ihr Leben neu ordnet und ihren Sohn vor Mehdis Einfluss schützen will. Katrin Schwingel gelingt es trotz schwindelerregender Szenenwechsel meisterhaft, ihrer Nathalie psychologische Tiefe zu geben. Der gegen die Umstände und seine Eltern rebellierende Moritz – in der Premiere ein wunderbar widerspenstiger Pit Bukowski – wird am Ende zum Mörder an einem dunkelhäutigen Drogendealer im Stadtpark und kehrt mit „Ich war das nicht, das war der Fremde in mir!“ die Verhältnisse von Opfer und Täter selbstgerecht um. Autorin Anne Habermehl entlässt Akteure wie Publikum in nachdenklicher Ratlosigkeit. Aber Nachdenken über Klischees, Ängste, Grenzüberschreitungen, Veränderung, Bescheidenheit ist schon mal ein Anfang – egal, ob der Kopf, der nachdenkt, schwarz ist oder weiß.
Märkische Oderzeitung , 17. März 2011, Heike Mildner

Da drüben in Afrika
Was haben wir mit Togo zu tun? Viel - vier Stücke in drei Premieren beim Berliner "theater 89"

Im Berliner "Theater 89" läuft derzeit ein besonderes Projekt. Ramsès Bawibadi Alfa aus Togo, Regisseur, Theaterleiten, Autor und Schauspieler, füllt drei Premeiren mit insgesamt vier Stücken, die in unterschiedlicher Weise mit Afrika zu tun haben. Gefragt, was ihn dazu treibt, sagt er: "Für uns ist es wichtig, daß Leute hier wissen, was bei uns passiert."
An drei Abenden hintereinander liefen vier Stücke, die mit der Begegnung zwischen Norden und Süden, wie es immer so euphemistisch heißt, also etwas klarer formuliert, zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten zu tun hatten. Diese drei Abende wurden sämtlich von der Persönlichkeit, der Wandlungsfähigkeit und der Ausdrucksfähigkeit des Ramsès Bawibadi Alfa beherrscht. Sein Spiel war alles überragend und kam tatsählich als eine Botschaft aus Togo daher. Denn was haben wir mit Togo zu tun? Viel! Deren Rohstoffe saugen wir aus, das nennt sich Wirtschaftshilfe, unseren Müll transportieren wir dorthin, das nennt sich Aufbauarbeit, das Volk halten wir still, das nennt sich Hilfe zur Demokratie, wofür sich Bawibadi Alfa beeilt zu bedanken, als sei die despotische Herrscherstruktur eine Erfindung der ureigensten afrikanischen Historie und nicht vielmehr Ausdruck wirtschaftlichen Elends im Nachklang des alten und neuen Kolonialismus.
Die Stücke leben durch ihn. Das erste, "Lupenrein" von Rafael Kohn, eine Koproduktion mit dem Theatere National Du Luxemburg, handelt von den Verstrickungen in einem Land, in dem Kinder zu Soldaten gepreßt werden (...)
Eine uns fremde Welt, die fremd geworden ist durch die Ausbeutung und Ausblutung, die Voraussetzung für das Konsumniveau ist, das dafür sorgt, daß hier keiner aufsteht und die Leute unsere Staatsform für eine Demokratie halten. Das kann nur durch Kriege geschehen, und der Waffenhandel steigert das Bruttosozialprodukt.
In "Letztes Territorium", ebenfalls von Anne Habermehl, geht es um die Begegnung einer Mittelstandsfamilie mit einem Flüchtling. Der 16-jährige Sprößling einer eben verlassenen Ehefrau freundet sich mit einem an, der im Kanaren-Urlaub an Land geschwemmt wurde, als der dann tatsächlich eines Tages vor der Tür in heimatlichen Gefilden steht, wird´s ungemütlich. Die Szenen des Ramsès sind eindrucksvoll, auch der 16-jährige ist gut gegeben, aber die Familientragödien des Kleinbürgertums werden etwas zu lang ausgebreitet.
In der dritten Vorstellung wird Antoine des Saint-Exupery in einer Doppelpremiere gegeben: "Die Wüste" und "Der kleine Prinz". In beiden Stücken geht es um einen Flieger in der Wüste, der Erlebnisse und Visionen hat. Groß auch hier die Szenen des Sklaven, der auf der Feier seiner Freilassung alle Bindung an die Welt verliert, dabei doch über sich selbst hinaus wächst und alle armen Kinder beschenkt. Beim "kleinen Prinzen" wird das Philosophisch Haluzinatorische betont, der Flieger sitzt und träumt, und dies sind seine Durstfieberträume, nicht kitschig gespielt.
junge Welt, 19./20. März, Anja Röhl



„Lupenrein“ im theater 89
Die westafrikanische Republik Sierra Leone befindet sich während der 90er Jahre im Bürgerkrieg, der sich durch den Handel mit Diamanten finanziert. Liberianische Rebellenübergriffe als Reaktion auf diverse instabile Regierungen haben Gewalt in Form von Misshandlungen, Amputationen und dem Einsatz von Kindersoldaten zur Folge. In der Koproduktion „LUPENREIN“ (Autor: Rafael Kohn) des theaters 89 und dem Théâtre National du Luxembourg geht es um den Schritt eines Ehepaares, nach Sierra Leone zu gehen, um dort medizinische und soziale Aufbauarbeit zu leisten. Ihr Sohn Klaus ist bereits seit einiger Zeit dort und lässt keinen Zweifel daran, was er über diese Entscheidung denkt. Der Krieg geht nicht um dich! Ganz klar liegt der Schwerpunkt der Inszenierung von Hans-Joachim Frank auf der Thematik der Zustände in einem Land, das im Human Development Index 2010 den 158. von 169 Plätzen einnimmt, und dem Einfluss auf die Helfer, die von außen mit höchsten Erwartungen an sich selbst und ihre Wirksamkeit in Krisenregionen kommen und feststellen müssen, dass fremder Idealismus nicht ausreicht, sondern vielmehr eine umgekehrte Veränderung mit sich bringt. Diese Fokussierung ist hier deshalb die richtige Herangehensweise, weil reale Probleme auch in der Kunst mit Respekt für die tatsächliche Drastik umgesetzt werden sollten. Ein Nebenprodukt davon besteht allerdings in der monotonen Handlung und Entwicklung der zwischenmenschlichen Konflikte. Die Bilder, die auf der tief nach hinten verlaufenden Bühne gezeichnet werden, sind mir zu starr und gleichförmig, selbst falls dies beabsichtigt und als Metapher für fehlenden Fortschritt steht. Dagegen halten jedoch der inhaltliche starke Tobak, gutes Spiel und kleine Momente, in denen mir menschliche Eitelkeiten, mit Nächstenliebe getarnt, vor Augen geführt werden. Lupenrein kann daher kaum eines der Gewissen sein. Der togolesische Theatermacher Ramsès Bawibadi Alfa betont, wie wichtig es sei, dass in Europa durch Projekte wie dieses auf derlei Geschehnisse aufmerksam gemacht wird und durch solche Verbindungen eine Sensibilisierung stattfindet. Auch der kongolesische Para Kiala sagt, es gäbe in der europäischen Vorstellung immer noch ein verschwommenes Bild von Afrika als Einheitsbrei. Die in dem vom Bürgerkrieg gebeutelten Sudan geborene Schauspielerin Rose Louis-Rudek fügt an, wie unabdingbar Unterstützung im Hinblick auf Bildung, Nahrung, Kleidung etc. aus dem Ausland ist. In Sierra Leone hat sich ab 2000 mit dem Beenden des Krieges einiges getan. So formulierte UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon im letzten Jahr in der Hauptstadt Freetown: Sierra Leone represents one of the world's most successful cases of post-conflict recovery, peacekeeping and peacebuilding. Spätestens mit Christoph Schlingensiefs Operndorf in Burkina Faso ist in der Theaterszene ein großes Interesse an der Zusammenarbeit mit afrikanischen Künstlern und Themen deutlich spürbar. Mit seinem Anspruch, von Afrika zu lernen, ist ein Fenster für besseres Verständnis und Begegnung auf Augenhöhe geöffnet worden und so wird auch diese Inszenierung weiter dazu beitragen, Wissen und Zusammenarbeit zu fördern.
www.artiberlin.de, 17.03.2011 , Ulrike Bauer


Projekt Afrika
"Letztes Territorium", ein Stück von Anne Habermehl aus einem dreiteiligen "Porjekt Afrika", erstmals 2008 in der Langen Nacht der Autoren im Hamburger Thalia-Theater und im gleichen Jahr noch auf dem Berliner Theatertreffen vorgestellt, kam am 12. März im Theater 89 in der Berliner Torstraße zur Aufführung - beeindruckend, weil es gut geschrieben und dazu höchst aktuell ist. Ein junger Afrikaner sieht sich gezwungen, vorgeben zu müssen, von Schleppern nach Deutschland eingeschleust worden zu sein, obwohl ihm in Wirklichkeit eine von ihrem Mann getrennte junge Deutsche und deren sechzehnjähriger Sohn geholfen haben, nach Stuttgart zu gelangen. Die beiden hatten ihn gerettet, als er mehr tot als lebendig an der Küste einer kanarischen Ferieninsel gestrandet war. Fortan bestimmen Mitleid und Anteilnahme die Handlungen des Sechzehnjährigen: Gegen den Willen der Mutter beherbergt er den Geretteten in ihrer Stadtwohnung, versteckt ihn später in einem Baumhaus und stiehlt für ihn, um ihn am Leben zu erhalten. Und ist wie vor den Kopf geschlagen, als dann die Mutter den Schwarzen aus schierer Verzweiflung über das Ausmaß ihrer Verstrickungen an die Behörden ausliefert und so seine Festnahme und Abschiebung einleitet. Es kommt zu einer Konfliktsituation für alle: für Mehdi, den Afrikaner, für Moritz, den Jungen, und dessen Mutter und am Ende auch für Moritz´Vater.
In der Regie von Hans-Joachim Frank überzeugen alle vier Darsteller: Katrin Schwingel als hin und her gerissene Nathalie, Pit Bukowski als hilfsbereiter, ungestümer Sohn Moritz, André Zimmermann als der um Schadensbegrenzung bemühte Vater Gerard und Ramsès Bawibadi Alfa als der getriebene und schließlich aufbegehrende Mehdi. Als dann auch Moritz gewalttätig und sogar zum Mörder wird, spitzt sich das Geschehen aufs tragischte zu. Muß das sein? Anne Habermehl hat es so erdacht und gewollt - was ihr gutes Recht ist. Das Stück hält es aus und ist sehenswert.
Ossietzky, Walter Kaufmann, März 2011

 

Pressestimmen zu
HAFTHAUS

Eine Geschichte, die frieren macht
Am Ort des Geschehens: Das Berliner "theater 89" zeigt Krolkiewiczs Erinnerungsbuch "Hafthaus" in der Lindenstraße

Es wird immer dunkler, immer kälter. Und das liegt nicht nur an dem kühlen Herbstwetter, gegen das sich die zahlreich erschienenen Zuschauer im Innenhof des ehemaligen Untersuchungsgefängnisses der DDR-Staatssicherheit in der Lindenstraße 54/55 mit den ausgeteilten Decken wappnen. Der karge Innenhof, flankiert von vergitterten Fenstern, ist an diesem Donnerstagabend erstmals zur Bühne geworden, für ein Gastspiel des "theaters 89" aus Berlin. "Hafthaus" nimmt die Zuschauer mit auf einen düsteren Trip in die DDR-Wirklichkeit. Es ist diese Reise, die frösteln lässt. Erzählt wird die Geschichte des jungen Schauspielers und Theaterregisseurs Alex Jünemann, der nach der Lesung einiger frech-kritischer Gedichte in die Fänge der Stasi gerät und ein Jahr lang durch die Hölle von Haft-Schikanen, endlosen Befragungen, haltlosen Unterstellungen, Drohungen, sinnlosem Warten, Unsicherheit und Isolation geht. Alltag in einem Unrechtsstaat. Es ist ein Schauspiel, das sich vor gut einem Vierteljahrhundert tatsächlich an diesem Ort abgespielt hat. Denn mit "Hafthaus" hat Regisseur Hans-Joachim Frank das Erinnerungsbuch des Potsdamer Regisseurs und früheren Intendanten des Hans Otto Theaters, Ralf-Günter Krolkiewicz, auf die Bühne gebracht. "Hafthaus - Ein Bericht unter Verwendung authentischer Briefe" hat Krolkiewicz sein Buch aus dem Jahr 2003 genannt. Jünemann ist darin sein Alter Ego. Neben den Erinnerungen an die Haftzeit vom 9. Juli 1984 bis zum 10. Juli 1985 in der Potsdamer Lindenstraße und danach in Cottbus dokumentiert Krolkiewicz darin den Briefwechsel mit seiner Freundin. Es ist ein distanzierter, analytischer und nüchterner Text, aus dem trotzdem all der Hass und die Liebe, die nachträglichen Zweifel und die Verzweiflung, die Krolkiewicz bis zu seinem verfrühten Tod im Jahr 2008 begleitet haben, sprechen. Mit rückblickender Distanz erzählt auch Hauptdarsteller Matthias Zahlbaum auf der Bühne die Ereignisse, ein gebeugter, gebrochener Riese. Wer Krolkiewicz noch erlebt hat, fühlt sich in Zahlbaums Mimik und Gestik an ihn erinnert. Seine Geschichte, so scheint es, hat er unzählige Male im Kopf gewälzt und von allen Seiten nach einem Sinn befragt. Vor dem Publikum als Zeugen berichtet er sie nun noch einmal, pedantisch genau, hochkonzentriert. Dabei redet er sich immer wieder in Rage, vorwärts stürmend, Schlag auf Schlag. Zeit zum Aufatmen bleibt da kaum. Katrin Schwingel als zerbrechlich-verspielte Nina - bei der Inhaftierung ihres Freundes ist sie keine 20 Jahre alt - versucht ihre Verzweiflung über die erzwungene Trennung im Tanz abzuschütteln. Johannes Achtelik und Bernhard Geffke als tumb-ungerührte Vertreter des Unrechtsstaates und Stasi-Marionetten illustrieren das Drama erschreckend realistisch. Das Bühnenbild von Anne-Kathrin Hendel beschränkt sich auf das Nötigste: ein schwarzes Podest als Pritsche, dazu ein quadratischer Tisch, Schemel, Stuhl, Papierkorb skizzieren die Szenerie, die vor dem Hintergrund der vergitterten Glasstein-Fenster in der Lindenstraße nur zu präsent ist. Besonders bewegend ist der Auftritt von Horst Westphal, bekannt aus dem Andreas-Dresen-Film "Wolke 9". In "Hafthaus" spielt er einen verwirrt-cholerischen Zellgenossen, dessen Inneres genauso abgewrackt ist wie seine äußere Erscheinung. Trotzdem wird der pensionierte NVA-Oberstleutnant und überzeugte Zyniker für Jünemann zu einer Art Freund in der Hafthaus-Hölle. Urplötzlich können die Tobsuchtsanfälle des gestrauchelten Militärs in ein konspiratives Grinsen umschlagen. "Kennen Sie den?", fragt er dann und gibt einen Honecker-Witz zum Besten, der noch dem heutigen Publikum ein befreiendes Lachen entlockt. Dass der Theaterabend mitnimmt und nachklingt, ist im Innenhof des "Lindenhotels" in vielen Gesichtern zu lesen. Der Applaus in der hereingebrochenen Herbstnacht ist herzlich und anhaltend. Nächste Vorstellung am Donnerstag, 9. September, um 19 Uhr, Lindenstraße 54/55
Potsdamer Neueste Nachrichten, 04.09.2010, Jana Haase

 

Der Ort des Verbrechens
Eindrückliche Demonstration des repressiven Umgangs des DDR-Regimes mit seinen Kritikern
POTSDAM / INNENSTADT - Für diese Aufführung brauchte es kein Bühnenbild, denn die Originalkulisse der Tragödie des Ralf-Günter Krolkiewicz ist noch vorhanden: Die vergitterten Fenster mit den Glasbausteinen dahinter, die Scheinwerfer, Kameras und schweren Tore, auch die Freigangzellen- "das Geviert maschendrahtbewehrten Himmels" - mahnen noch immer im Hof der Lindenstraße 54/55, dem einstigen Stasi-Untersuchungsgefängnis inmitten der Potsdamer Innenstadt. Im einstigen Gefängnishof wurde am Donnerstagabend "Hafthaus" vom Berliner "theater89" aufgeführt, die Bühnenfassung des gleichnamigen autobiografischen Romans von Ralf-Günter Krolkiewicz. Der 2008 verstorbene Autor erlangte Bekanntheit als Schauspieler und Intendant des Hans-Otto-Theaters, doch die 365 Tage in Haft, die im Potsdamer "Lindenhotel" begannen und im Zuchthaus Cottbus endeten, waren die prägendste Etappe seines Lebens. Diesen Eindruck vermittelt jedenfalls sein Roman "Hafthaus" (2000), der die Erlebnisse von der Verhaftung im Juli 1984 bis zum Freikauf durch die Bundesrepublik ein Jahr später anhand der Briefe zwischen ihm und seiner geliebten Nina schildert. Die Aufführung am Tatort wurde zur eindrücklichen Demonstration des repressiven Umgangs des DDR-Regimes mit seinen Kritikern. Matthias Zahlbaum, der als Alex Jünemann (das Pseudonym Krolkiewiczs im Roman) dem fünfköpfigen Ensemble vorsteht, hielt die Zuschauer zwei Stunden mit einem inneren Monolog gebannt, der immer wieder durch Szenen unterbrochen wurde. Verhöre, Häftlingsgespräche und vor allem der Dialog mit Freundin Nina anhand von Briefen, diesen "Hilfeschreien unter Aufsicht der Zensur". Der junge, frisch verliebte Schriftsteller Jünemann wird wegen Lesungen mit kritischen Gedichten "zur Klärung eines Sachverhalts" mitgenommen und inhaftiert. Anfangs begehrt er auf, doch das perverse Verhörspiel kann er nicht gewinnen. Für die Stasi war er ein Lügner, bis er "deren Wahrheit" log und glaubwürdig auf die immer gleichen Fragen nach Zielstellung und Absicht seiner Texte antwortete. Die Psychotricks, die den Schriftsteller brechen, aber zugleich auch vom Selbstmord abhalten sollten, das schwierige Verhältnis zu Nina, die unbehelligt bleibt und draußen das Leben in Sanssouci oder Budapest genießt, aber zugleich verzweifelt und auf ihn wartet - in tausend Andeutungen (und einigem Galgenhumor!) wird die Übermacht und Methodik der Staatsmacht deutlich. Ständig verschwinden die ungerührten und zynischen Wärter im Zellenblock, während Jünemann allein am Tisch zurückbleibt. Mit dem Sonnenlicht schwindet die Hoffnung. Als das Urteil (18 Monate in der "Roten Hölle" von Cottbus) fällt, ist es längst finster. Die Aufführung am Ort des Verbrechens gibt "Hafthaus" eine authentische Kulisse, die den Blick auf das Haus in der Lindenstraße im Kontext der Debatten um Aufarbeitung und Ostalgie in einer heftigen Bewegung wieder gerade rückt und sich daher ebenso für Jugendliche wie für Zeitgenossen der DDR eignet. Das exzellente Ensemble spielt das Stück ebenso in Berlin und womöglich in der JVA Cottbus. Wegen des großen Zuspruchs gibt es eine Zusatzvorstellung am 9. September, um 19 Uhr, Lindenstraße 54
Märkische Allgemeine, 04.09.2010, Peter Degener

Neue Diktatur - dieselbe Szenerie
Das Stück "Hafthaus" beleuchtet einen Fall von Dissidenten-Verfolgung in der DDR
"Lächerlich", hatte Theaterregisseur Hans-Joachim Frank noch vor drei Tagen gesagt. Nichts weiter als lächerlich seien viele der Anlässe, die in einer Diktatur zu Repressalien und Gewalt gegen Menschen führen. Zwei Theaterabende lang widmete sich das Ensemble des Theater '89 im "Haus" in Altes Lager ausführlich und ausschließlich dem Thema Diktaturen. Anders als zum Auftaktabend mit Ödön von Horváths "Jugend ohne Gott" (die MAZ berichtete), ging es am Dienstag um die DDR-Diktatur. "Hafthaus" nannte Autor und Theatermann Ralf-Günter Krolkiewicz seinen Bericht über die eigene Verhaftung und die spätere Abschiebung gegen Lösegeld in den Westen. Ein paar Verse waren Anlass, diese unmenschliche Maschinerie in Gang zu setzen. 15 Jahre später - zehn Jahre nach der Wende - schrieb Krolkiewicz, damals Intendant des Potsdamer Hans-Otto-Theaters, seine Hafterlebnisse nieder. Seinen Bericht nahm Frank als Vorlage für das Theaterstück. Aber weder die Uraufführung kürzlich in Berlin noch die Brandenburg-Premiere in Altes Lager erlebte der Autor. 2008 starb Krolkiewicz - wahrscheinlich, so Frank, an den Spätfolgen seiner Haft. Wie wenig der Regisseur Diktaturen in "schlechtere" oder "bessere" unterscheiden mag, zeigt schon die Abfolge beider Stücke. Das Szenenbild blieb passenderweise fast dasselbe. Dort, wo erst Hakenkreuzfahnen wehten, prangten nun Hammer, Zirkel und Ährenkranz. Akteur Matthias Zahlbaum als inhaftierter Dissident ließ den Zuschauer teilhaben an würgender Verzweiflung. Verhör und Prozess sind an Zynismus kaum zu überbieten. Jedem Sänger des "Es-war-nicht-alles-schlecht"-Liedes sei dieses Stück empfohlen.
MAZ, 22. April 2010, Uwe Klemens

 

"HAFTHAUS" ist ein Drama das unter die Haut geht"

Ein paar satirische Verse vor knapp zwei Dutzend Zuschauern genügen, um Alexander in die Hölle zu katapultieren. Kurz nach der Lesung steht die Stasi vor der Tür. Die Männer in Beige mit dunklen Schirmmützen durchsuchen seine Wohnung, in der sie sich bestens auszukennen scheinen, und führen ihn ab, während Alexanders Freundin Nina ihre Wut und ihren Schmerz darüber herausschreit. Nur der Auftakt zu einem ungeheuren Martyrium, denn was folgt ist die U-Haft mit Isolation, Schlafentzug, Endlosverhören, also Folter mit nur einem Zweck: den Willen des Inhaftierten zu brechen.
Selten stockte einem der Atem im Theater so sehr wie bei der Uraufführung von Ralf-G. Krolkiewiczs traumatischer Geschichte "Hafthaus" im Theater 89. Krolkiewicz war 1984 selbst wegen satirischer Texte von der Stasi verhaftet worden. Regisseur Hans-Joachim Frank und Dramaturg Jörg Mihan hanben aus dem auobiographischen Bericht eine Spielfassung entwickelt, die unter die Haut geht.
Man spürt die klaustophobisch einge Zelle, in der Alexander Seelenqualen erleidet. Matthias Zahlbaum spielt den Inhaftierten mit emotionaler Wucht. Im Hintergrund sieht man immer wieder seine Liebste Nina (Katrin Schwingel), die um eine gemeinsame Zukunft kämpft. Doch im Gefängnis ist nicht daran zu denken.
Berliner Morgenpost, 10. April 2010, Ulrike Borowsky

 

Neue Diktatur - dieselbe Szenerie
Das Stück „Hafthaus“ beleuchtet einen Fall von Dissidenten-Verfolgung in der DDR

„Lächerlich“, hatte Theaterregisseur Hans-Joachim Frank noch vor drei Tagen gesagt. Nichts weiter als lächerlich seien viele der Anlässe, die in einer Diktatur zu Repressalien und Gewalt gegen Menschen führen. Zwei Theaterabende lang widmete sich das Ensemble des Theater ’89 im „Haus“ in Altes Lager ausführlich und ausschließlich dem Thema Diktaturen. Anders als zum Auftaktabend mit Ödön von Horváths „Jugend ohne Gott“ (die MAZ berichtete), ging es am Dienstag um die DDR-Diktatur. „Hafthaus“ nannte Autor und Theatermann Ralf-Günter Krolkiewicz seinen Bericht über die eigene Verhaftung und die spätere Abschiebung gegen Lösegeld in den Westen. Ein paar Verse waren Anlass, diese unmenschliche Maschinerie in Gang zu setzen. 15 Jahre später – zehn Jahre nach der Wende – schrieb Krolkiewicz, damals Intendant des Potsdamer Hans-Otto-Theaters, seine Hafterlebnisse nieder. Seinen Bericht nahm Frank als Vorlage für das Theaterstück. Aber weder die Uraufführung kürzlich in Berlin noch die Brandenburg-Premiere in Altes Lager erlebte der Autor. 2008 starb Krolkiewicz – wahrscheinlich, so Frank, an den Spätfolgen seiner Haft. Wie wenig der Regisseur Diktaturen in „schlechtere“ oder „bessere“ unterscheiden mag, zeigt schon die Abfolge beider Stücke. Das Szenenbild blieb passenderweise fast dasselbe. Dort, wo erst Hakenkreuzfahnen wehten, prangten nun Hammer, Zirkel und Ährenkranz. Akteur Matthias Zahlbaum als inhaftierter Dissident ließ den Zuschauer teilhaben an würgender Verzweiflung. Verhör und Prozess sind an Zynismus kaum zu überbieten. Jedem Sänger des „Es-war-nicht-alles-schlecht“-Liedes sei dieses Stück empfohlen.
Uwe Klemens, MAZ, 22. April 2010

 

 

 

Theatersommer Altes Lager 2010

Zänkische Weiber - herrische Kerle

Mit aktuellen Inszenierungen und einer Uraufführung begann am Wochenende der Theatersommer Altes Lager

Vier Vorstellungen standen am ersten Theatersommer Wochenende auf dem Spielplan. Das Theater 89 zeigte am Freitag im "Haus" seine aktuellen Inszenierungen von "Jugend ohne Gott" und "Hafthaus". Beide Stücke waren im Frühjahr erstmals in Brandenburg im "Haus" gezeigt worden. Und auch diesmal waren Jugendliche im Publikum. Schüler der elften Klassen des Jüterboger Gymnasiums zum Beispiel, die von Theaterregisseur Hans-Joachim Frank am Sonnabend begrüßt wurden. Es sei wichtig, dass junge Leute solche Texte zu hören bekämen, damit das "sentimentale geschönte Bild von der DDR" gerade gerückt wird. Während Ältere im Publikum bei 30 Grad Gänsehaut bekamen, war es für die Jugendlichen nicht leicht, sich in diese Szenerie hineinzuversetzen. Wie Stephanie Clemens kennen auch ihre Mitschüler von zu Hause solche Geschichten nicht. Hauptdarsteller Matthias Zahlbaum war als von der Stasi eingesperrter Schauspieler überzeugend in dem fast zweistündigen Monolog, der nur selten von Spielszenen unterbrochen wurde. Johannes Voß und seine Mitschüler waren beeindruckt von dem Darsteller.

Wie Matthias Zahlbaum hatten auch Bernhard Geffke und Johannes Achtelik am Sonnabend nur eine kurze Verschnaufpause bis zur "Gerichtsnacht". Die hatte schon am Freitagabend Premiere. "So sieht man aus, wenn man in der Gemeinde Niedergörsdorf Theater spielt", sagte Regisseur Hans-Joachim Frank und stand dabei in kurzer Lederhose und orangefarbener Schutzweste vor dem Publikum. Die Zuschauer waren gewarnt: So skurril das Outfit der Darsteller zeigte Ulrich Bräkers Theaterstück "Die Gerichtsnacht oder Was Ihr Wollt".
"Keine Angst, so lange machen wir nicht" beschwichtigte Frank das Publikum vorab und erzählte, dass der Stoff des Stückes auch für acht Stunden Theater gereicht hätte. Sitzfleisch wurde dennoch benötigt. zweieinhalb Stunden lang entspann sich auf der Terrasse des Kulturzentrums, voll derbem Witz und deftiger Sprache die Geschichte. Gut 20 Jahre ist es her, dass der Bauernsohn und Knecht Bräker seine Gedanken zu den Alltäglichkeiten des Lebens niederschrieb. Weil Bräker selbst ein armer Mann war, gelten seine Aufzeichnungen als besonders authentisch. Auf die von Hans Joachim Frank prophezeiten Bezüge zu unserem heutigen Leben brauchte man nicht lange zu warten. Die Uneinigkeit von Frau und Mann, weibische Zänkerei und männliche Herrschsucht werden augenzwinkernd an den Pranger gestellt. In einer selbstinszenierten Gerichtsnacht macht sich der Volkszorn mit viel Gespött und fliegenden Fäusten Luft. Der Weg ist das Ziel, könnte man die Arbeitsweise nennen, in der "Die Gerichtsnacht" entstand. Die Trennung von den Leuten auf und vor der Bühne aufzuheben, ist das erklärte Zeil von Frank und Theater 89, denen die Laiendarsteller der Niedergörsdorfer "Mühlengeister", des Theaterklubs und die Frauen des Raduga Chores erneut hilfreich zur Seite stehen. Auch nach dem Verrauschen des Premieren-Applauses mochten weder Zuschauer noch Mitwirkende nach Hause gehen. Hans Joachim Frank strahlte: "Miteinander sprechen, das ist es doch eigentlich, worauf es ankommt, was leider viel zu oft, auch im Theater, vergessen wird." Bis nach Mitternacht wurde am Premierenabend davon Gebraucht gemacht.

MAZ, 5. Juli 2010, Martina Burghardt + Uwe Klemens 

 

Doppelprojekt JUGEND OHNE GOTT / HAFTHAUS


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In den Zwängen der Zeit
Sie rieben sich an ihrer Zeit, der eine wie der andere - Ödön von Horvàth, dem als "entarteten Künstler" die Bühnen Nazideutschlands versperrt blieben, wandte sich danach der Prosa zu und schrieb in wenigen Wochen den Roman "Jugend ohne Gott", in dem ein junger Lehrer zwischen die Mühlsteine gerät, nachdem er einen Schüleraufsatz kritisiert hat, in dem alle Neger als hinterlistig, feig und faul dargestellt werden. Und Ralf-Günter Krolkiewicz, Schauspieler am Hans Otto Theater Potsdam, vom Juli 1984 bis Juli 1985 wegen "staatsfeindlicher Äußerungen" in Stasi-Haft, hat neben einer beachtlichen Reihe von Theatertexten im Jahr 2008 unter Verwendung authentischer Briefe den Bericht "Haushaft" geschrieben. Aus Horvàths Roman wie aus Krolkiewicz' Bericht wurden Theaterstücke, die am Berliner Theater 89 ihre Uraufführung hatten. Die Umsetzungen beider Prosaarbeiten überzeugten, Hans Joachim Franks Regie überzeugte und auch die Leistung der Schauspieler - wobei Alexander Höchst als junger Lehrer und Matthias Zahlbaum als Stasi-Häftling besonders hervorzuheben sind. Beide hatten Textpassagen von enormer Länge zu bewältigen, mussten über nahezu zwei Stunden die Spannung halten - was sie auch schafften. Man bangte mit ihnen in ihrer Bedrängnis. Die übrigen Rollen fielen keineswegs ab: Horst Westphal als Pfarrer und Marie-Luise Frost als Eva boten in "Jugend ohne Gott" beste Schauspielkunst, was auch für Horst Westphals Darstellung eines NVA-Offiziers und Bernhard Geffkes Offizier der Staatssicherheit zu sagen wäre. Und Karin Schwingel als Nina zeigte sich als gefühlvoll und von großer Intensität. In beiden Spielfassungen sorgte die Ensembleleistung für Geschlossenheit, Dichte und Kraft. Mochte auch die Zeit von "Jugend ohne Gott" nahezu siebzig Jahre zurückliegen, es war, als träfe sie sich mit der von "Hafthaus", die uns noch in wacher Erinnerung ist. So gesehen präsentierte das Theater 89 zwei überaus sehenswerte Gegenwartsstücke über das Verhalten von Menschen in den Zwängen der Zeit. Nächste Vorstellung von "Jugend ohne Gott" im Theater 89 am 2. und 9. April. Nächste Vorstellung von "Hafthaus" am 3. und 10. April.
Neues Deutschland, 31.03.2010, Walter Kaufmann

Stiller Horror
Der Dissident und die Stasi: Das Theater 89 zeigt das Stück "Hafthaus" von Ralf-Günter Krolkiewicz - seine eigene Geschichte
Es beginnt ohne Aufhebens, wie nebenbei, freundlich fast. Aber gerade deshalb ist der zur "Klärung eines Sachverhalts" von der DDR-Staatssicherheit aus der Wohnung geholte Schauspieler von einem Moment zum anderen nicht mehr er selbst. Er wird aus seinem Leben herausfallen. Fortan gehört er den "Vernehmern", und die richten ihn so lange zu, bis er sich fügt und streng nach Vorschrift verurteilt werden kann. Aber der Mann, angeklagt wegen öffentlich vorgetragener subversiver Texte, hat eine Freundin, die ihm beisteht - ein Briefwechsel baut die Brücke nach "draußen". Und er kommt hinter Gitter zu einer Zeit, da die devisenhungrige DDR ihre "Feinde" gern in die Freiheit verkaufte. Das rettet ihn. Ralf-Günter Krolkiewicz (1955 - 2008) hat diese Geschichte, es ist seine eigene, in "Hafthaus" aufgeschrieben. Ein ruhiger Bericht, der das Monströse der widerwärtigen Verfolgung selbstständig Denkender unaufgeregt zur Kenntnis bringt, als böse banale Alltäglichkeit. Um Menschen zu brechen, genügt der Staatsmacht lauernde Biederkeit, die stets im Verborgenen bleibt, unangreifbar. Schacher mit Menschen, Brechen von Individualitäten - ein geschäftsmäßiger Vorgang. Für das Theater 89 in der Torstraße hat Hans-Jochim Frank eine Spielfassung erarbeitet, die einen aufrührend normalen Ton beibehält, Effekte scheut, Leidenschaften nur selten hervorbrechen lässt. Das zwingt zu einer intimen Auseinandersetzung mit dem Ungeheuerlichen. Matthias Zahlbaum spielt den unter Anklage stehenden Schauspieler, grüblerisch, zumeist mit verschränkten Armen am Tisch sitzend. Das ist einer, der sich mit seinen Gedanken martert, nicht begreifen kann, was geschieht. Konzentriert, zurückhaltend wie dieser Nicht-Held fügen sich die anderen Darsteller in die Geschichte, behutsam und verstörend zugleich. Einem "Leben des Elends und der Widersprüche" geht das großen Fragen der Zeit verpflichtete kleine Theater auch in einer zweiten neuen Produktion auf den Grund, einer Bearbeitung des Romans "Jugend ohne Gott", wieder unter Regie von Hans-Joachim Frank.
Wieder am 3., 10., 17. und 24. April
Tagesspiegel, 29.03.2010, Christoph Funke

 

JUGEND OHNE GOTT - Anatomie einer seelischen Verwahrlosung

Zu gern würde der Lehrer die abfälligen Bemerkungen über "die faulen Neger" bemängelnd anstreichen, die der Schüler in seiner Arbeit gemacht hat. Aber er ist Opportunist und seine Pension ist ihm heilig. Also beugt er sich der vorherrschenden Meinung und rügt nur mündlich. Doch auch damit bringt er die Klasse und viele Eltern gegen sich auf. Indoktriniert von der NS-Propaganda begrüßen die auch das vormilitärische Ferienlager für die 14-Jährigen. Der Lehrer muss mit und begegnet dort seinem Glauben wieder. Die alte christlich-humanistische Moral unterliegt der neuen nationalsozialistischen Ordnung. Ödön von Horváth hat diesen geistigen Verfall 1937 bitterböse in seinem Roman "Jugend ohne Gott" seziert. Vom Theater 89 für die Bühne adaptiert, hat Regisseur Hans-Joachim Frank die bemerkenswerte Anatomie seelischer Verwahrlosung eindringlich, lakonisch und spannend inszeniert. Die Inszenierung ist Teil eines Doppelprojektes. Wie auch "Hafthaus" zeigt "Jugend ohne Gott" den Umgang mit Diktaturen. Dabei wird der Nazi-Terror selbst kaum mit einem Wort erwähnt. Die bedrohliche schwarz-rot-weiße NS-Optik genügt als Symbol allgegenwärtigen Schreckens. Eingeschüchtert verfängt sich der Lehrer immer mehr in seiner eigenen Zerrissenheit und Paranoia. Grandios, wie Alexander Höchst als Ich-Erzähler dabei das Innerste nach außen stülpt. Berliner Morgenpost, 31. März 2010, Ulrike Borowsky

 

Gastspiel INDUSTRIELANDSCHAFT MIT EINZELHÄNDLERN

Don Quixote in der Drogerie
Das Theater 89 Berlin zeigt „Industrielandschaft mit Einzelhändler“ im Bahnhof Fischbach


Am Ende wirkt der Drogist (Bernhard Geffke) noch verlorener als Willy Loman, Arthur Millers Protagonist aus „Tod eines Handlungsreisenden“. Denn Loman nimmt sich schließlich zwar das Leben, er hilft damit aber zugleich seiner Familie aus dem Ruin, weil er den Suizid wie einen Unfall aussehen lässt und daher seine Lebensversicherung zahlt. Loman hat den amerikanischen Traum vom sozialen Aufstieg geträumt, hat dabei versagt, im Tod letzten Endes aber seine Würde bewahrt. Den Drogisten dagegen würde auch dieser letzte Schritt nicht retten – seine Ideale vom freien Unternehmertum liegen in Scherben, die Drogerie ist pleite, Supermärkte und Ladenketten haben ihr den Rang abgelaufen. Mit 47 Jahren ist der Drogist am Ende. Apathisch setzt er sich neben seine Frau, den doch nicht gebrauchten Strick in der Hand, im Wissen, dass der Rest seines Lebens eine Qual werden wird. Ebenso wie Millers Handlungsreisender wirkt der Drogist aus Egon Monks Erzählung „Industrielandschaft mit Einzelhändler“ wie eine moderne Mythenfigur. Die kapitalistischen Wirtschaftssysteme haben beide hervorgebracht, und die Vernetzung der Ökonomie zum Weltkapitalismus sorgt dafür, dass sie nur noch aktueller geworden sind. Zuletzt konnte man Willy Loman aus der Schublade holen, als die Blase des Neuen Markts geplatzt ist. Jetzt, wo die Finanzkrise Existenzen bedroht, kann man neuerdings außerdem zum Drogisten greifen. Zu verdanken ist das dem Theater 89 Berlin und seinem Regisseur Hans-Joachim Frank. Er hat die nie veröffentlichte, gut 40 Jahre alte Erzählung des vor drei Jahren verstorbenen Regisseurs Egon Monk in dessen privatem Archiv gesichtet und zum Stück aufbereitet.
Glücklicherweise wird der Text dabei nicht vergewaltigt: Die Schauspieler bewahren die überhöhte Sachlichkeit von Monks Sprache; es ist eine altmodische Sprache, eine Kathedersprache – sie ist belehrend, sie doziert, und wer in ihr spricht, beugt sich zugleich unter sie, wie unter das Evangelium, dessen Wahrheit mit jedem Ereignis nur noch bestätigt wird. Das Evangelium des Drogisten ist das von Angebot und Nachfrage, seine Götter sind die Wirtschaftsmogule, und wie der Gott des Christentums verharren sie in erhabener Ungreifbarkeit. Bernhard Geffke spielt den Drogisten als Schlauberger der Selbstüberlistung, als ideologiegesteuerten Musterschüler der Marktwirtschaft, der sich in Einklang mit dem großen Strom des Systems glaubt – und am Ende doch unter die Räder kommt. „Maschinen“ nennt der Drogist die großen Supermärkte und Discounter verachtungsvoll, mit deren Sortiment er nicht mithalten kann, und doch war er lange stolz darauf, selbst ebenfalls eine Maschine zu sein – mit der Stoppuhr lief er durch Gänge, jede Bewegung rationalisierend, die notwendig ist, einen Kunden zu bedienen. Für den Unternehmer, der zur Umsatzoptimierungsmaschine werden muss, ist der Kunde zugleich ein Gegner, den es in seinen Wünschen auszuspionieren, mit Freundlichkeit in die Knie zu zwingen gilt. Die Zuvorkommenheit des Verkäufers ist getarnte Aggression, und immer wieder stimmt Posaunist Jörg Huke Marschmusik an. Der Chor, der zugleich den Erzähler ersetzt, singt dazu Zackiges. Strömt die Kundschaft dennoch nicht, wird der verhüllte Kriegszustand offensichtlich: „Brüllend werde ich mich auch euch stürzen, packen, würgen, an den Haaren zur Ware schleifen“, phantasiert der verzweifelte Drogist, doch es ist aussichtslos: Als Don Quixote des Industriezeitalters kämpft er gegen Windmühlen, sinnbildlich als moderne Windkraftanlagen aufs unterkühlte Bühnenbild gepinselt. Milde ist ansonsten das gelbstichige Bühnenlicht, das auf den Drogisten fällt, und diese Milde ist eine weitere Grausamkeit, denn so weich vergilbt wird nur das bereits zu Lebzeiten Überkommene illuminiert. Einziges Manko der Inszenierung: die oft schlechte Verständlichkeit der gesungenen Texte, wie überhaupt der starke Einbezug von Musik, die auf Dauer zu monoton wirkt; da hat der sperrige Text die karge Melodie diktiert. Da Egon Monk mit Brecht am Berliner Ensemble arbeitete, ist das wohl eine Reminiszenz an Brechts Musiktheater, allerdings keine mit zwingender Wirkung.

 

mein taubentraum

Das Schweigen meines Mannes "mein taubentraum":
Das Theater 89 hält Ralf-Günter Krolkiewicz die Treue
Das Theater 89 hält dem letztes Jahr in Thailand verstorbenen Dichter und Theatermacher Ralf-Günter Krolkiewicz die Treue. Nach den vorangegangenen Inszenierungen von "sonst is alles wie immer" und "Herbertshof" hat es nun das "drama für die stimme meiner mutter", "mein taubentraum" zur Uraufführung gebracht. Es basiert auf Krolkiewicz' Aufzeichnungen, die er 1984/85 in Stasi-Haft machte, ehe er in die BRD abgeschoben wurde. Eine alte Frau, Lene mit Namen, benützt die Anwesenheit eines anonym bleibenden Arztes, um sich in einem Endlosmonolog mit ihrem Mann Karl auseinanderzusetzen, der sich seit zehn Jahren weigert zu sprechen, absolut verstummt ist und vor sich hinschweigt. Aus ihren Klagen, Vorwürfen, Liebesbekundungen, Erinnerungen geht hervor, dass der Mann in der Tradition eines bewussten Antifaschismus aufwuchs, Musterabsolvent des "Roten Klosters", der Kaderschmiede der SED, war, eine steile Parteikarriere machte, aber ebenso wieder fiel, als sich sein Sohn Robert in Spottversen über die sozialistische Staatsmacht äußerte. Auch seine Lossagung vom Sohn konnte die Degradierung nicht aufhalten. Lene hat es mit allen Mitteln versucht, ihn aus diesem Schweigen zu befreien. Erst ihre Drohung, zu ihrer Tochter zu ziehen, veranlasst ihn, erst schriftlich, dann schließlich durch Wiederreden kundzutun, dass er aus Scham über sich selbst und Liebe zu ihr geschwiegen habe. Wie Christine Gloger (unter der Regie von Hans-Joachim Frank) diesen Riesenmonolog meistert, ist bewundernswert. Sie sitzt grau in grau in dem in rötliches Licht getauchten Langgehäuse, das wie eine wattierte Gummizelle wirkt (Bühnenbild Klaus Nock), in deren Hintergrund Karl hockt, und lässt mit ihren Erinnerungen, Begründungen, Vorhaltungen, mit vielfältigen Nuancen in Stimme und Gestik, die traurige Lebensgeschichte, die mit deutscher (Teil-) Geschichte zusammenfällt, lebendig werden. Bernhard Geffke bringt als Karl so viel nuancierte Verstörtheit zu Gestalt und Ausdruck, dass sie überzeugend wirkt. Lebensbrüche finden zu einer peinigenden Anschaulichkeit, zu Lebenswahrheit. Johannes Achtelik übernimmt als Arzt hinter einer Gesichtsmaske auch die Rolle des Sohnes in Haft und Abschiebung. Jörg Huke bringt mit Posaune assoziative Zäsuren ins Spiel. Der Abend fügt sich erstaunlich konform in die medial betriebene Totalverwerfung des vor zwei Jahrzehnten untergegangenen deutschen Zweitstaates.

Berliner Zeitung, 19.10.2009, Ernst Schumacher


Reden lassen: „Mein Taubentraum“ im Theater 89
Karl ist mal ein Kerl gewesen. Einer mit Macht und agitatorischem Furor, ein Besser- und Alleswisser. Jetzt, da es seinen Staat nicht mehr gibt, schweigt er. Seit zehn Jahren schon. Nur Lene redet noch, seine Frau. Ralf-Günter Krolkiewicz entwirft in „Mein Taubentraum“ das Charakterbild eines Menschen, der von eingebildeten Höhen abgestürzt ist, ins Gewöhnliche, Kleinliche, Feige. Oder war er schon immer so? Lene spürt in einem Monolog diesem Menschen nach, mit dem sie seit 50 Jahren zusammenlebt. „Drama für die Stimme meiner Mutter“ nennt der 2008 verstorbene Schauspieler, Regisseur und Autor Krolkiewicz seinen Text im Untertitel und verweist damit auf die autobiografischen Bezüge einer Lebensbilanz. Das ungeduldige Forschen und Drängen der Lene ist im Alltäglichen verwurzelt wie in einem träumerischen Bereich. Und Karl, der aus jeder Bedeutung gefallene SED-Funktionär, gesteht nach dem Tod Lenes, endlich: „Schuld wird nur leicht, wenn wir sie leben.“ Im theater 89 hat Hans-Joachim Frank den poetisch durchglühten Text hochkonzentriert auf die Bühne gebracht und ihn zugleich ins irritierend Geheimnisvolle gesteigert. Die Bühne von Klaus Noack gleicht einer rotausgeschlagenen, sich nach hinten verjüngenden, ins Dunkle mündenden Camera obscura. Neben der Lene der Christine Gloger agieren in diesem flüchtigen Raum Bernhard Geffke (Karl) und Johannes Achtelik (Arzt) als reale und nur vorgestellte Figuren. In den Stücktext sind Fragmente aus dem Bericht „Hafthaus“ von Krolkiewicz eingefügt. Christine Glogers Vortrag, äußerlich ruhig, offenbart die Leiden einer zurückgesetzten Frau in bedrängender Weise, jedes Wort lebt, in jedem Satz stecken Entbehrung – und Größe. Jörg Huke begleitet den großen Versuch des Fragens mit der Posaune, nachdenklich.
Der Tagesspiegel, 12.10.2009, Christoph Funke

Anatomie eines Verstummens
Mein Taubentraum von Ralf-G.Krolkiewicz im Theater 89

Einmal mehr hat das kleine Theater an der Berliner Torstraße einen Text als Uraufführung zum Leben erweckt, der zunächst mehr reflektierende Prosa ist als bühnenwirksam dramatische Szenenfolge. Regisseur Hans-Joachim Frank und Dramaturg Jörg Mihan haben gleichwohl die verfügbaren Elemente mit Geschick kombiniert, und das Bühnenbild von Klaus Noack tut ein übriges, eine durchaus faszinierende Atmosphäre herzustellen. Zwei Texte des 2008 verstorbenen Autors werden miteinander verwoben und zueinander in Beziehung gesetzt. Der Zuschauer blickt in einen zum Bühnenhintergrund perspektivisch zulaufenden Trichterschlund, dessen Wände im Vordergrund lebensnah blutrot gefärbt sind und nach hinten in eintönigem Grau enden: eine Metapher für den Lebenslauf, von dem hier die Rede ist. Karl hat seit zehn Jahren kein Wort mehr mit seiner Frau Lene gesprochen, die nun vom Arzt als stummem Zuhörer die Untersuchung und Aufklärung dieses sonderbaren Verhaltens einfordert. Lene ist Christine Gloger, und dieser fesselnden Schauspielerin gehört der Abend. Wie sie in bewunderungswürdiger Verknüpfung von Gedächtnisleistung und Bühnenpräsenz diese anderthalbstündige Aufarbeitung der Hintergründe des Schweigens von Karl vornimmt, ist eine fabelhafte Leistung. Denn das Verstummen wurzelt nicht nur im Verhältnis der beiden Partner, sondern auch im Entwicklungsgang ihrer Heimat DDR, der hier ungemein plastisch, aber durchaus plausibel und ohne falsche Töne nachgezeichnet wird. Von den vielen Versuchen, den Niedergang des Staates samt den Rückwirkungen auf seine Menschen vorzuführen, ist dieser hier wirklich gelungen. Der Arzt Johannes Achtelik mit kalkweißem Maskenschädel liefert als inneren Monolog auch noch Textpassagen aus "Hafthaus" vom selben Autor - Momentaufnahmen eines Dissidentenschicksals. Der schweigsame Karl (Bernhard Geffke) darf am Ende doch noch zu Worte kommen, und Jörg Huke liefert mit sensibler Posaune die musikalischen Interpunktionen. Insgesamt eine überzeugende Analyse einer seelischen Auszehrung, die ins Verstummen mündet.
www.nachtkrititk.de, 10.10.2009, Horst Rödiger

Familiendrama über die Willkür der Stasi Dienstag, 20. Oktober 2009 07:19 Seit zehn Jahren wartet Lene darauf, dass ihr Mann Karl wieder redet. Ihre letzte Hoffnung ist ein Arzt. Lene erzählt ihm von ihrem Leben, von der quälenden Frage nach dem Warum und von der Wut, die immer wieder in ihr hochkocht. Langsam schält sich dabei eine Familientragödie heraus, die in den Tagen der DDR begann und ihren Höhepunkt fand, als die Stasi Sohn Robert wegen satirischer Spottgedichte verhaftete. Der 2008 verstorbene Ex-Intendant des Hans Otto Theaters, Ralf-Günter Krolkiewicz, war 1984 selbst wegen satirischer Texte von der Stasi verhaftet worden und hat darüber in seinem autobiographischen Bericht "Hafthaus" geschrieben. Sein Stück "Mein Taubentraum", das nun im Theater 89 uraufgeführt wurde, greift das Thema aus Sicht der Familie auf.
Berliner Morgenpost, 20.Oktober 2009, Ulrike Borowczyk

 

3-Fach Projekt / 20 Jahre theater 89

20 Jahre theater 89 ...das sind 20 Jahre Konzeptionstheater, Entdeckung neuer Dramatiker und auch 20 Jahre politisches Theater; jetzt: Dirk Lauckes "alter ford escort dunkelblau" und "wir sind immer oben", Theaterstücke, die die gesellschaftlichen Schmerzstellen angehen. Weiter so und Glückwunsch!
Zitty 4/2009, Axel Schalk

Endstation Frohe Zukunft - Den Finger in der Wendewunde:
Das Theater 89 wird zwanzig Jahre alt!
Drei Premieren hintereinander an drei Abenden zeigte das Theater 89 in dem Plattenbau in der Torstraße in Mitte, Hofeingang, zwei Treppen. Die Spielstätte, eine Art Zwischendeck aus schwarz gestrichenem Beton, hat sich in den zwanzig Jahren, seit eine junge Truppe um den Schauspieler Hans-Joachim Frank aus dem stagnierenden Staatstheater Berliner Ensemble der Vorwendezeit auszog, weil sie unabhängiges, lebendigeres Theater machen wollte, kaum verändert. 75 Produktionen, davon 29 Uraufführungen und 16 Stückentwicklungen kamen seit Gründung heraus. Es gab in Berlin, in der zweiten Spielstätte Altes Lager bei Jüterbog, auf Gastspielen in Brandenburg und anderen Bundesländern 2 000 Vorstellungen vor mehr als 100 000 Zuschauern. Auch die Truppe, die im Kern immer noch zusammen ist, spielt, indem sie mit lebendigen, politisch engagierten Inszenierungen die wirtschaftliche Misere überspielt, da die paar Kröten Subventionen hinten und vorn für anständige Gagen und reiche Bühnenbilder nicht reichen. Die Bühne ist mit hohem Anspruch und mit Selbstausbeutung erfolgreich, und dieses erste und letzte freie Theater der DDR gibt arbeitslosen Jugendlichen, Versagern und Möchtegerns aus Plattenbauvierteln, die es in der Nachwendegesellschaft zu nichts bringen, für die in der Medienwelt das nur die Besitzenden tröstende, verschleiernde Wort Prekariat aufkam, eine Stimme. Gescheiterte Existenzen, die in verfallenden Plattensilos am Stadtrand ihre soziale Misere mit Alkohol, Drogen und krummen Geschäften betäuben, standen im Mittelpunkt von zwei der drei Jubiläumsinszenierungen.
Das Theater 89 führte am Wochenende zwei Stücke des 27-jährigen Dramatikers Dirk Laucke auf. Er schreibt in seinen kurzen Stücken lakonische und spröde Sätze, und wir setzten große Hoffnungen auf ihn, dass er ein großes Stück schreiben wird, das mehr als genaue Beobachtung ist. In "alter ford escort dunkelblau" geht es um drei junge Kerle, die Bierkisten stapeln im Getränkelager im Mansfelder Land. Sie sind Leiharbeiter. Fester Job weg, Ehe weg, Zukunft weg. Eines Morgens kacheln die Drei im alten Ford einfach los, der Freiheit zu, mit Vollgas. Im Ford dröhnt AC/CD "Highway to hell". Das Aufwachen aus dem Sufftraum von Freiheit wird furchtbar sein. Wo sollen sie hin, diese schnapsseligen, rührseligen, heimatseligen Typen, die alles nur immer schlimmer machen und sich selber nicht helfen können? Auch in "Wir sind immer oben" erzählt Dirk Laucke von kleinen Leuten aus der DDR, die in wenig aussichtsreicher Lage um ein bisschen Glück kämpfen. Selbstständig ist nur ein anderes Wort für arbeitslos: Sven will einen CD-Laden eröffnen, aber er hat einen Stein auf einen Skinhead geworfen, der daran stirbt. Und als seine Mutter in verzweifelter Wut den Laden zerstört, steht Sven vor der Wahl: Weggehen oder bleiben in der Hoffnungslosigkeit? Sven kommt nicht weg. Im Westen ist er für die Leute nur Luft, sagt er. Svens Vater will den Kopf auf die Straßenbahnschienen legen. Die Endstation der Linie 1 heißt Frohe Zukunft. Das dritte Stück ist eine Ausgrabung, die am epischen Theater Brechts geschulte Szenenfolge "Industrielandschaft mit Einzelhändlern", die der Brecht-Schüler Egon Monk 1970 schrieb und danach einen Fernsehfilm drehte. Vielleicht so etwas wie "Furcht und Elend des vierten Halbreiches". Hauptfigur ist ein Kriegsheimkehrer, der der 1949 "eingeführten Demokratie vorurteilslos entgegentrat", eine Drogerie eröffnete und sie zwanzig Jahre im "fairen Wettbewerb" mit Warenhäusern und Drogerieketten führte. Er unterliegt im Konkurrenzkampf. Seine Erkenntnis: Es herrscht Chancengleichheit auf dem Markt, nur sind die Konzerne leider groß und sein Laden ist leider klein. Dass die Denkschablone etwas in die Jahre gekommen ist, war leider der Aufführung anzumerken. Regie führte in alle drei Inszenierungen Hans-Joachim Frank. Neben den Schauspielern des Ensembles spielten Studenten der privaten Berliner Schule für Schauspiel.
Berliner Zeitung, 03.02.2009, Detlef Friedrich

Verlierer auf dem Weg nach Legoland Dienstag, Der Motor röchelt, der Auspuff klappert, doch der krachende AC/DC-Sound wummert immer noch so laut aus den Boxen, als sollte damit eine riesige Rock'n'Roll-Arena beschallt werden. Die Metaller aus Down Under sind der einzige Halt, der Schorse geblieben ist. In seiner Jugend als Freizeit-Gitarrist von Teenies angehimmelt, ist er heute schlecht bezahlter Zeitarbeiter in einem Getränkelager, dauerpleite und von seiner Frau Karin vor die Tür gesetzt. Seine Zukunft sieht düster aus. Hier im Mansfelder Land am Rande von Sachsen-Anhalt ist der wirtschaftliche Aufschwung nie angekommen. Statt blühender Landschaften herrscht triste Einöde. Obwohl mit Anfang Zwanzig gerade mal halb so alt wie Schorse (Alexander Höchst), haben auch seine Kollegen Paul (Matthias Hinz) und Boxer (Jörg Gahr) längst jede Hoffnung auf ein besseres Leben begraben. Tagein, tagaus fährt das traurige Verlierertrüppchen gemeinsam zur Arbeit. Ein Silberstreif am Horizont funkelt ausgerechnet in dem Augenblick auf, als Schorse sich gegen den Willen seiner Ex seinen Sohn Philipp schnappt und die Fahrgemeinschaft aus gewohnten Bahnen ausbricht. Schorse will Klein-Philipp endlich mal was bieten: Legoland. Zu den unvermeidlich dröhnenden Klängen von "Highway to hell" brettern die vier gen Norden. Die Figuren sind gefangen zwischen Sehnsucht und Hoffnungslosigkeit. Wie sich die drei Loser aufreiben, wie sie an ihrer Misere kranken und sich in rotzigem Ton anschreien, bis ihnen die Luft ausgeht, weil sie nichts anderes als Wut und Hass kennen, das zeigt Hans-Joachim Frank im Theater 89. Er hat Dirk Lauckes mit dem Kleist-Förderpreis ausgezeichnetes Bühnen-Roadmovie "alter ford escort dunkelblau" in rasanten Szenenfolgen mit einer eindringlichen Bildsprache inszeniert. Das ist der Auftakt von drei Premieren zum 20-jährigen Jubiläum in Koproduktion mit der Berliner Schule für Schauspiel: Zwei Berliner Erstaufführungen sowie die Uraufführung von Egon Monks "Industrielandschaft mit Einzelhändlern" an drei aufeinanderfolgenden Tagen stellen eindrucksvoll unter Beweis, warum das kleine 99-Plätze-Haus ganz oben mitspielt. Im Mai 1989 von Hans-Joachim Frank gegründet, um in der DDR frei von den Zwängen des Staatstheaters arbeiten zu können, ist die Bühne längst eine der ersten Adressen des Autoren-Theaters. Vielfach preisgekrönt, darunter 1999 der Dramatikerpreis der renommierten Mühlheimer Theatertage und 2000 der Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost, haben der künstlerische Leiter Frank und Dramaturg Jörg Mihan nicht nur fast vergessene Stücke und Dramatiker, sondern auch immer wieder junge Autoren entdeckt, die sich mit der DDR-Geschichte und der deutschen Vergangenheit auseinander setzen. Wie der 26-jährige Shootingstar Dirk Laucke, ein ehemaliger Schüler von Hans-Joachim Frank, der einmal im Jahr an der Universität der Künste Szenisches Schreiben unterrichtet. Auch die zweite, von Frank inszenierte Premiere stammt aus Lauckes Feder: "Wir sind immer oben". Wild, sozialrealistisch, laut und mit lakonisch-tragikomischen Dialogen steht die Freundschaft zwischen Sven (Christoph Drobig) und Stamm (Johannes Keusch) im Mittelpunkt, die in einer Gartenlaube einen Plattenladen eröffnen wollen. Doch Sven hat bei einer Schlägerei einen "Fascho" tödlich verletzt und diese Vergangenheit holt ihn ein. Wieder einmal endet die Zukunft bei Laucke, bevor sie angefangen hat.
Berliner Morgenpost, 03.02.2009, Ulrike Borowczyk

Geschichten über Gescheiterte- Stücke eines KleistPreisträgers Seit 20 Jahren entdeckt das Theater 89 in Berlin-Mitte mit jungen Schauspielern besondere Stücke für die Bühne. Zum Auftakt des Jubiläumsjahres hatten am Wochenende zwei Arbeiten des 26- jährigen Dramatikers Dirk Laucke Premiere: Am Freitag "alter ford escort dunkelblau", für das Laucke 2006 mit dem Kleist-Förderpreis für junge Dramatiker ausgezeichnet wurde, am Sonnabend "Wir sind immer oben". In "alter ford escort dunkelblau" verdienen drei Verlierer-Typen ihren kümmerlichen Unterhalt als Zeitarbeiter in einem Getränkehandel und vertrinken an Wochenenden gleich wieder alles. Unablässig träumen die drei davon, aus ihrem tristen Alltag im Plattenbau auszubrechen. Einer von ihnen, Schorse (Alexander Höchst), will unbedingt seinem Sohn Phillip (Leonhard Geffke) Legoland in Dänemark zeigen. Da ihm das Sorgerecht entzogen wurde, entführt er den Jungen kurzerhand mit seinen beiden Kumpels Paul (Matthias Hinz) und dem ruppigen Skinhead Boxer (Jörg Gahr). Die Gruppe kommt nicht weit auf dem Weg ins Legoland. Von Alkohol und AC/DC-Gitarrenriffs umnebelt, überfordert mit dem Kind, scheitern die drei vor allem an sich selbst. Um Gescheiterte geht es auch in "Wir sind immer oben". Die beiden Punks Sven (Christoph Drobig) und Stamm (Johannes Keusch) wollen einen Plattenladen in der Gartenlaube von Svens Mutter Tine (Angelika Perdelwitz) eröffnen. Sven verliebt sich in die aufstrebende Zeitungs-Volontärin Corinna (Melissa Anna Schmidt), die mit ihrer Karriere doch nicht glücklich wird und kündigt. "Kapitalismus ist wie freie Liebe in den Zeiten von HIV" kommentiert sie das allgegenwärtige Misstrauen. Alles scheint einen guten Lauf zu nehmen, da entdeckt Tine, dass ihr Ex und Svens Vater Tilo (Johannes Achtelik) Unterschlupf in der Laube gefunden haben. Einer Furie gleich zertrümmert sie den Laden. Dann erfährt Sven, dass er versehentlich auf einer Demonstration einen Neonazi per Steinwurf getötet hat. Am Ende sitzt die Gruppe auf der das Bühnenbild bestimmenden alten Hollywood-Schaukel und arrangiert sich mit dem gemeinsamen Elend, allein Corinna sucht das Weite. Regie führt in beiden Stücken der künstlerische Leiter des Theaters 89, Hans-Joachim Frank. Das Ensemble besteht zum Großteil aus Studenten der privaten Berliner Schule für Schauspiel. In "Wir sind immer oben" kommentieren wechselnde Erzähler, die für kurze Momente aus ihrer Rolle herausfallen, das Geschehen für den Zuschauer. Durch videoclipartiges Spiel der Akteure werden komplexe Abläufe kurz angedeutet. In "alter ford escort dunkelblau" erhalten einzelne Charaktere im Wechsel die Gelegenheit, ihre Gedanken zu äußern, während der Rest der Szenerie gefriert. Effektive Kunstgriffe sind das, mit denen die mühsame Arbeit der Figurenzeichnung bewältigt wird. Laucke benötigt diese Hilfsmittel, wo die Dialogführung an ihre Grenzen stößt. Dennoch entstanden treffende Milieustudien. In beiden Stücken artikulieren die Antihelden schnoddrig ihre Wut. Ihre traurigen Gestalten erscheinen nie überhöht, sondern sehr realistisch.
Märkische Oderzeitung, 02.02.2009, Boris Kruse

 

INDUSTRIELANDSCHAFT MIT EINZELHÄNDLERN
– Hans-Joachim Frank bringt Egon Monk zur Uraufführung
Kleiner Mann, das nun!!
Dieser Einzelhändler ist keiner, der den herrschenden Ansichten widerspricht, sondern ein Einverstandener. Doch obwohl er, "nachdem er aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt, inzwischen eingeführter Demokratie vorurteilslos gegenübergetreten" war und, "da sie sich wenig später auch geschäftlich bewährt hatte, zu ihren Befürwortern" zählte, verliert er nach 21 Jahren sein Drogeriegeschäft. Der tüchtige Drogist aus Egon Monks auch verfilmter Erzählung "Industrielandschaft mit Einzelhändlern" aus dem Jahr 1970 scheitert gerade deshalb, weil er sich ganz an die Regeln eines Wirtschaftssystems hält, das ihm Wohlstand durch Selbständigkeit verspricht. Die Erzählung des vor zwei Jahren verstorbenen Egon Monk, erster Schüler und Mitarbeiter Brechts am Berliner Ensemble bis 1953, später in Westdeutschland ein Begründer des politischen Fernsehspiels, besitzt als analytische Beschreibung vom Aufstieg und Fall eines Einzelhändlers in den Wirtschaftswunderjahren nach dem Kriege eine erstaunliche Aktualität. Monks Drogist wird zum Opfer von Konzentration und Globalisierung. Er vermag gegen ein von Handelsketten und Großmärkten bestimmtes und befriedigtes Konsumverhalten nicht mehr zu bestehen und muss, nachdem ihm die Bank keinen Kredit mehr gibt, als Selbstständiger aufgeben. Dabei erkennt er: Wenn Amerika einen Schnupfen hat, bekommt Europa Lungenentzündung. Spielerisch brechtianisch Das Ganze: Ein toller Text, aber ein schwieriger Text für das Theater, geschrieben als erlebte Rede des Drogisten. Dass das theater 89 ihn in Monks Nachlass ausgegraben und am Ende eines dreitägigen Premierenreigens (beginnend mit zwei Stücken von Dirk Laucke) zur Feier des eigenen 20. Geburtstags vorgestellt hat, beweist einmal mehr den Rang dieses freien Theaters als politisch waches Autorentheater Berlins. Der kühne Versuch, diesen vor allem Denkprozesse statt szenischer Ereignisse beschreibenden Text auf die Bühne zu bringen, wird von erstaunlichem Erfolg gekrönt. Weil Regisseur Hans-Joachim Frank ihn in Bewegung zu bringen versteht, ohne ihn szenisch allzu sehr zu befrachten, und weil er mit Bernhard Geffke einen Hauptdarsteller besitzt, der die Selbstreflexion und den marktwirtschaftlichen Diskurs des Drogisten sozusagen spielerisch brechtianisch vorführt. Sein Drogist erscheint nicht als das kleine Opfer der Verhältnisse, wie wir es von Fallada kennen, sondern wird als ein selbst im Niedergang energischer, bis zum voraussehbaren Scheitern selbstbewusster kleiner Mann gezeigt. Optimierung von urkomischer Traurigkeit Wunderbar, wie Geffke den Versuch des Drogisten spielt, seine Situation im wissenschaftlichen Selbstversuch zu verstehen und zu meistern. Gegen die Stoppuhr in der Hand seiner Frau versucht er, jede Arbeitsbewegung, jede lächelnde Hinwendung zum Kunden tayloristisch zu optimieren. Dabei macht er sich zum Arbeitsautomaten, der er eigentlich längst ist. Und wie er ein Schema des Handelns für sich entwirft, mit Selbstkritik, mit Aktivierung des Betriebs, mit Studium des Weltmarkts und mit faktenorientierter Planung über Einkauf, Angebot und Nachfrage, das strahlt urkomische Traurigkeit aus. Eingebettet in den summenden Einverständnisgesang eines gesellschaftlichen Chores mit sich selbst tritt dieser Drogist als Einzelkämpfer auf und schließlich auch ab. Zwei Kommentatorinnen in schwarzem, aufreizenden Show-Outfit geleiten uns mit moritathafen Kommentaren und gesungenen Erklärungen durch den Abend. Bianca Baalhorn und Sara Victoria Sukarie vermögen dabei ihre oft komplizierten Texte so überraschend lebendig und unterhaltsam darzubieten, dass die Aufführung trotz wenig szenischer Aktion auf der erdbedeckten niedrigen Bühne – mit einem Erdhügel an der Seite und einem Landschaftspanorama im Hintergrund auch Spielort der Stücke Lauckes – spannungsreichen Schwung erhält. Es ist eine Inszenierung, die Denkprozesse und gesellschaftliche Entwicklungsgesetze auf intelligent unterhaltsame Weise versinnlicht und ein beeindruckend homogenes Ensemble präsentiert, in das sich Schüler der berliner schule für schauspiel sicher einfügen.
Nachtkritik, 01.02.2009, Hartmut Krug

...drei Premieren an drei Tagen läuten dieser Tage das Jubiläumsjahr ein: die Stücke alter ford escort dunkelblau und wir sind immer oben von Dirk Laucke und Industrielandschaft mit Einzelhändlern von Egon Monk, ein Uraufführung.
Denn zum Konzept des theater 89 - das verbunden ist mit Schauspielernamen wie Johannes Achtelik, Bernhard Geffke und Ekkhard Schall und dessen Markenzeichen die Plakate von Volker Pfüller sind - gehört auch das Ausgraben und Wiederentdecken vergessener Autoren.
So ist man im Hamburger Archiv auf den Text des Brechtschülers Egon Monk gestossen, der 1953 die DDR und das BE verlassen hat. Industrielandschaft mit Einzelhändlern ist heute von erstaunlicher Aktualität. Ein Drogist, der seine Existenz durch die Konkurrenz großer Kaufhäuser verliert, wird nicht als unschuldiges Opfer dargestellt; vielmehr kommt er zu der schmerzlichen Einsicht, sich den ökonumischen Prozessen nicht genug angepasst haben: "Wie, wenn der große Unbekannte, welcher hindert, dass die Rechnung aufgeht, ich selber bin? Wenn ich, peile ich Umwelt und Verhältnisse auf der Suche nach dem Störfaktor an, ihn nie werde finden können, weil natürlich ich der Störfaktor bin?" Selber schuld ist in unserem kapitalistischen Bewusstsein noch jeder. ...
FREITAG, 23.01.2009, Ricarda Bethge

alter ford escort dunkelblau

Ruppige Reise- Berlins Theater 89 zeigt „alter ford escort dunkelblau“
Das Klappern lässt sich nicht überhören, und der Auspuff erlebt seine letzte aktive Zeit. Schorse und seinen Freunden Boxer und Paul macht das nichts aus. Die Zeitarbeiter rasen in der alten Karre im Hochsommer durchs Mansfelder Land, auf der Jagd nach Träumen, nach Liebe, nach irgendetwas. Kommen sie an, finden sie etwas, das Halt geben könnte? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Die seltsam ruppige Reise durch eine aufgegebene Gegend skizziert Dirck Laucke in seinem Theatertext mit dem Märchentitel „alter ford escort dunkelblau“. In der Tat wird ein Märchen erzählt, das Märchen von den Verlierern, den Abgeschobenen, Wurzellosen, von Leuten, die kein Abenteuer scheuen, immer wieder gedemütigt werden und dennoch nicht aufgeben. Der Autor, mit dem Förderpreis zum Lessingpreis des Freistaates Sachsen ausgezeichnet, beschönigt das vielfache Versagen der Freunde nicht – macht aber vor allem auf ihren gesetzlosen Widerstand gegen einen Alltag aufmerksam, der sie auszulöschen droht. Die drei verbindet eine Solidarität – auch gewalttätiger Art –, gemeinsam entgehen sie um Haaresbreite der endgültigen Katastrophe, es scheint, als wache ein Engel über sie. Märchen eben, aber aus häss licher Wirklichkeit. Hans-Joachim Frank hat das Stück im Theater 89 als Koproduktion mit der Berliner Schule für Schauspiel inszeniert, in einem atemnehmenden Tempo, ungezügelt, laut. Geschrei bestimmt die „Verständigung“ unter den Freunden – und mit Karin, Schorses Frau, der Liebe abgezwungen werden soll. Es herrscht eine Aggressivität, die Enttäuschung verbirgt, Suche nach Nähe, nach Verständnis. Nur wenige Momente der Erschöpfung räumt der Regisseur seinen Darstellern ein. Mit der Musik, vom Schlager bis zum harten Beat, schafft er eine Art neue, eigentliche Wirklichkeit für die Helden. Alexander Höchst (Schorse) und den Studenten Doreen Wermelskirchen, Mattias Hinz, Jörg Gahr gelingt es, emotionale Entladungen in gesteigertem Tempo durchzuhalten. Ihr Gefährt (Bühne und Kostüme Annette Braun), ein aus Holz gezimmertes Ungetüm wie vom Sperrmüll, kontert dabei den Überschwang mit milder Ironie. Der Einsatz des Theaters 89 für Dirk Laucke kommt nicht von ungefähr. Denn besonders für die jungen Autoren fühlt sich die vielfach ausgezeichnete Gruppe um den künstlerischen Leiter Hans-Joachim Franck seit schon 20 Jahren zuständig. 1989 war die Gründung des Theaters, außerhalb der gewohnten Strukturen der DDR, und deshalb misstrauisch beobachtet, noch ein Wagnis. Unterstützung für diese freie Bühne gab es zunächst nicht, heute hilft die Senatskanzlei für kulturelle Angelegenheiten. Die Künstler um Hans-Joachim Franck haben durchgehalten und sind im Jubiläumsjahr zu Recht stolz auf ihre erfolgreiche „Suche nach Stoffen, Themen und Autoren, die aus einem Blick von unten die Welt betrachten und beschreiben“. 75 Produktionen sind auf die Bühne gekommen, davon 29 Uraufführungen und 16 Stückentwicklungen. Wenn es ein Theater der jungen Autoren in Berlin gibt, dann ist es dieses.
DER TAGESSPIEGEL, 01.02.2009, Christoph Funke

STEINKES RETTUNG
Steinke ist fällig. Weil er allzu tüchtig ist. Der Chef schickt ihn, vor geplanter Entlassung, samt Familie in Urlaub in die Bayrischen Berge. Dort wird Steinke zu Tode kommen. Oliver Bukowski hat diese hinterlistig heitere Managergeschichte unter dem in die Irre führenden Titel Steinkes Rettung aufgeschrieben - als Kriminalhörspiel und Psychothriller. Es ist ein auf Andeutungen bauender Text, offen für viele Deutungen, weil alles der Fantasie des Hörers überlassen bleibt und nur von Geräuschen gestützt ist. Anders im Theater, da nehmen Schauspieler dem Vieldeutigen seinen Reiz. Hans-Joachim Frank versucht im theater 89 den Widerstand des Textes gegen Versinnlichung zu brechen, mit einigem Erfolg. Im fast schwarzen, in mehrere Spielebenen unterteilten Bühnenraum (Anne-Kathrin Hendel) entstehen im Scheinwerferlicht auf magische Weise Orte und Situationen, die emotionale Umbrüche und Abstürze spiegeln. Bukowski legt wie im Minutentakt Verhaltensweisen in der heutigen Wirtschaftswelt auf eine Familie um. Diesem schnellen Rhythmus folgt die Inszenierung. Erfolg, Versagen, Liebe, Hass, Vertrauen, Betrug werden durcheinandergewirbelt, bis zum blutigen Finale. Konkret vorzeigbar ist das oft nicht, denn Bukowski setzt auf hemmungslose Absurdität. Macht man die Thriller-Versatzstücke auf der Bühne "wirklich", droht das Abgleiten ins Banale. Dennoch, was die Darsteller (unter ihnen Bernhard Geffke, Angelika Perdelwitz, Sonja Hilberger) im punktgenauen Erfassen und "Ausleuchten" der rasch aufeinander folgenden Episoden leisten, macht den Abend anregend und auf gescheite Weise unterhaltsam.
DER TAGESSPIEGEL, 11.04.08, Christoph Funke

So wenig Tiefenschärfe und sprachliche Dichte die aktuelle Dramatik auch hat, Oliver Bukowskis Politstück um einen Manager ist eine Ausnahme. Der Autor ist ein Meister spotartiger Kurzszenen und verknappter Dialoge. Das Stück - Pendant zu seinem Erfolgsstück von "Nach dem Kuss" (2006) - stellt nicht mehr die Underdogs in den Fokus, sondern die Top Dogs. Steinke, brillant von Bernhard Geffke gegeben, wird von seinem Chef in die bayerischen Berge gleichsam verbannt - zur Erholung, also ohne Handy, Fax oder Laptop. Und hier zwischen Rindvieh und Familie findet seine im Stücktitel genannte "Rettung" statt, tatsächlich aber eine tragikomische Katastrophe. Der Workaholic, der vermeintliche Siegertyp - er sitzt wie ein Cäsar mit Lorbeerkranz auf der Bühne - bleibt seinen Mustern treu: Trällert er auch mal besoffen friedlich den Schlager "Menodcino", so ist er stets der Unterdrücker seiner Familie und erschießt beim Beischlaf seine Frau. "Gerettet" echot es ironisch aus den Bergen. Die Szene, einmal grell, dann wieder im Zwielicht, spielt in einem leeren Schwimmbecken; eine Arena, die eine absurde Managerwelt abbildet - und dies einfach stark.
Zitty 10/2008, Axel Schalk

Es war die Premiere für Brandenburg. Das Theater '89 präsentierte am Freitagabend sein neuestes Werk: den Psychothriller "Steinkes Rettung" von Oliver Bukowski. Der Saal war gut besetzt, das Publikum gespannt, die Stimmung locker. Die Geschichte fängt ganz harmlos an. Werner Steinke (Bernhard Geffke), gestresster Manager und Workaholic hält sich in seiner Firma für unersetzbar. Er muss wohl einfach mal aus dem Verkehr gezogen werden. Dafür sorgen Ehefrau Gerit (Angelika Perdelwitz) und Konzernchef Dr. Walter (Eckhard Becker). Steinke wird zur Erholung auf eine bayrische Almhütte geschickt - ohne Telefon, Internet oder Computer. Frau und Tochter Miriam sowie Carlo (Stefan Kowalski), Schwiegersohn in spe, begleiten ihn. Auf der Alm, nur umgeben von Rindviechern, Familie und dem penetrant besorgten Alpenanimateur Matti (Johannes Achtelik), ist es nur eine Frage der Zeit, bis Steinke völlig durchknallt. Er erdrosselt Matti am See mit einer Angelsehne. Frau und Schwiegersohn-Anwärter lässt er duschen, bis sie vor Kälte blau werden. Immer mit der Bemerkung: "Endlich kann ich meine Familie mal ganz für mich genießen." Nicht weniger makaber kommt das Stück zum Ende. "Komm, mach mir noch ein Kind. Gleich hier auf der Alm", fleht ihn Gerit zum Schein an. Beim Akt erschießt sie ihn mit seinem Jagdgewehr. "Komm, lass uns wie immer noch ein bisschen kuscheln. Du musst ja gleich aufstehen", sind ihre letzten Worte für ihn. Der Applaus im "Haus" war der gerechte Lohn der Schauspieler für ihre gelungene und überzeugende Darstellung. Auch Hans-Joachim Frank, Regisseur vom Theater '89, war zufrieden mit der Resonanz auf das neueste Werk seiner Truppe. Der 1961 in Cottbus geborene Stückeschreiber Oliver Bukowski ist seit 15 Jahren Hausautor vom Theater '89. Aus seiner Feder stammen bisher neun Inszenierungen. "Steinkes Rettung" wurde 2005 in Halle uraufgeführt. Die Berlin-Premiere war am 3. April dieses Jahres. Im "Haus" in Altes Lager gibt es dieses Jahr noch zwei Vorstellungen.
MAZ, 08.07.2008, H.-Dieter Kunze

 

Wer in ein so kleines Theater geht, darf unter die Utopisten gezählt werden. Er glaubt an eine Strahlkraft, die von wenigen Scheinwerfern ausgeht. Er glaubt an Schauspieler, die ohne Scham und Gram, jenseits blubbernder Medienbevorzugung in anstrengender Unverdorbenheit ihr Komödiantentum leben. Er hat ein Herz für Ursprünge, die nicht verapparatet sind. Wer in ein so kleines Theater geht, hat auch ein Herz für sich selber, er freut sich am Schnittpunkt, wo die Mühe der Leichtigkeit begegnet, beide stehen sich gegenüber, und die Leichtigkeit blüht auf, weil die Mühe - trotz ihrer harten Arbeit gegen mögliche Resignationen - doch ganz in ihr, der Leichtigkeit, aufgeht. Das theater 89 in der Berliner Torstraße ist so ein Theater des nicht sehr hoch bezahlten Spiels, das unter Leitung des Regisseurs Hans-Joachim Frank seit nunmehr fast zwanzig Jahren eine gute Adresse für kluges, suchendes, uneitles, redlich stolzes Spiel blieb. Jetzt hatte "Steinkes Rettung" von Oliver Bukowski Premiere; der Dramatiker aus Cottbus, Jahrgang 1961, gilt als Hausautor der Frank-Truppe, und deren sorgsame Pflege eines unsentimentalen, deftigen, vertrackt bis böse witzigen Gegenwartstheaters baut wesentlich auf die Stücke Bukowskis. Manager Steinke wird zum Urlaub geschickt. Und Urlaub, befiehlt die Konzernleitung, soll wirklich Urlaub sein. Strafe für den Worcaholic. "Psychothriller" nennt Bukowski sein Stück. Steinke wird morden, um wieder frei, also handy-abhängig sein zu können. Er wird zum Amokläufer gegen die eigene Familie, als ihm schwant: Der Urlaub ist gleichsam Abschiebung. Erstes Stadium der Aussortierung. So hat er doch selber aussortiert. Angst wird Wahn; das einzige, was Steinke noch in der Hand hat, ist ein Gewehr ... Eine gewisse Schwierigkeit des Abends liegt in dem Widerspruch zwischen der oft geradezu körperlichen Nähe, die man als Zuschauer zu den Gestalten auf der Bühne hat, und jener gleichzeitigen Distanz zu ihnen. Die sich schlichtweg daraus ergibt, dass wenig Sympathie für diese Familie aufkommt. Es ist erstaunlich konsequent, dass Frank nichts tut, diese Spannung abzubauen. Sie wird sogar noch dadurch erhöht, dass der Punktscheinwerfer (Licht: Alexandre V. Myznikov) meist nur die Köpfe der Figuren ins Sichtbare holt. Das Sprechen erscheint so, als verhörten diese Leute sich selber. Isolation. Einsamkeit. Verlorensein. Schwärze rund um den blau schimmernden Swimming Pool (Bühne: Anne-Kathrin Hendel). Frank treibt diese Familie ohne Übergänge ins gesteigert Aggressive hinein - was die Zuneigung zu ihr nicht größer macht. Aber am Ende steht doch ein Erschrecken, das die Betrachtung von Typen zum Mit-Gefühl für Seelen wandelte. Bernhard Geffke, fast immer im Anzug mit Krawatte, ist ein mundverhärterer Kleintyrann, im Besoffensein ohne Humor, im Liebesbegehren ohne Sinnlichkeit, ein armer Hund der Geschäftigkeit und der totalen Geschäftlichkeit. Da ist eine verborgen lederne Härte, die mehr und mehr diese hagere Gestalt ergreift. Im Männchen tobt der Mörder, im Mörder jammert panisch das Männchen. Am Ende wird ihm seine Frau in die Nase beißen, und der rote Punkt im Gesicht macht den Killer zum Clown. Sonja Hilberger als Steinkes Tochter ist eine grelle Spaßgesellschafterin, die "Gras" raucht, als wolle sie den kleinen Zuschauerraum am Rausch beteiligen. Stefan Kowalski ist ihre aufgedrehte Reisebekanntschaft, Johannes Achtelik spielt mit stoischer Unberührtheit den Hütten-Bauern, der den Firmen-Auftrag hat, Steinke unbarmherzig zum Entspannen zu bringen. Den menschlichsten Akzent setzt Angelika Perdelwitz als Steinkes Frau: starke Ausstrahlung zwischen Handfestigkeit und Diva, geduckter Geduld und befreiendem Erwachen. Bitter, direkt, grell, sehenswert.
Neues Deutschland, Hans-Dieter Schütt

Wenn sich so jemand wie Werner Steinke aus den Südseeferien bei der Firma zurückmeldet, bringt er über eine Million Reingewinn mit. Acht Sattelschlepper hat er dem armen Urlaubsland, dessen Namen ihm inzwischen längst wieder entfallen ist, vertickt. Wenn da der Chef im Büro vorbeikommt, darf, ja soll, so jemand wie Steinke die Füße wohlverdient auf dem Schreibtisch liegen lassen. Gekommen ist der Chef, um Steinke erneut in den Urlaub zu schicken, diesmal aber richtig - eine Maßnahme, die so jemand wie Steinke selbstverständlich sofort durchschaut. "Steinkes Rettung" von Oliver Bukowski beginnt wie ein Entfremdungsspaß auf Kosten eines Workaholics, der sich plötzlich der Natur und der eigenen Familie ausgesetzt sieht. Steinke (Bernhard Geffke) wird mit Frau (Angelika Perdelwitz), Tochter (Sonja Hilberger) und designiertem Schwiegersohn (Stefan Kowalski) in einer luxuriösen bayrischen Almhütte untergebracht und von dem verwurzelten Senner Matti (Johannes Achtelik) betreut - und bewacht. Die aus der ungewohnten Situation resultierenden Verhaltensauffälligkeiten verlassen bald die Bereiche des Ignorier- und Tolerierbaren. Steinke knallt sich die Rübe zu, entdeckt seine dem Termindruck gewichene Sexualität wieder, wäscht sich nicht, ballert beim Jagdausflug kreuzgefährlich herum und macht beim Angeln Vorschläge zur Effizienz: eine Phase Baustrom in den See legen, Fische einsammeln, nach Hause gehen und "entspannt ist". Aber als Steinke Matti mit der Angelsehne den Hals zuschnürt, ist man von Hans-Joachim Franks Inszenierung dann doch ziemlich überrumpelt. In diesem Moment kippt die Komödie zum grotesken Psychothriller nach Art von "Shining", dem Stanley-Kubrick-Film mit Jack Nicholson als Papi mit dem Beile. Steinke, vorsorgend für den Fall, dass er die Arbeit verliert, nimmt seine Lieben in Geiselhaft und als Ersatz für den verloren geglaubten Lebenssinn. Er zwingt sie mit Waffe zum trauten Würfelspiel. Weil sie ihren Mann nicht feuern kann, sieht sich die Gattin schließlich gezwungen, ihn zu befördern. Und zwar ins Jenseits. Während Steinke, euphorisiert von den sich eröffnenden Perspektiven, auf seiner schon lange nicht mehr fruchtbaren Frau herumhampelt, um ihr ein Kind zu machen, erlegt sie ihn mit einem fachgerechten Schuss aus dem aufgesetzten Jagdgewehr. Bukowskis auf einem eigenen Hörspiel basierendes Stück reißt die Szenen schnell auf für ein paar saubere Pointen. Steinkes psychischer Verfall findet irgendwo in den zwischengeschalteten Blacks statt. Wenn das Licht wieder angeht, ist Steinke jedes Mal ein Stück irrer. Der Inszenierung fehlt es an Humor und ästhetischer Entschlusskraft, um den von Bukowski angelegten Absturz von der Komödie zur Groteske nachzuvollziehen. Es gibt im trockenen Swimmingpool, dem vielseitig-praktikablen Bühnenbild von Anne-Kathrin Hendel, wohldosierte Kabarettdialoge, es gibt stummfilmartige Zeigeszenen, Kindertheateranleihen und schnöden "Tatort"-Realismus mit hohem Platzpatronen- und Kräuterzigarettenverbrauch - alles wird handwerklich sehr solide, mit schauspielerischem Einsatz dargeboten. Eine routinierte kapitalismuskritische Pflichtübung - zielgruppenorientiert, wie der wackere Applaus des DDR-Veteranen-Publikums verriet.
Berliner Zeitung, Ulrich Seidler

 

GEHEN - BLEIBEN

"Ich warte auf das Wunder, eines Tages ohne den Führer aufzuwachen" Das "theater 89" aus Berlin bot die Tagebücher von Victor Klemperer im Amtshaus Themar. Bemerkenswerter Abend zu einem Schicksalsdatum. Von Wolfgang Swietek Themar - Der 9. November, der Tag, als die Mauer fiel. Doch auch der Tag, als in Deutschland die Synagogen brannten. Auch wenn dies 51 Jahre eher war. Löste der 9. November 1989 überschwängliche Freude aus, so macht das Gedenken an den 9. November 1938 eher betroffen. Wohl kaum ein literarisches Dokument erinnert daran so eindrucksvoll wie die Tagebücher von Victor Klemperer, die jetzt von Katrin Kazubko für die Bühne bearbeitet worden sind und vom "theater 89" Berlin erstmals zur Aufführung gebracht wurden. Am Montagabend war das Ein-Personen-Stück nun auch im Amtshaus Themar zu erleben. Bereits am 9. November des vorigen Jahres hatte die Stadt Themar mit einer bemerkenswerten Ausstellung an ihre ehemaligen jüdischen Mitbürger erinnert. "Sie waren Themarer", so der Titel jener Dokumentation, die auch am Montagabend - zur Einstimmung auf die Theateraufführung - noch einmal zu sehen war. "Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Zukunft", dieses Wort von Carl Friedrich von Weizsäcker ist der Ausstellung vorangestellt, und gilt wohl gleichermaßen für die Tagebücher von Victor Klemperer. "Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten", nennt er seine Aufzeichnungen aus den Jahren 1933 bis 1945. Als achtes Kind eines Rabbiners geboren, später zum Protestantismus konvertiert, hatte Victor Klemperer Philosophie, Romanistik und Germanistik studiert und bis 1935 als Professor in München und Dresden gearbeitet, ehe er wegen seiner jüdischen Herkunft entlassen worden ist. Was dann in seinem Leben passierte, von der Leere und dem Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, bis zum ständigen Drangsalieren durch die Nazis - immer mehr Dinge des täglichen Lebens wurden den Juden verboten - den Haussuchungen, die ständige Angst, beim nächsten Transport in eines der Konzentrationslager dabei zu sein, all das muss die Hölle gewesen sein. Die ganz persönliche Sicht, das Schildern eines Einzelschicksals lässt die Zeit noch eindringlicher vor dem geistigen Auge des Betrachters entstehen als so manche Dokumentation, die das Grauen in seiner Gesamtheit erfassen will. Immer wieder stellt sich Klemperer die Frage: "Bleiben? Gehen?" Viele jüdische Mitbürger waren Anfang der 30er Jahre bereits emigriert, auch viele der Klemperers lebten bereits in den USA. Doch Victor Klemperer hatte sich - trotz seiner Todesängste - fürs Bleiben entschieden. "Ich warte immer noch auf das Wunder, eines Tages ohne den Führer aufzuwachen", beschreibt er in seinen Tagebüchern seine Gefühle. Das Schreiben hilft ihm, die Zeit zu überstehen. Selbst als er schon im Gefängnis saß, bittet er sehnlichst um ein paar Blatt Papier, und bekennt: "An meinem Bleistift klettere ich aus der Hölle." Schreibend hält er sich am Leben: "Ich schreibe weiter, ich will Zeugnis ablegen - das ist mein Beruf." Er hat so eine Bestandsaufnahme jener Zeit hinterlassen, die authentischer nicht sein könnte. Auch die Bühnenfassung setzt ganz auf die Kraft der Worte von Victor Klemperer. Nur sparsame darstellerische Mittel setzt dabei der Schauspieler Bernhard Geffke ein, spielt nicht "großes Theater", lässt aus dem fast zweistündigen Monolog einen eindringlichen Dialog mit dem Publikum werden, dem er seine Geschichte erzählt. Betroffenheit macht sich breit im Zuschauerrund. Die Parallelen dieses 9. November 1938 und des gleichen Tages im Jahr 1989 müssen nicht weit hergeholt werden. Sie wurden am Montagabend zwar nicht ausgesprochen, lagen aber für den Zuhörer auf der Hand. Wenn auch nicht so existenziell wie 1938, stand auch 1989 für viele die Frage "Gehen? Bleiben?" Klemperer hatte sich fürs Bleiben entschieden, trotz seiner Todesangst. " . . . trotz allem: Ich denke deutsch, ich empfinde deutsch, ich kann es mir nicht ausreißen." Wer 1989 oder danach gegangen ist, musste diese Überlegung nicht anstellen, denn jenseits dieser ehemals unüberwindlichen Grenze konnte er weiterhin deutsch denken und empfinden.
Zeitung Freies Wort/Ressort Hildburghausen Lokal/ Erschienen am 11.11.2009

Victor Klemperer gehörte auf Grund seiner jüdischen Herkunft zu Opfern der NS-Barberei. In der Zeit des Leidens hat er minutiös Tagebuch geführt. Nur ein Stuhl, ein Tisch, ein Cello-Spieler und ein großartiger Schauspieler reichen, um Klemperers schreckliche Erfahrungen eindrucksvoll in Szene zu setzen: "Keine Post, beruflich matt gesetzt", Hausdurchsuchungen, Todesangst, endlich die Rettung. Es folg ein neues Leben in der DDR, auch dies betrachtet Klemperer kritisch. Bernhard Geffke spielt den Monolog mit äußerster Konzentration und minimalen darstellerischen Mitteln. Einamls, als er verhaftet wird, löst er nur seinen Schlips und zieht den Gürtel aus der Hose. Er spricht sachlich ohne jede Bitterkeit, hebt dann die Stimme, wenn er die abscheuliche Nazipropaganda vorträgt. Das Schreiben ist der Rest an menschlicher Würde, der geblieben ist. Ein großer Theaterabend.
Zitty 23/2007-Oktober 2007

Jahrzehntelang galt das Buch "LTI" des Dresdener Sprachforschers Victor Klemperer in der DDR als Geheimtipp. Mit einer sogenannten Arierin verheiratet, hatte der evangelische Jude Klemperer zwar das Dritte Reich überlebt, war dennoch vom Gram über den Verlust seiner Ämter, seines gesellschaftlichen Ansehens und seines materiellen Wohlstandes beinahe zerfressen worden.

Heimlich schrieb Klemperer, der damals mehr als einmal über Selbstmord nachdachte, Tagebuch. Die "Sprache des Dritten Reiches" nannte er dieses Zeitdokument, das er sicherheitshalber ins Lateinische übersetzte und dafür das Kürzel "LTI" verwendete. Akribisch hat Klemperer darin all das notiert, was er in den Medien und Gesprächen jener Tage an Lügen, Halbwahrheiten und überzogener Propaganda entdeckte. Das Klemperer schon bald nach dem Krieg sein früheres Ansehen zurückerlangte, durfte "LTI" in der DDR erscheinen. Hätten die Partei-Genossen damals geahnt, wie überaus kritisch Klemperer auch ihr Triebn bewertete, hätten sie womöglich anders entschieden. Klemperer selbst hat dies mit Sicherheit geähnt. 30 Jahre nach seinem Tod sollten vergehen, bis seine Tagebuchaufzeichnungen aus den Endvierzigern und Fünfzigern des 20.Jahrhunderts an die Öffentlichkeit gelangen durften. Das zweistündige Theaterstück "Gehen-Bleiben", das am Sonnabend im "Haus" Brandenburg-Premiere feierte, setzt sich mit dem Leben Klemperers auseinander.
"Auf welches Pferd hätte ich nach dem Krieg setzen sollen?" , fragt Klemperer sich selbst, als er erkennt, dass das versprochene sozialistische Paradies wohl doch nicht kommt. Der Tos seiner Eva ist fast genauso schnell vergessen wie die eigenen Ideale.Mit schizophrenem Eifer beteiligt sich Klemperer als Mitglied der obersten Volksvertretung an den wahnwitzigen Entscheidungen.
Bernhard Geffke in der Rolle Klemperers ist ein Erlebnis. Die Zerrissenheit des Sprachforschers, der als kleiner verbitterter Mann 1960 starb, verkörpert Geffke überaus authentisch. Peter Koch am Cello ergänzt mit wenigen, aber wichtigen Akzenten. Ein erhellender Theaterabend, trotz aller Düsternis.
MAZ 25.09.2007, Uwe Klemens


HERBERTSHOF
Das theater 89 hat für die Jahre 2007/2008 "Starken Stoff" angekündigt. Das Projekt soll von "Menschenjagd und Ausgrenzung" handeln. Nach den Anfängen mit "Eine LIebe in Deutschland" von Rolf Hochhuth, "Sonst is alles wie immer" von Ralf-Günter Krolkiewicz und "Nach dem Kuss" von Oliver Bukowski setzt das Theater das Programm mit "Herbertshof" von Krolkiewicz fort, das 2005 in Potsdam uraufgeführt wurde. Das Stück in "zwanzig szenen" mit "einem alten lied" - gemeint ist das von Schumann vertonte Julius-Mosen Gedicht: "Der Nussbaum" - ist der Realität in Deutschlands Osten bedrängend nah.
In einem Dorf will sich André nach den näheren Umständen erkundigen, wie sein jüdischer Großvater in einem Nazipogrom am Nussbaum seines Hofes aufgehängt wurde und sein Vater nach seiner Entlassung aus dem Nazi-KZ bei der sowjetischen Besatzungsmacht denunziert wurde und sein Leben verlor. "Der Fremde" stört damit das Schweigen des Dorfes über diese Vergangenheit und soll deshalb schnell wieder verschwinden. Als Saubermacher empfiehlt sich der Rechtsradikale Ronald, darin sind sich alle einig: Herbert, der als Kind Zeuge der Erhängung war und den Vater denunzierte, um den arisierten Hof zu behalten, seine Frau Martha, sowie Ronalds verbissene Mutter Inge und halbherzig auch der Wirt Werner. "Fleisch des Anstoßes" ist Helga, die als debil bezeichnete Ziehtochter Werners, die sich von dem Fremden angezogen fühlt. In einer Nacht mit Vergewaltigungsversuch, Totschlag und Selbstmord wird der Fall "bereinigt".
Krolkiewicz entreißt die Geschichte dem Naturalismus durch eine Poetisierung, die besonders in der Mordnacht etwas Unwirklich-Barlachhaftes hat, aber bei der filmisch verkürzten Charakterisierung der Figuren mehr als einmal gekünstelt wirkt. Der Regisseur Hans-Joachim Frank belässt das Spiel in der kärglichen Ausstattung von Anne-Kathrin Hendel und Justyna Jasczcuk, das durch eine vom sanften Monde- zum roten Mordlicht mutierende Scheibe im Hintergrund bestimmt wird. Die Charaktere haben sich in der Unmittelbarkeit der Zusammenstöße zu entblößen. Bernhard Geffke als Herbert und Angelika Perdelwitz als Martha vermögen sich eine Glaubhaftigkeit ihrer Einsicht in Mitschuld und Sühnung zu erpielen, während sich Simone Frost als Inge und Matthias Zahlbaum als ihr Sohn Ronald aus geradliniger Verbohrtheit kaum lösen und Johannes Achtelik als halbherziger Wirt und verdorbener Ziehvater sich durchwienert. Stefan Kowalski funktioniert als Ärgernisbringer und Aufklärer André. Die schwierigste Rolle, die der Helga, die sich aus der dörflichen Inzucht des Schweigens befreit, macht Sonja Hilberger eher rational als irrational begreiflich.
Trotz der Zwiespältigkeit kommt das theater 89 auch mit dieser Inszenierung den Problemen von Deutschlands Osten am nächsten.
Berliner Zeitung,  10.4. 2007, Ernst Schumacher

Ein starkes Stück. Ein junger Mann, André Rosengold, kommt, irgendwann nach der "Wende" aus Bayern in "ein dorf, irgendwo in deutschlands osten". Er wird nicht gerade freundlich aufgenommen. Nicht im Wirtshaus, wo er ein Zimmer mietet und wo der Neonazi Ronald und seine Kumpane ein- und ausgehen. Und auch nicht auf dem "Herbertshof". Der gehörte nämlich, vor einem halben Jahrhundert, den alten Rosengolds. Der Bauer Herbert hat noch selbst gesehen, wie die Nazis Andrés jüdischen Großvater im Nussbaum aufgehängt haben. Und als Rosengolds Vater aus dem Konzentrationslager zurückkehrte, hat ihn Herbert bei den Sowjets denunziert. Click here to find out more! Im Dorf will man nichts von Schuld und Vergangenheit wissen. Der junge Jude wird als Störenfried empfunden. Man will ihn lossein, notfalls mit Gewalt. Nur Helga, die als beschränkt geltende und allenthalben sexuell belästigte Ziehtochter des Kneipenwirts, erweist sich als hellsichtig und empfindsam. Ralf-Günter Krolkiewicz, von 1997 bis 2004 Intendant des Potsdamer Hans Otto Theaters, erhielt für "Herbertshof" den baden-württembergischen Landespreis für Volkstheaterstücke. Dabei wird die Geschichte dieses namenlosen Dorfes keineswegs naturalistisch erzählt, schon eher in absichtsvoller Künstlichkeit und beinahe kolportagehaft. Inzest, Argwohn und antisemitischer Hass. Brutalität zwischen Gräbern. Zum Schluss schwimmt eine Leiche im Dorfteich. André und Helga suchen, jeder für sich, das Weite. Hans-Joachim Frank, der jetzt die dichte makabre Szenenfolge am Theater 89 inszeniert, hat den sprachlichen, fast dialektartigen Kunstton des Texts zurückgenommen. In der Tiefe des Theaterlofts gibt es nur ein paar tote Äste und eine blendende Mondscheibe. Kein bäuerlicher Naturalismus. Der bitter poetische Klang des Dramas ist gedämpft. Eher schon zeigen einige Figuren einen Zug ins Groteske und Karikaturenhafte. Bei den männlichen Dorfbewohnern herrscht ein übertriebener Hang zur gleichmacherischen Kahlköpfigkeit. Die Mutter des Neonazis rollt, Gummi kauend, grimmig die schwarz umränderten Augen. Und die vernachlässigte Frau des Bauern Herbert gibt ziemlich ungebremst Lebenssentenzen von sich. Krolkiewiczs Text vertrüge durchaus ein paar vernünftige Straffungen. Dennoch. Diese Geschichte von Verdrängung und latenter Gewalt hat hier einen eigenen und klagenden Ton, den die Regie mit der Rezitation des Kaddisch und dem Singen des Lieds vom "Nussbaum" verstärkt. Das Theater 89 beweist eindrucksvoll sein Bemühen, mit anspruchsvoller Dramatik Themen der ineinander verwobenen Gegenwart und Vergangenheit darstellerisch anschaulich zu machen.
Berliner Morgenpost,  26. 3. 2007, Peter-Hans Göpfert

"Meinen Großeltern hat dieser Hof gehört", sagt André Rosengold, als er in einem Dorf, irgendwo in Deutschlands Osten, bei Martha und Herbert auftaucht. Jahrzehntelang eingeübtes Vergessen hat mit dem Besuch des jungen Juden, der nach Spuren seiner Familie sucht, ein Ende. Das Dorf steht unter Schock. Schuld, von der jeder weiß, muss endlich gesühnt werden. Ralf-Günter Krolkiewicz nimmt in seinem Stück "Herbertshof" das nüchterne Protokoll vertanen Lebens auf. Jeder Versuch, wenigstens eine bescheidene Existenz dem Lande abzugewinnen, ist gescheitert. Nur eine kleine Hoffnung bleibt, der Aufbruch eines gedemütigten jungen Mädchens.
Krolkiewicz notiert das in einer kargen Sprache, die verbirgt, was eigentlich gesagt werden soll. Im Berliner theater 89 inszenierte Hans-Joachim Frank die atemlose Geschichte von Schuld und Sühne, Feigheit und Rassismus in einem Raum, dessen Schwärze bedrückend auf den Figuren lastet. Hin und wieder huscht ein Lichtstrahl über die Bühne, auf der nur kahles Gesäst erkennbar ist (Bühne und Kostüme Anne-Kathrin Hendel und Justyna Jasczcuk). Frank macht das Verformte der Charaktere sichtbar. Im sorgsam aufeinander abgestimmten Ensemble prägen sich die Inge der Simone Frost durch ihre spitze Bosheit, der Ronald des Matthias Zahlbaum durch eine bohrende Brutalität und der Herbert des Bernhard Geffke in verdruckster Nichtigkeit besonders ein. Das jüdische Lied vom Nussbaum (Julius Mosen/Robert Schumann) überhöht das Geschehen, ist doch der Nussbaum der zentrale Schicksalsort.
Berliner Tagesspiegel,  27. 3. 2007, Christoph Funke

Ein Fremder bricht in die Idylle ein. Die hält das nicht aus und entpuppt sich als Mördergrube. Das Thema ist nicht unbedingt neu, aber es veraltet auch nicht. Lars von Trier hat dazu mit seinem Fikm "Dogville" eine Versuchsanordnung angelegt - zum Mitspielen für zu Hause. Ralf-Günter Krolkiewicz nimmt das Angebot an - und schon sind wir in einem ostdeutschen Dorf, voll mit alten, neuen Nazis. Eigentlich sind sie nett, solange man nicht ihre Kreise stört. Und die gründen auf altem Unrecht, auf Verbrechen.
Über all den Ungerechten geht der Mond gelb auf, wird rot, violett, schließlich weiß - vielleicht ist das schon ein Vorzeichen der aufgehenden Sonne. Die karge Bühne im Berliner theater 89 (Anne-Kathrin Hendel) liegt meist im Dunkeln. Einige Zweige, an Schnüren herabhängend, an die mal der eine, mal die andere stößt, so dass sie sich bewegen, sind längst verdorrt. Wächst hier noch was?
Der Fremde heißt André Rosengold und kommt aus Bayern. Aber noch bevor er etwas sagen kann, ist allen Dorfbewohnern klar, der kommt um sich zurückzuholen, was man seinem Großvater nahm. Denn Rosengold kommt nicht nur aus Bayern, er ist auch Jude und sein Großvater hatte hier einen Bauernhof - bis man ihn umbrachte. Am Ende, wenn der Mond seine Verdunkelungen durchlaufen hat, schwimmt einer tot im Dorfteich - einer, um den es ganz besonders wenig schade war.
Die Handlung, so erzählt, klingt nach üblem Klischee. Aber wenn Vorurteil auf Vorurteil prallt, dann wird in der Regie von Hans Joachim Frank ein ansehenswert spielerischer Befreiungsschlag daraus. Die allgegenwärtige Hysterie treibt noch jedes Geschehen ins Absurde. Seltsam, wie hier allen ganz fraglos zu sein scheint, dass Rosengold ein Jude sein müsse - wo doch bekanntlich der oberste Naziideologe Rosenberg hieß. Reagieren wir bloß noch wie Pawlowsche Hunde auf simple Signale?
Krolkiewicz hat ein gutes Gespür für den alltäglichen Ausnahmezustand. Wenn der seinen Frieden beschwörende Spießer Emotionen zeigt, dann liegt immer so etwas wie ein Pogrom in der Luft. Gegen wen es sich richtet, wer da nun totgeschlagen werden soll, scheint nebensächlich. Es reicht schon, wenn einer irgendwie auffällig wird, etwa so heißt, dass man denken könnte, er könnte einem etwas vorwerfen wollen. Fremdenfeindlichkeit - nur ein Vehikel von etwas andrem: purem Selbsthass.
Was verdrängt wurde, kehrt irgendwann wieder: jedoch (selbst) zerstörerisch. All das schwingt mit, wenn in "Herbertshof" die Decke des Stillschweigens weggezogen wird, aber niemand sprechen, höchstens brüllen, schreien kann. Das erinnert an Stücke von Kroetz und Sperr, die den "Aufstand der Anständigen" (welch sprachliche Entgleisung im Bereich der Totschlaglogiken!) als Hatz gegen Außenseiter vorführten. Krolkiewicz wollte ein Volksstück schreiben - das ist es geworden: Ein Stück über das Volk, wie man es in Albträumen vor sich sieht. Die Dialoge tasten nach dem Unbekannten in uns. Krolkiewicz´Sprache besitzt unerhörte Präzision im Bereich der ungenauen Dinge: Posie. Das "Herbertshof" nie ins Klischee abrutscht, das ist auch ein Verdienst des geschlossen starken Ensembles des theaters 89, in dem man von Simone Frost bis Angelika Perdelwitz mit Schauspielern zu rechnen hat, die sich jeder Versuchung zur bequemen Eindimensionalität ihrer Figuren entziehen, immer auf neue unerwartete - menschlich, allzu menschliche - Möglichikeiten in ihnen entdecken. Noch das schuldigste Leben, voller Lüge und Verrat, ist doch nicht ohne Momente echten Schmerzes. Theater, will es glaubwürdig sein, muss diese suchen. Was dann vor uns liegt, ist eine sich surreal weitende Albtraumlandschaft, wo alle bequemen Gewissheiten schal werden.
Neues Deutschland, 26.3. 2007, Gunnar Decker

Gegenwartsdramatik wird wenig gespielt. Das ist am theater 89 anders. In "Herbertshof" von Ralf-Günter Krolkiewicz - langjähriger Intendant in Potsdam - kehrt ein Jude nach 50 Jahren in das Dorf seiner Großeltern zurück. Ein Mord ist in der finsteren Zeit des NS-Regimes geschehen. André will weder Rache noch sein Erbteil zurück, er will nur die Wahrheit herausfinden. Aus dieser konfliktträchtigen Konstellation entwickelt ich ein Spiel, in dem Schuld und Verdrängung in neue Gewalt umschlagen, die blutige Geschichte wirkt also weiter:
"Es bleibt, wie es ist".
Eine kaputte Welt steht auf der Bühne. Von hinten scheint ein weißer, später roter Mond in das Zwielicht der Bilder, Symbol der herrschenden Gewalt. Die kurzen, schlaglichtartigen Szenen erzeugen Atmosphäre, immer wieder wirken die Protagonisten wie Schatten ihrer selbst. Regisseur Hans-Joachim Frank gelingt eine visuell starke Inszenierung.
zitty 7/2007, Axel Schalk


ÜBER DIE LINIE
"Hast Du nicht auch schon mal darüber nachgedacht, ob das alles ist?", fragt Noah seine Freundin Sarah und zieht sich dabei die Hosen wieder hoch. "Das bisschen Ficken in irgendeinem Keller oder im Auto, ewig die Frage, wer für die Party das Bier besorgt, die Schule und McDonalds - mir ist das alles so öde. Hast du nie mehr gewollt?"
Doch Sarah ist sauer. "Ich hatte gehofft, dass ich hier mal so richtig komme", ist alles, was sie Noah zu erwidern weiß. Die Jugendliche ist enttäuscht vom Sex mit ihm: "Dein ewig stinkender Pimmel." Es sind vulgäre, aber nicht unrealistische Formulierungen an diesem Abend auf der Bühne im "Haus" in Altes Lager, wo das Stück "Über die Line" gezeigt wird.
Noah und Sarah sind nicht die einzigen, die darin über den Sinn ihres Lebens streiten. Wie Amanda und Becky zum Beispiel, die sich einig sind, dass es sich nicht lohnt, nur für College-Stress, Probleme im Elternhaus, "Schwanzlutschen", 'Ehe und Ehekrieg. Abtreibung und Kindergeschrei, Fettabsaugung und Hormontherapie zu leben. "Nur der Augenblick zählt", ist ihr Motto. Wie wenig das ist, spüren sie selbst.
Bei seinen Freunden Tunge und Zan zeigt Noah dann, was in ihm steckt: aus Langeweile macht er Zan mit der Pistole ein großes Loch in die Brust. Beide sind froh, es nun wohl endlich bis auf die Titelseiten der Boulevard-Presse gebracht zu haben. Nur bei den zur Feier des Tages eingeladenen Mädels will keine rechte Party-Stimmung aufkommen. Im Straßengraben, irgendwo auf der Chaussee bei Altes Lager, streiten der Romantiker Tunge und die offenbar lebenserfahrenere 15-jährige Amanda, was wichtiger sei: Sex oder die Sterne. Dass sie überhaut darüber sprechen, scheint das einzig hoffnungsvolle dieser (Theater-) Nacht zu sein.
"Über die Line" stammt aus der Feder des Amerikaners P. Seth Bauer. Sechs Berliner Schüler im Alter von 16 bis 22 Jahren und Regisseurin Gabriele Förster haben es innerhalb des Förderprojektes "Theater und Schule" (TUSCH) inszeniert. Zweimal haben sie es in dieser Woche bereits im "Haus" vor Gleichaltrigen gezeigt. Heute um 20 Uhr ist dort die letzte Vorstellung. Zeigt das Stück nur übertriebene amerikanische Klischhees? "Keineswegs", sagt die Regisseurin. Gemeinsam mit ihren Darstellern hat sie sogar eine eigene Internetseite darüber erstellt, wie sehr sich selbst deutsche Wirklichkeit in diesem Stück wiederfinden lässt. (www.ueberdielinie.de). Auch beim zumeist jugendlichen Publikum in den bisherigen Vorstellungen im "Haus" besaßen die zum Teil recht drastisch erscheinenden Szenen und Textpassagen einen unüberhörbar großen Wiedererkennungswert. Unterstützung erhielten die jungen Akteure von den Profis vom theater 89. Diese standen ihnen mit Rat und Tat, Räumen und Technik hilfreich zur Seite.
MAZ,  1.4.2007, Uwe Klemens


NACH DEM KUSS
Romeo und Julia hat Shakespeare nicht viel Zeit gegönnt. Wie ein Blitz schlägt die Liebe ein, schnelle Heirat, stürmische Vereinigung, schmerzhafte Trennung, dramatischer Tod – ein paar Tage nur. Sehr viel länger dauert das bei Oliver Bukowski in seinem Shakespeareschwank 'Nach dem Kuss' auch nicht. Aber die Liebenden kommen von ganz unten, ihre Heimat ist die Kneipe, ihre Bedürfnisse richten sich auf Alkohol und Sex. … Oliver Bukowski, erfolgreicher Hausautor des theaters 89, macht einen Spaß aus dem Elend, und vor allem, eine Feier der Widerständigkeit gegen sozialen Abstieg. Wie seine Figuren reden, kräftig, unverschämt, bilderreich, mit fantastischen Steigerungen eines lebensprallen Alltagsidioms brandenburgisch-preußischer Prägung, hat durchschlagende Kraft. Die Szenen mit Robbi und Jule sind wie mit der Axt zusammengehauen, grob, unbedenklich, unter Verzicht auf Feinheiten, Regisseur Hans-Joachim Frank gelingt das Tempospiel mit Bravour. Er holt aus den Figuren die Vitalität heraus, die sie gleichsam aus trister Wirklichkeit wegsprengt. Sie hauen sich stürmisch um die Ohren, was Liebesleid und Lust, was Spaß am Saufen und Raufen ausmacht. Die Bühne (Annette Braun), kahle Wände, nackter Boden, mal ein Stuhl, mal eine Matratze – ein Kampfplatz, keiner zum Leben. Matthias Zahlbaums Robbi ist ein tumber lieber Bär, den sein Fell so juckt, dass er dauernd an sich herumfummeln muss. Vera Seemann gibt ihrer Jule geradezu revolutionäres Feuer, zeigt ein Mädchen, das lieb und aggressiv ist bis zur Selbstaufgabe. … Was Simone Frost, als Schwester der Jule, da hinlegt an wütendem Protest und überdrehter Fürsorge, ist mitreißend. Die zu den Ruhrfestspielen in Recklinghausen zum ersten Mal gezeigte Inszenierung überzeugt auch in Berlin.”
DER TAGESSPIEGEL, 13.6.2006, Christoph Funke

Dieser Autor schaut den Leuten sehr genau aufs Maul – und damit zugleich in Hirn und Herz. So schimmern durch den schrillen Oberflächenglanz der Rede dieser plebejischen Turbo-Typen unversehens treffliche Charakterskizzen (und Gesellschaftsstudien) hindurch; Bukowskis griffige Sozialschmonzetten sind immer auch kantige Tragikomödien. Im kollektiv schenkelklopfenden Schlagergegröle grummelt beständig der Einsamkeits-und Verlorenheitsblues. Das macht die Arbeiten dieses Dramatikers allemal und bei aller Trivialität zu wirklichen Volksstücken jenseits allen Kitsches.
...'Nach dem Kuss' darf getrost als sein bisheriges Meisterwerk gelten. ... Und Regisseur Hans-Joachim Frank haut diese philosophisch so sanft wie kühn durchwehte Abgründigkeit – presto, presto – aufs Brettl, dass es nur so kracht und lacht und heult und schmerzt. Wunderbar, wie auch das perfekte Ensemble. So gelingt einem Off-Studio mit Leichtigkeit, womit der postmodern gespreizte, recht und schlecht Klassiker aufmischende Staatstheaterbetrieb sich meist schwer tut: nämlich das Groteske und Tragische des Daseins atemberaubend poetisch auf den Boulevard der Gegenwart zu packen.
Die Welt, 9.6.2006, Reinhard Wengierek

Bukowskis Stück, vorige Woche vom theater 89 zu den Ruhrfestspielen in Recklinghausen herausgebracht, hatte jetzt an der heimatlichen Adresse Berliner Premiere. Und einmal mehr staunt man, auf welch hohem Niveau hier ein Freies Theater spielen kann. Regisseur Hans-Joachim Frank gelingt eine hochgedrehte Farce mit stark erregten und durchgeknallten Figuren. ... Und sämtliche Darsteller, als hätten sie Super getankt, sind mit Witz, Schärfe und Vitalität bei der Sache. Das Publikum fragt gar nicht nach tieferem Sinn. Es regiert verrückte Burleske.”
Berliner Morgenpost, 10.6.2006, Peter Hans Göpfert

Bukowski beherrscht die schwierige Kunst der Volksdramatik. Sein Theater ist eine sehr eigene Mischung aus Mundart, Komödie und Zeitdiagnose. Martin Luthers alte Empfehlung, man müsse den Leuten aufs Maul schauen, will man wissen, was ihnen durch die Köpfe und Herzen rauscht, hat er zum Prinzip erhoben. Seine Figuren sind den Leuten nach dem Maul geformt.
Berliner Zeitung, 10.6.2007
, Dirk Pilz

Das fast aufgegebene letzte Drittel der Zweidrittel-Gesellschaft stand jetzt bei den Ruhrfestspielen auf der Bühne. Die Figuren in Oliver Bukowskis 'Nach dem Kuss' sind so was von durchs soziale Netz geknallt, dass es nur so scheppert. … Bukowski hat einen deftigen Schwank gemixt, wüst, laut und lustig, aber in den besten Momenten auch dramatisch und anrührend. … Greller Schwank, Sozial-Drama, Kalauer-Parade, Romanze – und das alles auf einmal? Das geht, wenn man ein Ensemble wie das Berliner theater 89 hat. Sie stellen ein so illustres Kiez-Typenkabinett auf die Beine, dass es eine Lust ist, zuzuschauen. Dabei stellt Bukowski seine Figuren selten zur Schau, meist schwingt die Sympathie mit für die Verlierer, die sich ins Koma saufen, um zu vergessen, dass sie sich selbst um ihr Leben betrügen und betrogen werden. Heftiger Applaus vor allem vom jungen Publikum im Bürgerhaus-Süd.”
Recklinghäuser Zeitung, 2.6.2006, Alfred Pfeiffer

Robbi und Jule sind natürlich Romeo und Julia, er Alkoholiker, sie eine Fremde. Wenn sie sich erstmals begegnen, quillt plötzlich die wunderbare Klassikerpoesie aus dem Mund der Russin. Sie rast und bebt vor Sehnsucht, was immer auch ein Kampf um die Sprache ist. Vom platten Sozialrealismus ist Oliver Bukowski weit entfernt. Seine Charaktere haben enorme sprachliche Möglichkeiten, einen riesigen literarischen Hintergrund, dessen sie sich kaum bewusst sind. Das gibt dem Stück einen faszinierenden doppelten Boden. … Hans-Joachim Frank hat die Uraufführung mit den ausgezeichneten Schauspielern des theaters 89 aus Berlin temporeich und klar inszeniert.”
Westfalenpost, 2.6.2006, Stefan Keim

'Shakespeare und kein Ende' prophezeite das Programmheft der koproduzierenden Ruhrfestspiele, wo Oliver Bukowskis 'Nach dem Kuss' auch seine Uraufführung erlebte - heftig akklamiert vom begeisterten Premierenpublikum im Bürgerhaus Recklinghausen - Süd, das im übrigen der Spielstätte des Theaters 89 an der Torstraße in Berlin - Mitte nicht unähnlich ist.
… Der große Erfolg ist einem Ensemble zu verdanken, das in der Schmuddel – Einheitsbühne von Annette Braun - die Natur bricht ein in die abbruchreife Kneipe Hajo – Majos, die sich flugs in Robbis oder Alex´ Behausung verwandelt - zu großer Form aufläuft: Zwei Stunden korrespondiert das so forcierte wie furiose Spiel der neun Darsteller mit der Schnoddrigkeit der Sprache Bukowskis, der die derbe Berliner Schnauze - und bisweilen auch die Lausitzer bis Dresdner - auf den Punkt hin verknappt. …
Bei den beiden 'Alten' Angelika Perdelwitz und Bernhard Geffke, sie lassen die Zimmerschlacht der Röpenacks zu einem sprachlichen wie szenischen Erlebnis werden, sowie den beiden 'Jungen' Vera Seemann und Matthias Zahlbaum, Vollblutschauspieler mit enormer Bühnenpräsenz, war das sicher so: Ihre reichlich mit Bukowski untergemischten 'Romeo & Julia - Dialoge zwischen zartester Anmut und deftiger Underdog - Anmache bildeten den Höhepunkt der dreiteiligen Uraufführungsreihe der Ruhrfestspiele'… .”
Herner Feulliton, 1.6.2006, Pitt Herrmann/Stadtportal

Das tolle Ensemble des theater 89 entwickelt aus dem treffsicheren, nur zum Ende hin etwas weitschweifigen Text lauter pralle Figuren. Vera Seemann als Jule mit ihrem niedlichen Akzent und Matthias Zahlbaum als Robbi sind ein süßes Duo. Ihnen hat Bukowski das ältere Ehepaar Röpenack gegenüber gestellt - Glanzrollen für die temperamentvolle Angelika Perdelwitz und Bernhard Geffke, der seine Pointen mit staubtrockenem Humor setzt. „Morgen, um elfe, hab ich Frisörtermin und dann verlasse ich dich, dass es nur so schnurpst!” dröhnt sie - und verspricht dann später doch, nur mit dem Hertha - Fanschal bekleidet zu tanzen. So kriegt wenigstens Röpenack sein Stück vom Glück.”
BJ/Ruhr Nachrichten – Kultur, 2.6.2006

Bukowskis Theater gehört der Sparte 'tragikomische Volksstücke' an, der gesamte Text ist (trotz oder gerade wegen gewisser provozierender Plattheiten) ein einziges Sprachspiel. Eine ganze Szene wird in russischer Sprache gespielt, das vermittelt mehr über die deutsche als alles andere und ist zugleich urkomisch. Die Juliana – Darstellerin Vera Seemann spielt das so glaubhaft, dass man die Aufführung für eine deutsch – russische Koproduktion halten möchte.”
Westfälische Rundschau, 2.6.2006, Rainer Wanzelius

 

EINE LIEBE IN DEUTSCHLAND
Das gelbe Licht des Neids
Eine Liebe in Deutschland in Fischbach
Harald Ruppert Südkurier, 7.Februar 2007

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Eine einsame, verheiratete, deutsche Frau betrügt im Kriegsjahr 1941 ihren fernab kämpfenden Mann mit einem polnischen Hilfsarbeiter. Alles strengstens verboten. Das Dorf tuschelt. Gestapo und SS werden aufmerksam. Das Schicksal nimmt seinen Lauf. Was unter normalen Umständen allenfalls zu einem Ehedrama geraten wäre, wächst sich in der Theataterfassung des auf Rolf Hochhuths basierenden Textes ´Eine Liebe in Deutschland´ zu einer bitteren Anklage der Unmenschlichkeit in Nazi-Deutschland aus. Das Stück verdichtet mit Hilfe der an sich einfachen Geschichte auf gerade einmal 90 Minuten so viele packende Aspekte, dass, wenn die Lichter wieder angehen ein gewaltiger Kloß im Hals steckt. …
Beklemmend realistisch lässt das 15köpfige Ensemble diese dumpfe Dorfwelt der Kriegszeit auferstehen. Nicht zuletzt der Kunstgriff, dass Polen die polnischen Figuren ausfüllen, erhöht die Authentizität ungemein. Ihr Spiel erreicht eine enorme Intensität, die nicht nur in den Momenten größter Emotionalität von der Bühne abstrahlt. Besonders die Charakterisierung des Sturmführers mit all seinen Dienstvorschriften erschrickt. Die geschickten Bühnenbild-Arrangements arbeiten mit Vorhängen, die jeweils nur bestimmte Ausschnitte der Bühne freigeben.
Ohne Wirkung bleibt das Gezeigte auf keinen Fall. Wenn man dann noch bedenkt, dass 1978 durch den Vorabdruck des Textes in der Wochenzeitung ´Die Zeit´ der damalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Hans Filbinger, zu Fall kam, dann ist die Relevanz und Brisanz der Thematik sozusagen amtlich.
Konkreter Anlass für die Aufnahme des Stückes war der 75. Geburtstag des Autors, der bei der Premiere auch persönlich anwesend war. Aber einen Anlass braucht das Stück für eine Aufführung eigentlich nicht. Es hat Ewigkeitswert.”
Schwebebühne (Internet), 6.4.2006, Karsten Schilling

„Rolf Hochhuth, dem so kindlich-streitsüchtigen und daher nicht minder liebenswerten Jubilar, wurde die letzten Tage in Berlin durch drei Projekte zum Geburtstag gratuliert: der allzeit abrufbaren STELLVERTRETER-Inszenierung am BE, der deutschen Erstaufführung seiner NACHTMUSIK (Schlossparktheater) und – was ungerechter Weise bisher mehr denn unbeobachtet, unrezipiert geblieben ist – der Uraufführung einer Spielfassung seines Romans EINE LIEBE IN DEUTSCHLAND durch das theater 89 die mit Enthusiasmus zu bewerben sich allein aus folgenden drei Gründen lohnt:
Christina Große und Bartosz Borula sind in dieser schönen, ruhigen und sehr poesiedurchtränkten Inszenierung Hans-Joachim Franks das leidvoll – leidenschaftlich zweisprachige Liebespaar Pauline Kropp und Stasiek Zasada. Und beide spielen gänsehauterregend.
Bartosz Borula kann außerdem in wundervoller Weise singen. Sein Tenor ist Cantus firmus im Quartett der Mitgefährten (Mateusz Grabowski, Grzegorz Sobczak, Damian Gorecki). Sie bringen drei durch Barbara Weiser in vierstimmigen Chorsatz arrangierte polnische Lieder zum Vortrag. Und auch das macht Fühlvollfrieren.
Schliesslich der in seiner Minimalität verblüffend vielseitige Bühnenraum von Volker Pfüller! Denn in passepartoutähnlichen Ausschnitten lässt er, mal kleiner und mal größer, Bild für Bild aus einem schwarzen Hintergrund heraus entstehen, sie in rot – orangem oder grünlich – blauem Lichtschein, je nach Stimmungen und Stimmungslagen dieser Stück um Stück verablaufenden Szenen, tauchen.
Und man wundert sich einfach nur.
Entdecken!! Finden!!!
Kultur Extra A – online magazin 2.4.2006, Andre Sokolowski

„Ja, er stand wirklich selbst hinter einem Büchertisch mit seinen Werken: Rolf Hochhuth erklomm am vergangenen Freitag, dem Vorabend seines Dreivierteljahrhundert-Geburtstages, die Stufen zum theater 89 in Berlins Mitte, hoch über der Torstraße, die ja auch schon mal nach Wilhelm Pieck hieß. Regisseur und Theaterleiter Hans-Joachim Frank hatte sich ein Geschenk ausgedacht: Die Dramatisierung von Hochhuths ´Eine Liebe in Deutschland´. ...
Franks Fassung führt uns eine Liebe im Guckkasten vor, in einer Camera Obscura, einer Laterna Magica. Alles spielt hinter einem Fenster aus schwarzer grober Gaze, das manchmal nur einen schlitzweit geöffnet und manchmal auch maximal zwei mal drei Meter groß ist (Bühne und Kostüme genial: Volker Pfüller). ... Dieses Fenster in die furchtbare Vergangenheit wird mal auf – und mal zugezoomt, ganz wie bei einem Fotoapparat. Und so haften die einzelnen Momentaufnahmen besonders fest im Gedächtnis. ... Stasiek, gespielt von dem Polen Bartosz Borula, das ist eine echte Entdeckung, ein Naturtalent. Gefunden hat ihn Hans-Joachim Frank in einem polnischen Laienchor in Slubice. Des Chores kleine Besetzung hat er gleich mitengagiert, und so hören wir zwischen den einzelnen Szenen vierstimmige polnische Volkslieder und Kirchengesänge. Eine Einstimmung auf den Tod unseres Helden – durch den Strang. Christina Große spielt Pauline. Ihre Sehnsucht nach Liebe ist so stark, dass es kein Entrinnen gibt – vor Ravensbrück. Dabei erleben die Zuschauer überaus sinnliches Theater und nicht nur eine Lektion in Sachen Verhalten unter Diktaturen. ... Ein außergewöhnlicher Abend. Später dann steht Rolf Hochhuth wieder am Bücherstand. Verbeugen wollte er sich nicht. Warum nur? Hat doch auch er den begeisterten Schlussapplaus dieser Uraufführung ehrlich verdient.”
Neues Deutschland, 3.4.2006, Hanno Harnisch

„1941 im Markgräflerland nahe der Schweizer Grenze. Hier verliebt sich die deutsche Gemüsehändlerin Pauline in den polnischen Zwangsarbeiter Stani. ...1978 schrieb Rolf Hochhuth seine Erzählung ´Eine Liebe in Deutschland´ nach einer wahren Begebenheit. Zum 75. Geburtstag des Dramatikers hat das theater 89 den immer noch bedrückenden Stoff für die Bühne adaptiert. Die fulminante Uraufführung in der Regie von Hans-Joachim Frank mit einem mit großer Intensität aufspielenden deutsch-polnischen Ensemble ging schlichtweg unter die Haut. ... In einem Guckkasten fügen sich einzelne Szenen zu einer verstörenden, grausamen Geschichte zusammen. ... Es ist der Triumph des Denunziantentums, dem nur wenige widerstehen. ...Eine düstere, zeitgeschichtliche Parabel in beklemmender Atmosphäre. Ein Muß deutscher Vergangenheitsbewältigung.”
Berliner Morgenpost, 3.4.2006, Ulrike Borowczyk

„Nach den vorangegangenen Invektiven Rolf Hochhuths wuchs Claus Peymann über sich hinaus, als er am 1. April, dem 75. Geburtstag des Dramatikers, ´Hochhuth zu Ehren´ den ´Stellvertreter´ in den BE-Spielplan nahm. Das kleine theater 89 ehrte Hochhuth auf originellere Weise: Es dramatisierte Hochhuths ´Eine Liebe in Deutschland´ aus dem Jahr 1978. Hochhuth hatte darin die Liebe zwischen einer badischen Gemüsefrau und einem polnischen Kriegsgefangenen im Jahr 1941 geschildert. ... In der Dramatisierung durch das theater 89 ist alles essayistische und sonstiges Beiwerk weggelassen. Die tragische Konsequenz des nach Nazigesetzen verbotenen ´Geschlechtsverkehrs´ zwischen der deutschen Frau Pauline und dem Polen Stani tritt mit antik zu nennender Lakonik und Wucht vor Augen. Christina Große als Gemüsefrau Pauline gestaltete die Zerissenheit ihrer Figur zwischen Furcht, Hingabe und Selbstanklage. Ganz und gar ins verdorbene der damaligen Zeit treffen die gezeigten Haltungen der Ortsnazis, der lokalen Gestapoverantwortlichen (besonders durch Eckhard Becker), der gezwungenen und freiwilligen Mitmacher und Nutznießer. Ein Theaterabend, der wegen seines authentischen Realismus unter die Haut geht. Er sei allen Schulen und allen Vergesslichen aufs Dringlichste empfohlen."
Ernst Schumacher, Berliner Zeitung, 3.4.2006

„Im Berliner theater 89 kam nun eine sehr knapp gefasste, dem Ablauf der Ereignisse bis auf einen Jahrzehnte später spielenden Prolog linear folgende dramatisierte Fassung der Liebesgeschichte auf die Bühne. Regisseur Hans-Joachim Frank und Bühnenbildner Volker Pfüller rücken das Geschehen in die Nähe christlicher Ikonographie, bauen die Stationen eines Kreuzweges auf, geben der einzelnen Szene Gewicht durch Überhöhung.”
Christoph Funke, DER TAGESSPIEGEL, 1.4.2006


SONST IS ALLES WIE IMMER
„Inzwischen hat es sich herumgesprochen: Familientreffen stecken voller Tücken. Besonders solche, die im Theater, auf der Bühne stattfinden. Da brechen die Dämme der Wohlanständigkeit, und die Leichen kommen aus dem Keller, je festlicher der Anlass des Zusammenkommens, desto mehr. Das ist auch bei Ralf-G. Krolkiewicz in seiner Tragikomödie sonst is alles wie immer nicht anders. Selbst wenn, zunächst, ein Hauch von Gemütlichkeit über der Geburtstagsfeier für einen halbdebilen 90-jährigen Familienpatriarchen liegt. Vier selbst ins Alter gekommene Töchter samt kuriosem Anhang spielen um 1990 Normalität, in einem furiosen Weibergeschnatter, das sich mühsam beschwichtigend über Abgründe hinweghangelt. Es herrscht Männermangel, und da werden auch eine Lesbe und ein mafiöser Schmuggler billigend in Kauf genommen. Bis schließlich doch ein Messer zum Einsatz kommt und der längst nicht mehr nüchterne Attentäter erfährt, dass er im Inzest gezeugt worden ist. Aber: Sonst ist alles wie immer. Auch der Zuckerkuchen gelingt noch.
Hans-Joachim Frank hat den munter fließenden, leicht dialektgefärbten Text Im theater 89 inszeniert mit einem Ensemble, das seit Jahrzehnten im erfundenen thüringischen Familienverband zu leben scheint. Man erfährt viel über Leute zur Wendezeit, manchmal mehr, als der Text verrät ...”
DER TAGESSPIEGEL, 4.2.2006, Christoph Funke

„Schon das prologisch konzipierte Rededuell der beiden Schwestern Lene (Simone Frost) und Dora (Angelika Perdelwitz), die den 90. Geburtstag ihres Vaters Ede (Johannes Achtelik) planen, zog das Publikum sichtbar in die vorausahnbare Katastrophenflut.
Der aus dem Pflegeheim herbeigerollte hochsenile Alte ist dabei der Katalysator einer sich mit jeder Minute dramatischer gestaltenden Familienbande, in der das Scheitern der Beziehungen und Biographien Normalität geworden ist. So führt die dritte der Schwestern, Rosie (Siegrid Richter), eine konfliktbeladene Beziehung mit ihrer Lebensgefährtin Teddy (Franziska Kleinert), in die ihr Sohn Olaf (Stefan Kowalski) mit seiner offenkundigen Nazigesinnung hinein giftet.
Schwester Lisbeth als vierte im Schwesternverbund hat ihren inkontinenten greisen Gatten zur Geburtstagsfeier gegen den hyperpotenten polnischen Zigarettenschmuggler Jacek ausgetauscht, und eine abwesende weitere Schwester birgt in der Ferne die Aura eines schrecklichen Geheimnisses. Selbst die einzig reine Liebesbeziehung von Lenes Cousine Olga (Katrin Schell) mit dem Zigeuner Lello (Bernhard Geffke) wird vom tödlichen Schatten einer unheilbaren Krankheit der engelsgleichen Schönheit bedrückt. Kein Wunder also, dass aus dem Geburtstagsfest eine gallig-aggressive Fehde wird und Opa stirbt ... Die Begeisterung für den Autor und das dramatische Potenzial seines Stückes war ungeteilt ...”
Märkische Allgemeine, 4.2.2006, Lothar Krone

„In Verwirklichung seiner Ankündigung, ein "Jahr mit Uraufführungen" zu bieten, hat ... theater 89 die Tragikomödie "sonst ist alles wie immer" von Ralf-G. Krolkiewicz zur Uraufführung gebracht. Wie viele neue Stücke spiegelt sie die Wendung vom Gesellschaftlichen ins Private, sozusagen vom Kalten Krieg in einen Familienkrieg wider ...
Der Regisseur bemüht sich, die "dreizehn Einstellungen" in der mobilen Ausstattung durch Anne-Kathrin Hendel und Justyna Jaszczuk spielen zu lassen durch Heike Jonca als aufgedrehte Lisbeth, Angelika Perdelwitz als "heiße" Dora, Simone Frost als "kalte" Lene und Siegried Richter als verstörte Rosie und Katrin Schell als Olga, konterkariert durch Stefan Kowalski als Sohn Olaf, Frank Voigtmann als Jacek, Bernhard Geffke als Lello und Johannes Achtelik als moribunder Vater Ede. Es geht deftig und ordinär, aufgekratzt bis bösartig zu - ganz der Vorlage gemäß...”
Berliner Zeitung, 9.2.2006, Ernst Schumacher

„Familienfeste sind dann am schönsten, wenn endlich alle besoffen sind und der Abwasch gemacht ist’, sagt Lene und die muß es wissen. Hat sie doch schon einige Feiern hinter sich und jetzt steht wieder eine ins Haus: Vadder Ede wird 90. Da versammeln sich die vier Töchter Lisbeth, Rosie, Lene und Dora samt Anhang in Erfurt, holen den Alten aus dem Pflegeheim und spielen glückliche Familie. Aber es gärt unter den Chiffonblusen, zu vieles ist noch unverdaut, da schmeckt nicht mal Doras Zuckerkuchen. Der Schnaps um so besser. Je mehr davon fließt, desto schauerlicher werden die Abgründe, die sich offenbaren.
Zugegeben, das klingt zunächst nach boulevardeskem Familienklamauk, doch die Bitterkeit der Burleske überrascht. Mit der Uraufführung von "sonst ist alles wie immer" stellt das theater 89 eine wahre Autoren-Entdeckung vor, Ralf-G. Krolkiewicz, den ehemaligen Intendanten des Potsdamer Hans-Otto-Theaters. Dichte Szenen, kluge Figurenarrangements, pointierte Dialoge machen Regisseur Hans-Joachim Frank die Sache leicht. Zudem hat er ein prima Darstellerquartett zur Hand, das die vier Töchter als reizende alte Schachteln spielt, ihnen aber gleichzeitig bemerkenswerte menschliche Tiefe gibt.”
Berliner Morgenpost, 8.2.2006, kap

„Das Bemerkenswerteste an diesem Abend ist, dass auch Bosheit Fantasie erfordert. Fordern und fördern – es beginnt eben alles in der Familie. Das Herz als Mördergrube – etwa so: Mir kann wirklich jetzt keiner was nachsagen. Ich hab doch hier die ganze Arbeit, jedes Jahr wieder bleibt alles an mir hängen und immer der Undank dazu. Ja, man fürchtet diese Rhetorik, man kennt sie. Am meisten fürchtet man, einmal selber so zu sprechen. …Ralf-G. Krolkiewicz hat mit „sonst is alles wie immer” (Autorenpreis beim Heidelberger Stückemarkt ein Familienfest ausgemalt, das Thomas Vinterbergs „Das Fest” in Sachen dunkler Familiengeheimnisse kaum nachsteht, aber diesem mit einem geradezu übermütigen Volkstheaterakzent (Regie: Hans-Joachim Frank) versieht, der immer wieder ins Aberwitzige umschlägt.”
Neues Deutschland, 9.2.2006, Gunnar Decker


NIEDERGÖRSDORFER WEIHNACHT 2004
„Zu Ausschnitten aus dem Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach sollte die Weihnachtsgeschichte auf einem Feld wie in einem Stummfilm ablaufen. Die Zuschauer standen rund 150 Meter entfernt auf dem Skaterweg. Es war die Idee von Hans-Joachim Frank, dem künstlerischen Leiter des theater 89. Niemand hatte zuvor so einen Einfall. Um 18.00 Uhr waren am Dienstagabend rund 300 Interessierte zu dem Feld gekommen, das an der Straße zwischen Niedergörsdorf und Dennewitz liegt. ... Die irdische Szene: das Feld und die Kulissen, die Hans-Joachim Frank sich hatte einfallen und bauen lassen, waren nicht in gleißendes Scheinwerferlicht getaucht, sondern wurden behutsam und mit Bedacht angestrahlt. ´Die Zuschauer sollten die Geschichte mehr erahnen. Sie sollen sich besinnen und nachdenklich werden´, erklärte der Regisseur. ... Im Dunkeln leuchtete plötzlich eine Fackel. Josef (Klaus Sucker) hatte sie in der einen Hand, im anderen Arm hielt er Maria (Petra Sucker). Gemeinsam schritten sie die Anhöhe hinab. In diesem Augenblick befanden sich die Besucher nicht mehr im 21. Jahrhundert. ... Nach rund 45 Minuten waren die Menschen wieder in der Gegenwart. Sie klatschten mit klammen Fingern und mußten das Erlebte erst verdauen. ... Auf diesem Feld bei Niedergörsdorf waren die Menschen in jener Nacht nicht nur ´Zeugen´ der Geburt Jesu geworden. Sondern sie wohnten auch der Geburt einer mutigen, kreativen und in ihrer Art bisher wohl einzigartigen Aufführung der Weihnachtsgeschichte bei.”
Märkische Allgemeine, 16.12.2004, Simone Duve

„Nach der letzten Aufführung der Niedergörsdorfer Weihnacht am Donnerstagabend ist für alle Beteiligten klar: Wir sehen uns im nächsten Jahr wieder. Der künstlerische Leiter von theater 89 ist nach den drei Vorstellungen glücklich und erleichtert. Die Menschen haben sein Angebot dankbar angenommen. ´Aus vielerlei Gründen suchen die Menschen so etwas. Es ist eine wohltuende Alternative in unserer oberflächlichen Mediengesellschaft´, sagt der Theatermann. An die 1000 Menschen waren, im wahrsten Sinne des Wortes, an den drei Abenden zu dem Feld zwischen Dennewitz und Niedergörsdorf gepilgert. Hans-Joachim Frank freut sich, daß auch viele Kinder und junge Menschen dabei waren: ´Vor allem für sie ist der aufklärerische Aspekt sehr wichtig. Viele von ihnen wissen ja heutzutage von Weihnachten nicht mehr, als dass es einen Tannenbaum und Geschenke gibt.´ Und er betont, dass die Aufführung nicht spektakulär, sondern als Anregung gedacht war.”
Märkische Allgemeine, 18.12.2004, Simone Duve


EFFI BRIEST,
THEATERSOMMER ALTES LAGER 2004

„Immer wieder versucht der Regisseur Hans-Joachim Frank in die Innenräume der Figuren vorzudringen. Versuch über die Einsamkeit: Oft sind die Spieler weit voneinander getrennt. Leid und Zorn lauern in langen Monologen. Christina Große, die der 'Garten'-Effi der Sophie Antoinette Becard folgt, zeigt Fontanes Heldin herb, zupackend, neugierig und leidenschaftlich.”
DER TAGESSPIEGEL, 19.8.2004, Christoph Funke

„Mit Leichtigkeit inszeniert die Fontane-Fassung, zu deren Premiere zusätzliche Bänke und Stühle herbeigetragen werden mußten. Mit einem Hauch open-air-theater läßt Frank das Stück auf der sonnigen Terrasse am 'Haus' beginnen. Effis (hier noch gespielt von der dreizehnjährigen Sophie Antoinette Becard) unbeschwerte Kindheit, aus der sie der Heiratsantrag des 20 Jahre älteren Landrates Baron von Instetten (Eckhard Becker) abrupt reißt, und die fortan etwas verklemmt wirkende Familiensituation zwischen allen Beteiligten werden sichtbar. Ist Instetten auch ein treusorgender Ehemann – ein wirklicher Partner oder Liebhaber ist er seiner Effi nicht. Nur allzu leichtes Spiel für Major Crampas (Matthias Zahlbaum), der sich alsbald in die erfrischend unkonventionelle Frau seines Freundes verliebt. Doch Crampas stirbt im Duell. Der vermeintliche Ehrenkodex jener Zeit ließ kaum eine Wahl. Fast ungläubig schaut man aus heutiger Sicht darauf. Mehr als 1000 Gymnasiasten aus Jüterbog, Treuenbrietzen, Belzig und Dahme haben sich bereits für die Vorstellungen der nächsten Tage angemeldet. Für Frank ein Indiz, dass sich das Bemühen um die Partnerschaft Schule-Theater lohnt.”
Märkische Allgemeine, 19.8.2004, Uwe Klemens


Stimmen zur Eröffnung DAS HAUS, 4.7.2003
„Den Theaterleuten ist es gelungen, Menschen aus der Region einzubeziehen und sie zu motivieren. Das positive Gegenteil von Provinztheater ist das theater 89.”
Johannna Wanka, Kulturministerin des Landes Brandenburg

„Als Hans-Joachim Frank Anfang der 90er Jahre in den Landtag kam, dachte ich: Der ist verrückt. Doch wer theater 89 erlebt hat, der weiß, dass man ihm ein solches Haus einfach bauen musste. theater 89 tut Brandenburg gut. theater 89 ist eines der besten Theater in der ganzen Republik. theater 89 ist ein Wunder mitten in Brandenburg. Wir alle hier sind in die Pflicht genommen und verantwortlich, den Glauben an dieses Haus weiterzutragen.”
Steffen Reiche, Bildungsminister des Landes Brandenburg