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Für Volker

Volker Pfüller
7. Juni 1939 – 23. Oktober 2020

Für Volker

Das kleine theater 89 hat Volker Pfüller etwas Besonderes zu verdanken. Sein graphisches Gesicht. Etwas, das bleibt von den unzähligen Eindrücken und Bildern, die ein Theater in über 30 Jahren hervorbringt. 73 Plakate hat er für uns entworfen. Von der ersten Produktion „Woyzeck“ im Frühjahr bis „Ratzdorf/Neißemünde“, unserer derzeit letzten.
Ich hatte, das muss 1988/89 gewesen sein, mit Pieter Hein und Annekatrin Hendel zwei Inszenierungen an der Kleinen Bühne DAS EI gemacht: „Der nackte Wahnsinn“ von Michael Frayn und Jürgen Holtz’ “König Kacke“. Volker entwarf die Plakate. Köstlich. Bösartig. Einmalig. Er hatte da schon eine tolle Reihe und bei Karl-Heinz Müller gewissermaßen das Monopol. Pieter war ziemlich sauer, dass er nicht zum Zuge kam. Jung und in Schwung trat ich an den Meister heran. „Ich habe da gerade ein Theater gegründet und brauche ein Logo. theater 89 soll drauf stehn und ein Plakat – ‚Woyzeck‘.“ Volker sah mich schräg von oben an. Murmelte nachdenklich etwas wie – muss ich mal sehn – und kam wenig später in die Torstraße, damals noch Wilhelm-Pieck-Straße, den Entwurf in der Mappe. „Woyzeck“, bis heute mein Lieblingsplakat, ein schwarzes Strichmännchen auf knallrotem Grund, mit dem Schriftzug theater ‘89 und unten am Rand rechts V.P.
Einen so renommierten Künstler zu beauftragen konnten wir uns nur leisten, weil Volker großzügig einen bezahlbaren Preis machte. Über die Jahre haben wir aber das Defizit, denke ich, ganz gut ausgleichen können. Volker lächelt. Gutes Geschäft. Am 18.8. waren wir das letzte Mal auf Schuckmannshöhe, um einen Entwurf abzuholen: „Ratzdorf/Neißemünde“. Ein Theatertag an der Neißemündung mit Blick auf den Fluss. Deutsche und Polen. Volker beschäftigte das auch. Schuckmannshöhe ist ja schon Grenzland und die Oder ganz nah. Wie oft waren wir da über die Jahre. Volker erzählt von seinen Arbeiten in Rudolstadt, und ich freue mich, etwas von Sascha zu hören, war er doch Regisseur unserer Schauspielschul-Studio-Inszenierung noch auf der Probebühne Ostberlin-Reinhardtstraße … 1974. Bettina bringt Tee und ein ganzes Sortiment von Kuchen, Plätzchen, Zucker, bestens angeordnet, und ist die schönste, klügste und sorgfältigste Gastgeberin der gesamten Uckermark. Da braucht es schon einen Moment, bis wir wieder bei Adolf Dresen und Alexander Lang am Deutschen Theater, in den Kammerspielen München oder bei Karl-Heinz Drescher am Berliner Ensemble sind. Unsere Gespräche und die Geschichten aus alten Zeiten werde ich nicht vergessen. Ein einziges Mal haben wir zusammen gearbeitet. Ich inszenierte zu Rolf Hochhuts 80stem Geburtstag eine Fassung seines Romans „Eine Liebe in Deutschland“ und hatte vom Autor mächtig viel Geld und konnte endlich mal alle anständig bezahlen und Volker Pfüller engagieren. Was für eine Aufregung. Volker konstruierte eine winzige Kammerbühne, nein, eigentlich eine Puppenbühne in schwarzem Samt und einer fokussierenden Einrichtung, mit welcher man das Bühnenbild zoomen, also verkleinern oder vergrößern, konnte. Eine mächtige Maschine musste dafür hinter der winzigen Bühne bedient werden, und unser Techniker Reinhard schwitzte nicht schlecht, um Volkers höchsten Ansprüchen an das Zusammenspiel von Bewegung, Licht und Bühne Genüge zu tun. Es klappte großartig, und unsere polnischen Jungs sangen dazu so ergreifend, dass selbst Ernst Schumacher samt Frau in der ersten Reihe ihren Ohren und Augen nicht trauten.

Volker fehlt uns sehr.
In diesem Sommer entstanden noch drei Plakate. Eine wilde Zamper-Gesellschaft in „Aurith/Urad“. Dorfrichter Adam. Ein Auge gekniffen, das andere weit auf, eine Schmarre längs übern Schädel hin und „Ratzdorf/Neißemünde“. Ein gewaltiger Schaufelraddampfer in voller Fahrt. Der Entwurf zu Jochen Kleppers Roman „Der Kahn der fröhlichen Leute“ hat uns nicht mehr erreicht.

Hans-Joachim Frank
18. November 2020


Volker Pfüller wurde am 18. November 2020 auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in der Chausseestraße 126 in 10115 Berlin-Mitte bestattet.